Diesen Ideen gehört die Zukunft

Auf Einladung von ZEIT ONLINE trafen sich am ersten Septemberwochenende 1.000 engagierte Menschen zwischen 20 und 29 Jahren beim Z2X18-Festival in Berlin. In fast 100 Workshops, Frag-mich-alles-Sitzungen und Blitzvorträgen stellten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Ideen "zur Verbesserung der Welt oder des eigenen Lebens" vor.

Aus dieser Vielfalt wählte die Z2X-Jury zum Abschluss der Konferenz die zehn vielversprechendsten Ideen aus. Wir stellen sie hier mit jenen Laudationes vor, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von ZEIT ONLINE, ZEIT und ze.tt auf der Bühne gehalten haben. Beim abschließenden Voting durch alle Teilnehmenden erhielten die ersten drei der hier aufgeführten Projekte die meisten Stimmen. Nach welchen Regeln wir als Veranstalter über das Festival und unsere Weltverbesserer-Gemeinschaft Z2X berichten, lesen Sie hier.

Z2X - »Es ist gut, dass wir Banden bilden« Beim Z2X18-Festival in Berlin trafen sich rund 1.000 junge Menschen, um Visionen für die Gesellschaft von morgen zu entwickeln. Zu Gast waren unter anderem Sophie Passmann und Kevin Kühnert. © Foto: Phil Dera

1. Purpose-Stiftung

Wir sind alle Teil von Wirtschaft. Das können wir jetzt blöd finden, uns in Desinteresse oder marxistischen Parolen wälzen – Wirtschaft ist trotzdem da. Leider begegnen wir ihr viel zu oft in Form einer dunklen Macht – Stichwort "Shareholder-Value", "Spekulanten" oder einfach "Nestlé".

Die Brüder Achim und Adrian Hensen und ihre Mitstreiter wollen Unternehmen wieder zu dem verhelfen, wofür sie ursprünglich mal erfunden wurden: einen Sinn zu haben für die Gesellschaft und die Menschen, einen purpose. Die von den Hensens mitgegründete Purpose-Stiftung will das ermöglichen, und setzt dafür bei der DNA jedes Unternehmens an: dem Eigentum. Die Purpose-Stiftung hat eine eigene Rechtsform entwickelt, die vertraglich festlegt, dass ein Unternehmen nicht als Spekulationsgut für privaten Gewinn dient, sondern sinnstiftend und am langfristigen Erfolg orientiert arbeiten kann. Adrian Hensen und das Purpose-Team bieten Unternehmen und Start-ups die Infrastruktur und Beratung, um ihre Eigentumsverhältnisse neu zu denken. Mehr als 30 Unternehmen in Westeuropa und Amerika begleiten sie bereits beim Übergang in "Verantwortungseigentum". Die Prinzipien dahinter lauten: Gewinn ist nie Endzweck, sondern immer Mittel zum Zweck. Und: Die Macht im Unternehmen, die "Stimmrechte", können nicht an Spekulanten verkauft werden, sondern bleiben immer in Händen von Menschen, die mit der Mission des Unternehmens verbunden sind. Die Vision der Purpose-Stiftung: Mehr Menschen sollten von ihrer Rechtsform erfahren, damit sie von mehr Unternehmen adaptiert werden kann, die Idee bald in der Politik landet und Unternehmen endlich wieder ein gesunder Teil unserer Gesellschaft werden. Dafür veranstalten sie unter anderem eine Konferenz im Oktober in Berlin.

