Wie wollen wir leben, lieben, arbeiten? In den Räumen des NDR in Hamburg trafen sich beim Festival Z2X³ von ZEIT ONLINE 230 Menschen zwischen 20 und 29 Jahren, um einen Tag lang gemeinsam Ideen für eine bessere Zukunft zu entwickeln.

Das Programm stammt aus den Ideen junger Visionäre, die sich für Hamburg mit eigenen Beiträgen unter anderem zum besseren Verständnis von autistischen Menschen, zu neuen Formen der Bürgerbeteiligung, zur mentalen Gesundheit von Behandelnden in Kliniken und Praxen, zur Kernfusion oder eben zu Lobbyismus für jeden beworben hatten.

Hier stellen wir diese fünf Ideen "zur Verbesserung der Welt oder des eigenen Lebens" vor, die in den Workshops und Frag-mich-alles-Sessions von Z2X³ diskutiert wurden. Vergangene Woche war das Festival schon in München, am 26. Mai ist es in Frankfurt am Main zu Gast (hier noch bewerben).

Autistische Menschen besser verstehen lernen

Jan-Frederik Metje war immer auf der Suche. Warum bin ich anders? Wo gehöre ich hin? Wieso handeln die anderen Menschen so irrational? Und wieso fallen mir soziale Beziehungen so schwer? In der Schule, im Privatleben und im Beruf musste er viele Enttäuschungen verarbeiten. "Es war ein langer Leidensweg." Mit 27 bekam er die Diagnose Asperger-Syndrom, eine Form von Autismus. "Das war das Puzzleteil, das fehlte." Heute, zwei Jahre später, kann Jan-Frederik sein Anderssein einordnen. Damit das auch andere Menschen können, hat er Auio gegründet. Auio soll eine Internetplattform werden, ein Hilfsmittel für autistische Menschen und ein Fenster in die Welt des Autismus für alle anderen.

Wie denken autistische Menschen? Was ist bei ihnen anders? Wie kann ich, als nicht autistischer Mensch mit autistischen Menschen umgehen? Und welche Fähigkeiten schlummern in Autistinnen und Autisten, die sich auch Unternehmen zunutze machen könnten? Jan-Frederik möchte mit Videos, Texten und einer Dialogplattform ein Netzwerk von Autisten und Nichtautisten schaffen, das autistischen Menschen eine bessere Teilhabe in unserer Gesellschaft ermöglicht. Bei Z2X durften ihn die Teilnehmer zu seinem Projekt ausfragen. Etwa ein Viertel der Teilnehmenden hatte selbst autistische Menschen im Bekanntenkreis. "Die anderen wissen es vielleicht nur nicht", sagt Jan-Frederik.

Demokratie stärken wie im alten Griechenland

Wie lassen sich Menschen wieder stärker für Politik begeistern? Katharina Liesenberg und Ilan Siebert haben eine Idee, die eigentlich gar nicht neu ist. Sie wollen Bürgerinnen und Bürgern die Chance geben, in einem Rat über die ganz große Politik mitzureden. Ausgewählt dafür werden diese Menschen per Zufallsprinzip – das Los entscheidet. Wie es schon in der ersten Demokratie im alten Griechenland geschah. In Frankfurt am Main gibt es ein erstes Projekt schon, es nennt sich Mehr als Wählen, Initiative für innovative Demokratie.

Unterteilt wird im Losverfahren nur nach Alter, Geschlecht und Regionen in Deutschland, ansonsten soll automatisch bestimmt werden, wer zu den Bürgerräten mit jeweils 100 Teilnehmenden eingeladen wird. Dort sollen die bunt zusammengewürfelten Volksvertreterinnen und Volksvertreter über zuvor festgelegte Themen diskutieren, sich eine Meinung bilden und Entschlüsse fassen. Diese Entscheidungen sollen dann an den Bundestag weitergegeben werden, allerdings als nicht bindende Empfehlung. 

Und warum sollten sich die Bundestagsabgeordneten dann an diese Empfehlungen halten? Weil durch die Bürgerräte ein öffentlicher Druck entsteht, weil sie das Parlament kontrollieren und weil man die Parlamentarier direkter an ihrem Abstimmungsverhalten messen kann.

