Das Z2X-Festival der neuen Visionäre von ZEIT ONLINE ist an diesem Samstag zu Gast in Frankfurt. 200 Teilnehmende zwischen 20 und 29 Jahren diskutieren bei Z2X³ Ideen, wie sie das eigene Leben besser machen können – oder die Welt. Dieser Text war als Blitzvortrag Teil des Festivals.

Wenn ich auf Partys neue Leute kennenlerne, erzähle ich immer: "Ich hab was mit Stadt studiert." Das ist einfacher als "Urbane Kultur, Gesellschaft und Raum". So lautet die genaue Bezeichnung meines Studiengangs. Aber nach dem zweiten Glas Wein kann man sich das nicht mehr merken.

Es gibt einen bestimmten Satz, mit dem unser Professor Jahr für Jahr die Erstsemester begrüßt: "The city is a problem that will remain." Denn egal, wie weit der technische Fortschritt uns führt, die Stadt und das Leben in ihr sind zu komplex, um jemals perfekt funktionieren zu können. Das soll aber niemanden davon abhalten, sich für seine Stadt, oder zumindest einen überschaubaren Teil davon, einzusetzen.

Mit dieser Überzeugung gehe ich jeden Tag ins Büro. Seit einem Jahr arbeite ich als Quartiersmanagerin. Teil meines Jobs ist es, Menschen darin zu unterstützen, sich für ihr Viertel stark zu machen. Damit sie selbst die Verbesserungen anstoßen können, die sie sich für ihre Nachbarschaft wünschen. An Anwohnerinnen und Anwohner mit tollen Einfällen mangelt es nicht.

Doch wo soll man sich treffen, um zum Beispiel ein Reparaturcafé, ein Kochprojekt mit Geflüchteten oder den generationsübergreifenden Stadtteilchor zu gründen? Für Menschen mit gemeinnützigen Projekten ist es schwer, einen Raum zu finden, der ihr Budget nicht sprengt. Gerade, wenn diese Projekte erst in der Findungsphase sind und sich die Pionierinnen und Pioniere dahinter noch nicht in einer festen Vereinsstruktur organisiert haben.

Und mal ehrlich: Wer würde zum ersten Treffen direkt in sein Wohnzimmer einladen? Klar, man kann sich im Café um die Ecke treffen. Doch damit werden automatisch die ausgeschlossen, denen das Geld für zwei Latte Macchiato fehlt.

Haben wir zu wenig Platz für gute Ideen? Nein, das glaube ich nicht. Wir müssen den Raum anders nutzen. In Frankfurt findet man 69.664 Unternehmen auf 11,7 Millionen Quadratmetern Bürofläche. In vielen dieser Unternehmen gehen nach Geschäftsschluss die Lichter aus. Meetingräume, Kaffeeküchen, Mitarbeiter-Gyms – ab dem Feierabend verwaist. Man stelle sich vor, diese Räume wären abends und am Wochenende nicht nur vier Wände und ein Linoleumfußboden mit merkwürdiger Farbgebung. Sondern eine Brücke zur Zivilgesellschaft.

Der Begriff Sharing Economy hat etwas leicht anrüchiges, seitdem Airbnb, Uber und Co. diese Utopie zu Geld gemacht haben. Doch der Grundgedanke bleibt genial: Eine Ressource, beispielsweise Büroräume, die von einer Partei nur zeitweise genutzt wird, steht abseits davon noch anderen zur Verfügung. Was wäre, wenn wir aus diesen Räumen keinen weiteren materiellen, sondern einen sozialen Mehrwert generieren würden?

Initiativen könnten sich zum Beispiel über ein Portal bewerben und mit einer Firma in der Nähe matchen, die bei der Umsetzung mit ihren Räumlichkeiten unterstützt. Was hat das Unternehmen davon? Es setzt sich für nahe, leicht greifbare soziale Zwecke ein. Ich weiß, man kann hier tausend bürokratische Hürden sehen. Aber man kann mit dem Zweifeln auch kurz warten und anfangen, Visionen zu entwerfen.

Meine Vision lässt sich auch noch weiterspinnen. Angenommen, wir revolutionieren nicht nur die Möglichkeit, wie Menschen mit gemeinnützigen Ideen Raum für deren Verwirklichung finden können. Sondern öffnen damit auch Berufstätigen in Unternehmen die Tür zu mehr Teilhabe an der Zivilgesellschaft. Wir könnten ein Angebot schaffen für alle, die sich ehrenamtliches Engagement zwar vorstellen können, aber dafür bisher keinen Platz im Terminkalender finden. Wenn wir Möglichkeiten zum Engagement näher an den Arbeitsalltag dieser Menschen rücken, geht weniger kostbare Zeit verloren. Eine erfahrene Juristin etwa könnte mit ihrem Wissen der ehrenamtlichen Sozialberatung alle zwei Wochen nach Feierabend zur Seite stehen. Oder der zahlenverliebte Buchhalter hilft einem frisch gegründeten Nachbarschaftsverein in Sachen Kassenführung auf die Sprünge. Oder die Grafikerin entwirft für eine Bürgerinitiative einen neuen Flyer. Ohne Comic Sans.

Bisher ist das alles nur eine Idee. Wer sich davon nicht abhalten lässt und Lust hat, an der Umsetzung mitzuwirken, den lade ich gern dazu ein. Vielleicht sogar in mein Wohnzimmer.