Z2X³ in München - »Am ruhigsten bin ich in Krisensituationen« Musiker Keno Langbein blüht auf, wenn es stressig wird. Ein Blitzvortrag über die Utopie, als Prokrastinierer in der Leistungsgesellschaft zu bestehen © Foto: Alexander Probst

Das Z2X-Festival der neuen Visionäre von ZEIT ONLINE ist an diesem Samstag zu Gast in München. 200 Teilnehmende zwischen 20 und 29 Jahren diskutieren bei Z2X³ Ideen, wie sie das eigene Leben besser machen können – oder die Welt. Dieser Text war als Blitzvortrag Teil des Z2X³-Festivals in München.

Zitate sind immer ein guter Einstieg, sie geben dem Gesagten eine gewisse Autorität. Am besten zitiert man jemand Schlauen, dem alle glauben.

Hier also ein Zitat von mir selbst. Es stammt aus meinem Tagebuch:

"Womit ich nicht klarkomme, ist, wenn es nichts gibt, das unbedingt getan werden muss. Ich komme nicht zurecht mit dieser Freiheit. Ich reagiere darauf, indem ich mich beschäftige: Ich mache Termine. Leider habe ich dabei aber ständig das Gefühl, an meiner eigentlichen Bestimmung vorbeizuarbeiten. Ich wünsche mir Aufgaben, die gleichzeitig einfach und zwingend sind. Ich brauche das Müssen. Das Wollen gönne ich mir nicht. Der Grund dafür ist Feigheit. Ich traue mich nicht, zu träumen. Wenn genug Druck da ist, denke ich nicht daran.

Am ruhigsten bin ich in Krisensituationen, die keine Grübeleien zulassen. Da funktioniere ich gut. Deshalb mag ich es, wenn Unfälle oder Pannen passieren, die den ursprünglichen Plan ruinieren. Manchmal wünsche ich mir sogar heimlich, dass etwas Schlimmes passiert, dass ich mich verletze oder erkranke, damit das Leben seinen gewohnten Gang verändern muss."

Schlecht geeignet für so viele Freiheiten

Das Zitat hat mich zum Nachdenken gebracht. Ich möchte die ganze Zeit etwas Außergewöhnliches tun, tue aber gleichzeitig nichts, wozu ich nicht gezwungen bin. Vielleicht bin ich schlecht geeignet für Zeiten, in denen man so viele Freiheiten hat, in denen mich meistens gar nichts zwingt. Deshalb verwende ich viel Zeit und Energie darauf, etwas zu finden oder zu erfinden, das mein Tun rechtfertigt.

Aber ich glaube, ich bin damit nicht allein. Überall und jederzeit sind Menschen damit beschäftigt, sich Rechtfertigungen zu suchen für ihr Handeln, für ihr Wollen, für ihre Existenz. Das geht vom aufwändigen moralischen Gedankenkonstrukt bis zum Fußballverein, vom gemeinsamen Feindbild bis zur Religion. Manche machen einfach, was gerade in ist, manche krampfhaft das Gegenteil.

Oder sie reden von der guten alten Zeit. Träumen sie von einer glorreichen Vergangenheit, die es nie gegeben hat: von einem reinen Volk oder sicheren Landesgrenzen. Alles Legenden, Geschichten, Erfindungen.