— Marlene Knobloch

2. Auio.tv

Was passiert, wenn eine Diagnose plötzlich alles in deinem Leben verändert? Wenn einem plötzlich von der Gesellschaft ein Stempel aufgedrückt wird? Jan-Frederik Metje ist das passiert. Er hat vor zwei Jahren die Diagnose Autismus erhalten, das ist eine neuronale Besonderheit des Gehirns. Bei Jan-Frederik zeigte sich das etwa, indem er sich in Gruppen einsam gefühlt hat. Mehr als 50 Prozent der autistischen Menschen leiden während ihres Lebens unter Ausgrenzung und entwickeln Depressionen. Jan-Frederik will aber nicht, dass sein Anderssein ihn von der Gemeinschaft trennt. Diese Kraft und positiven Erfahrungen will er weitergeben: Er gründete die Lernplattform auio.tv, die mit leicht verständlichen Videos über Autismus aufklären und praxisorientierte Hilfestellung bei Fragen zu Alltag, Familie, Freundschaften und Zukunftsplanung geben will. Sie soll aber auch zeigen: Menschen mit Autismus haben Stärken, von der die ganze Gesellschaft profitieren kann. Die Helfer, die ihn dabei unterstützen, nennt er liebevoll die "Trüffelschweine", sie suchen nach Betroffenen und Schnittstellen zur Gesellschaft.

— Friederike Hoppe

3. Blaupause Gesundheit

Was passiert, wenn die, die heilen sollen, selbst krank werden? Ärztinnen, Pfleger oder Physiotherapeuten. Wenn sie depressiv werden? Wenn sie unter Angststörungen leiden? Viele Menschen in Heilberufen haben große Angst, mit ihren Kolleginnen und Kollegen über psychische Probleme zu reden. Zu schwer ist es, sich einzugestehen, dass sie wohlmöglich einen Psychiater oder Psychotherapeuten brauchen, und sie wissen nicht, mit wem sie reden können. Außerdem – und das ist mindestens genauso schlimm – wird zu wenig getan, um psychischen Krankheiten vorzubeugen. Wo ist die flächendeckende Supervision für Ärztinnen und Ärzte? Was passiert, wenn ein Arzt nach einer 60-Stunden-Woche oder eine Krankenschwester nach der achten Nachtschicht sagt: "Ich kann nicht mehr"?

Katharina Eyme und Felix Radtke möchten, dass jemand hilft, wenn das passiert. Sie haben Medizin studiert und den Verein Blaupause Gesundheit gegründet. Ihre erste Maßnahme: ein Onlineforum, in dem sich Menschen austauschen können, die betroffen sind. Wenn sie wollen, auch anonym. Auf ihrer Website informieren sie über Krankheiten und Hilfsangebote. Außerdem wollen sie sich in Zukunft verstärkt auch an Fachverbände und Medizinstudierende im ersten Semester wenden, um das Bewusstsein für das Thema zu steigern. Sie wollen Selbsterfahrungs-Tandems für Betroffene einrichten und Forschungen zum Thema anstoßen. Dabei ist ihr Ziel etwas, das eigentlich selbstverständlich sein sollte – von dem wir aber noch weit entfernt sind: nämlich dass es nicht mehr komisch ist, wenn die eigene Ärztin depressiv ist. Sondern dass ihr geholfen wird.

– Jakob Simmank

4. Stadtplanung mit allen Sinnen

Städte sind oft hart und kalt: Glasfassaden blenden, Verkehrslärm erstickt jedes Gespräch, der Asphalt ist heiß und hart. Man stolpert schnell, vielleicht über eine lose Gehwegplatte oder eine Bordsteinkante. Das Gefühl von Sand zwischen den Zehen oder das Rauschen des Windes in den Baumwipfeln gibt es dort nicht. Kein blaues Meer, das an den Strandurlaub der eigenen Kindheit erinnert. Aber muss das so sein? Könnte sich eine Stadt nicht auch anders anfühlen? 

Franziska Schreiber, Hannah Göppert und Barbara Burkel wollen, dass sich die Stadtplaner der Zukunft genau diese Frage stellen. Dass sich Stadtentwicklungspolitik künftig nicht mehr nur an den Parametern "Anzahl der Menschen" und "Größe der zu bebauenden Fläche" orientiert, sondern sich vielleicht zuerst fragt: "Wie riecht das? Wie klingt das? Wie fühlt sich das an?"

