Das Z2X³-Festival der neuen Visionäre von ZEIT ONLINE ist an diesem Samstag zu Gast in Hamburg. Mehr als 200 Teilnehmende zwischen 20 und 29 Jahren diskutieren bei Z2X³ Ideen, wie sie das eigene Leben besser machen können – oder die Welt. Diesen Text hielt die Reporterin in der Redaktion von Panorama (NDR) und freie Autorin von ZEIT ONLINE, Alena Jabarine, als Blitzvortrag.

Ich habe in der Nacht zum 13. Februar einen Syrer umarmt und das ist ein Problem. Er hieß Basel, war 25 Jahre alt und die Umarmung war fest, weil ich nicht wusste, ob ich ihn wiedersehen würde.

Ich umarmte Basel, weil er gerade von Griechenland in die Türkei rüber wollte, mitten in der Nacht über den Evros, einen gefährlichen Fluss. Basel wollte Deutschland für immer verlassen, aber in die Türkei ging es für ihn ohne Visum nur illegal. Mein Kollege und ich haben Basel bis zum Fluss begleitet, und dann haben wir ihn umarmt.

Das war ein Problem. Denn wir haben einen Film über Basel gemacht.

Ich bin Journalistin. Und obwohl ich Journalistin bin, habe ich mit Basel gefiebert, mir Sorgen gemacht, gehofft, dass er die Überfahrt überleben wird. Weil ich für strg_f, ein neues, junges Reportageformat arbeite, war es kein Tabu, meine Emotionen in den Film reinzuschneiden. Und das habe ich getan.

Verbrüderung? Oder Haltung?

Vor allem Kollegen fanden das problematisch. Die Umarmung sagten sie, die hätten wir lieber rausschneiden sollen. Das könnte falsch verstanden werden. Von Verbrüderung war da die Rede. Von Aktivismus. Als hätten wir, die Reporter, unseren Protagonisten, eigenhändig über die Grenze getragen.

Als Journalistin, so lautet das Dogma, tut man so etwas nicht. Als Journalistin macht man sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer Guten. Ich finde es wird Zeit, dieses Dogma zu hinterfragen.

Denn was soll das eigentlich heißen, sich als Journalist nicht gemein machen? Dass man sich nicht auf eine Seite schlägt? Ok. Dafür gibt es das journalistische Handwerk, den Versuch, sich der Objektivität so weit wie möglich anzunähern. Aber bedeutet das auch, dass man bei der Recherche keine Empathie empfinden, keine Haltung zeigen darf? Ich finde nicht.

Zu behaupten, ich würde als Journalistin keine Abneigung empfinden, wenn ich Teilnehmer einer Neonazidemo interviewe, das wäre zum Beispiel eine Lüge.

Zwickmühle zwischen Professionalität und Menschlichkeit

Und ich möchte nicht lügen, nur um als seriöse Journalistin ernst genommen zu werden. Im Gegenteil. Ich bin doch Journalistin geworden, gerade weil ich empathisch bin. Weil mich Ungerechtigkeiten aufregen, weil ich mit meinen Geschichten die Welt besser machen will. Zumindest habe ich das mal geglaubt. Weil ich den Drang habe, nah ranzukommen an die Menschen, die in der Tagesschau sonst nur Statistiken sind. Ihre Beweggründe zu verstehen, und an ein Publikum weiterzugeben. Damit wir dann gemeinsam darüber diskutieren können.

Und über diese Nähe, die ich dafür herstellen muss, müssen wir offener sprechen. Wie ist es dazu gekommen, dass der Schleuser mich in sein Wohnzimmer gelassen hat? Das der kriminelle Jugendliche mir zeigt, wo genau und wie er Leute abgezogen hat? Dass eine Mutter mir detailliert beschreibt, wie ihr kleines Kind von einem Sozialarbeiter missbraucht wurde?

Zwischen Professionalität und Menschlichkeit

Natürlich habe ich nicht alle von ihnen umarmt. Aber jede Geschichte hat auch ein Making-Of. Das bleibt allerdings meist im Verborgenen, obwohl es oft mehr aussagt als das, was der Zuschauer am Ende präsentiert bekommt.

Ich hätte Basels Geschichte ohne Empathie nicht erzählen können. Denn er hat nichts davon, dass ich ihn filme. Anders als ein Politiker, ein Künstler, ein Aktivist, suchte Basel keine mediale Plattform, um für seine Partei, sein Produkt, seine Ideologie zu werben. Er war einfach nur ein verzweifelter Mensch, der nachts mit einem kleinen Rucksack über einen Fluss in eine ungewisse Zukunft flüchten wollte.

Einer, der zugestimmt hat, dass ich ihm dabei die Kamera ins Gesicht halte, nur aus einem Grund: Weil er mir vertraut hat. Weil er gefühlt hat, dass ich mich ernsthaft für ihn interessiere, auch jenseits des Films, den ich später veröffentlichen, für den ich möglicherweise einen Preis gewinnen, für den ich bezahlt werden würde, wenn er vielleicht schon längst im Fluss ertrunken wäre.

Ich wünsche mir, dass wir viel öfter auch das Making-Of erzählen. Dass wir Journalisten zeigen, wie wir recherchieren, wie wir mit Menschen umgehen, wo wir auch mal in der Zwickmühle stecken zwischen Professionalität und Menschlichkeit.

Und auch mal hinterfragen, ob mehr Menschlichkeit eigentlich zwangsläufig weniger Professionalität bedeuten muss. Was ändert es an Basels Geschichte, wenn ich ihn als Reporterin umarme? Wäre er ohne die Umarmung nicht über den Fluss gegangen, am Ufer sitzengeblieben? Vermutlich nicht. Aber wer weiß das schon?

Denn als Reporter sind wir niemals unsichtbar. So sehr wir uns zurücknehmen, Distanz halten, wir sind da und werden somit zum Teil der Geschichte. Das sollten wir uns eingestehen. Und damit ganz offen umgehen.