Für ein Gesundheitswesen, in dem sich auch Helfende helfen lassen

Wenn ein Chirurg sich den Arm bricht, geht er zum Arzt. Doch was, wenn er anfängt, an sich selbst zu zweifeln, plötzlich antriebslos und unzufrieden ist, ständig schlecht gelaunt und depressiv? Sucht er sich eine Therapeutin?

Wer im Alltag Patientinnen und Patienten behandelt oder das vorhat – Mediziner, Therapeutinnen, Krankenpfleger oder Studierende in Heilberufen – gilt vielen als unverwundbar. Von ihm oder ihr wird erwartet, stets mental gesund zu sein, Stress, Überbelastung, Zeit- und Verantwortungsdruck einfach wegzustecken. Wer das nicht kann, der ist zu schwach und ungeeignet. Helfende, die sich selbst helfen lassen? Das passt nicht zusammen.

Dieses Tabu will Katharina Eyme mit ihrem Team brechen. Die Medizinstudentin hatte die Idee zu blaupause-gesundheit.de, einem Netzwerk für alle, die im Gesundheitswesen arbeiten und trotz Alltag psychisch fit bleiben wollen. Katharina hat einen Verein gegründet, mit Mitstreitenden baut sie ihre Plattform zu einem Forum, einer Informationsplattform und einer Brücke zwischen den Heilberufen auf. Das hilft gegen Stigmatisierung, Schubladendenken und dabei zu verstehen, dass mentale Gesundheit jeden etwas angeht. Und nicht erst dann, wenn es vielleicht schon zu spät ist.

Der sauberere, konstante Strom der Zukunft

Kernenergie ist nicht die Form der Energiegewinnung, die viele Menschen heute noch für zukunftsfähig halten. Doch die Rede ist hier nicht von Kernspaltung, sondern von dem umgekehrten Prinzip: der Kernfusion. Jonathan Schilling ist überzeugt von der Technologie, die eine Ergänzung zu den Erneuerbaren Energien sein könnte. Er forscht in der Experimentieranlage Wendelstein 7-X in Greifswald daran.

Eines der Probleme bei den Erneuerbaren Energien sind die hohen Schwankungen in der Versorgung, die sich durch nicht konstanten Wind oder wechselnde Sonnenintensität ergeben. Um aber im Stromnetz eine konstante Grundlast zu erhalten und die Versorgung etwa der Industrie Tag und Nacht zu gewährleisten, braucht es saubere Alternativen zu den bisherigen Kohle- und Gaskraftwerken. 

Kernfusion bietet hier Vorteile, sie ist weit weniger riskant als Kernspaltung, auch die Restprodukte sind nicht auf viele Millionen Jahre gefährlich, sondern müssen weniger als 15 Jahre gelagert werden. Aber die Technologie ist noch lange nicht soweit entwickelt, dass sie zur Energieerzeugung genutzt werden kann. Dennoch versucht Jonathan, stärker in einen Diskurs über den Nutzen und die Risiken einzusteigen.

Lobbyismus, jetzt aber für alle

Das mit den Lobbyisten ist so eine Sache. Ohne Lobbyarbeit landen Themen selten auf der politischen Agenda. Doch erfolgreiche Lobbyistinnen und Lobbyisten arbeiten meistens für erfolgreiche Unternehmen, die sie gut bezahlen können. Die Anliegen kleinerer Gruppen haben weniger Chancen, gehört zu werden. Die Macher von Welobby wollen das ändern. Sie wollen eine Lobby schaffen, für alle ohne Lobby. Professionelle Lobbyisten setzen sich für die Anliegen anderer Leute ein. Deren Projekte werden auf der Plattform vorgestellt, über Finanzierungskampagnen sammelt Welobby das nötige Geld. Die Schritte der Lobbyarbeit sollen anschließend möglichst transparent dokumentiert werden.

In ihrem Workshop hat Laura Schäfer, 25, gemeinsam mit Teilnehmenden überlegt, wie Welobby funktionieren könnte. Nach welchen Kriterien werden die unterstützten Anliegen ausgewählt? Sollen Unternehmen die Projekte finanziell unterstützen dürfen? Welche Prozesse der Lobbyarbeit kann man transparent machen? Und welche Gespräche müssen dann vielleicht doch besser hinter verschlossenen Türen stattfinden, um wirklich eine Gesetzesänderung zu bewirken? Mit diesem Input wollen Laura und ihr Team weiter an Welobby arbeiten, Ende des Jahres sollen die ersten Projekte starten.