Dieser Text war als Blitzvortrag Teil des Z2X-Festivals in München.

Die Idee, von der ich erzählen will, entstand im Krieg. Vor drei Jahren ist eine Freundin von mir auf eine Recherchereise nach Rojava gefahren, in die autonome kurdische Region in Nordsyrien. Sie besuchte dort selbstorganisierte Frauenkollektive wie zum Beispiel eine Schneiderei, in der Uniformen für die Verteidigungseinheiten genäht wurden. 20 Frauen arbeiteten dort. Sie verdienten alle das Gleiche, auch die fünf Managerinnen, die von der Belegschaft gewählt worden waren und regelmäßig durchwechselten. Inspiriert von den Frauen in Rojava fragte sich meine Freundin: Warum gründe ich nicht selbst ein Kollektiv?

Zurück in Deutschland erzählte sie mir von ihrer Idee. Und ich dachte: Endlich.

Z2X³ in München - »Bildet Banden!« Leonie Sontheimer hat ein Journalistinnenkollektiv gegründet, um über Umweltschutz und Ungerechtigkeit zu schreiben. In ihrem Blitzvortrag ruft sie zu Zusammenarbeit statt Konkurrenzdenken auf. © Foto: Alexander Probst

Denn ich hatte schon lange ein Ziel, das mir bis dahin unerreichbar schien: guten Journalismus machen und davon leben können. Wie oft musste ich mir in den letzten Jahren anhören, dass man mit Journalismus ja nichts verdienen könne. Also strengte ich mich an. Schrieb Texte für lau, damit mein Name mal irgendwo auftaucht, beantwortete nachts um zwei noch E-Mails, damit ich bloß keinen nachlässigen Eindruck machte. Verbrachte meine Ferien mit Praktika, um einen Fuß in die Tür zu kriegen. Die Existenzangst steht in meinem optimierten Lebenslauf zwischen den Zeilen.

In unserer Gesellschaft gibt es den Glaubenssatz, dass jeder alles erreichen kann, wenn er nur hart genug dafür arbeitet. Nur wer rund um die Uhr arbeitet, sich dauernd selbst optimiert, bekommt Anerkennung. Das erzeugt enorme Konkurrenz und führt zu Selbstausbeutung. Eine Alternative gibt es nicht.

Selbst für diese visionäre Konferenz kann man sich nur als Einzelperson anmelden, muss etwas Einzigartiges in die Bewerbung schreiben und dann steht man hier alleine auf der Bühne und soll einen überragenden Vortrag abliefern.

Bei uns gibt es keine Hierarchie

Doch ich stehe nicht alleine. Hinter mir steht Collectext, ein journalistisches Kollektiv von sechs bemerkenswerten Frauen. Dass wir in dem Kollektiv nur Frauen sind, ist kein Zufall. Frauen, Trans* und Queere Menschen haben es in der männlich dominierten Medienwelt schwerer. Wir haben das am eigenen Körper erfahren: in abfälligen Bemerkungen des Ressortleiters, ewigen Diskussionen über gendergerechte Sprache und der strukturellen Benachteiligung, die Frauen erfahren, wenn sie sich für Karriere und Kinder entscheiden. Uns fehlten weibliche Vorbilder in Führungspositionen. Deswegen haben wir ein Kollektiv gegründet, das Frauen empowert. Das Diskriminierung benennt und dagegen ankämpft.

Bei uns gibt es keine Hierarchie, wenn wir etwas zu entscheiden haben, dann tun wir das im Konsens. Wir treffen uns regelmäßig, essen zusammen, beraten uns. Vor Honorarverhandlungen stärken wir uns den Rücken. Und wir suchen immer nach weiteren Verbündeten, um unsere Kontakte in die Redaktionen und Chefetagen zu teilen. Vor ein paar Wochen haben wir ein kostenfreies Magazin auf Instagram veröffentlicht. Aber das eigentlich Wichtige ist, dass wir eine Gemeinschaft bilden.

Ihr werden jetzt denken: Diese Geschichte habe ich schon tausend Mal gehört. Am Anfang steht eine tolle Idee, dann finden die richtigen Leute zusammen, gründen etwas und retten gemeinsam die Welt. Es ist die Heldengeschichte, die von Start-ups und Entrepreneuren im Silicon Valley und auch von Deutschlands Inkubatoren in Berlin und München immer und immer wieder erzählt wird. Bloß, für die Zuckerbergs und Bezos ist diese Geschichte ein Marketingmanöver. Sie instrumentalisieren unsere Visionen, um ihre Profite zu maximieren. Wir sollten ihnen diese Geschichte nicht länger abkaufen.

Die Idee hinter Collectext ist eine andere. Denn es geht uns nicht ums Geld. Wir wollen nicht das berühmteste Start-up werden, auf eine halbe Milliarde Nutzer skalieren und Millionen einwerben. Wir wollen einfach nur guten Journalismus machen und davon leben können.

Wir stärken uns gegenseitig


Ohne meine Kolleginnen hätte ich vielleicht schon aufgegeben. Aber dank ihres Zuspruchs habe ich angefangen zu sagen: "Ich bin Journalistin" statt "Ich möchte mal Journalistin werden". Wäre ich auf mich alleine gestellt, hätte ich keine Website und keine Visitenkarte, das wäre mir übertrieben vorgekommen. Aber es ist professionell und öffnet Türen. Das Wichtigste an unserem Kollektiv ist, dass wir uns gegenseitig stärken: Wir könnten um Aufträge konkurrieren, uns gegenseitig einschüchtern mit unseren Erfolgen. Aber wir haben uns entschieden, gemeinsam zu kämpfen und Erfolge der Einzelnen gemeinsam zu feiern.

Diese bewusste Entscheidung gegen Konkurrenz ist die Kernidee von Kollektiven. Hier gibt es keine Hierarchie, Entscheidungen werden gemeinsam gefällt. Kollektive sind eine Form des Widerstandes gegen dieses System, das uns dazu zwingt, auf Kosten anderer und der Umwelt zu leben. Es ist kein Zufall, dass es keine Rechtsform für sie gibt. Man kann eine Ich-AG gründen, aber keine Wir-AG.

Es ist ganz einfach. Nehmt Euch ein paar Minuten Zeit und beantwortet diese beiden Fragen: Welche wesentliche Veränderung möchtet ihr in der Welt sehen? Und: Wer sind die Menschen, die jetzt dazu bereit wären, mit Euch diese Veränderung anzustoßen? Seid mutig, seid radikal. Bildet diese Banden!