Sie finden: In der Stadtplanung stehen viel zu häufig kleinteilige Probleme im Vordergrund, die verhindern, dass der Zukunft mit radikalen Ideen etwas Positives abgewonnen werden könnte. Sie wollen ein optimistisches Bild des Zusammenlebens in den Städten der Zukunft entwerfen. Und um das zu können, müssen sie sich den Menschen selbst noch mal genauer anschauen. Denn jeder nimmt seine Umgebung zuallererst mit den Sinnen wahr. Wie würden unsere Städte aussehen, könnten wir sie frei nach unseren Sinnen gestalten? Bei Z2X18 fiel der Startschuss für ein Projekt, das genau das herausfinden will.

— Marlon Schröder

5. Projekt Denkende Gesellschaft

Das Projekt Denkende Gesellschaft fördert den Dialog über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in dieser Demokratie – und damit genau das, was eine Demokratie ausmacht. Es geht um Politik, um Menschen und um die Bereitschaft, miteinander zu sprechen - auch wenn man anderer Meinung ist. Die freiwilligen Mitglieder des Projekts verbinden zwei konkrete Ziele: Sie wollen den gesellschaftlichen Austausch und die politischen Bildung fördern. 

Dazu fahren Tabea Huser, Hans Henninger, Lucia Layritz, Mai-Thu Bui und viele andere Mitglieder des Projekts in Gebiete mit geringer Wahlbeteiligung und sprechen an Haustüren und auf belebten Plätzen mit den Menschen vor Ort. Dann diskutieren sie – dabei geht es weniger um die konkrete Meinung als darum, sie konstruktiv auszudrücken und zu reflektieren. Häufig stoßen sie dabei auf Menschen, die resigniert sind, sich nicht vertreten fühlen und von mangelnder Diversität im Parteiprogramm sprechen. 

Auf diese Gespräche bereiten sich die Mitglieder des Projekts mit Workshops vor, bei denen sie unter anderem die Wahlprogramme der Parteien analysieren, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten festzustellen, über die sie dann mit den Menschen reden können. Und das Beste ist: Jeder kann mitmachen.

— Enno Eidens

Eine Plattform für Autisten

6. Auf der Suche nach der Zukunft der Arbeit

Wie werden wir in Zukunft arbeiten? Werden wir ein Leben lang den gleichen Job machen? Haben wir überhaupt noch einen Chef? Müssen wir Angst haben, arbeitslos zu werden, weil künstliche Intelligenz unseren Job besser erledigt als wir selbst? Das sind Fragen, die uns alle betreffen. Finn Köhler sucht nach Antworten. Deshalb reist der Filmemacher mit einem Dreierteam um die Welt und besucht Menschen, die erforschen oder schon ausprobieren, wie die Zukunft der Arbeit aussehen könnte. Im Gepäck haben sie eine Kamera, voraussichtlich im Frühjahr 2019 wird es ihre Dokumentation über die Zukunft der Arbeit geben – und jede und jeder kann sie kostenlos im Internet ansehen. Ihre Reise haben Finn und seine Mitstreiter bisher selbst finanziert. Zusammen mit einem größeren Team haben sie ein Unternehmen gegründet: 4ed1 für "Forever Day One". Andere im Team beraten Unternehmen, wie sie Prozesse und Teamarbeit anders gestalten können und finanzieren so die filmische Forschungsarbeit mit. 

— Juliane Frisse

7. Team Sonnenwagen

Das Team Sonnenwagen zeigt, dass prokrastinieren total sinnvoll sein kann: Die Idee, mit einem selbst gebauten Solarrennwagen durchs australische Outback zu fahren, hatten sie, als sie sich in der Klausurenphase vom Lernen abgelenkt haben. Jetzt baut das Team aus ungefähr 40 Studierenden von der RWTH und der FH in Aachen schon am Sonnenwagen 2.0. Der soll noch besser, schneller, effizienter sein. Und vor allem deutlich machen: Neuartige und nachhaltige Mobilitätskonzepte sind schon heute möglich und umsetzbar. Das wollen sie der Welt zeigen, und dafür muss der Sonnenwagen vor allem noch viel bekannter werden. Wenn 40 Studierende mit begrenzten Mitteln es hinkriegen, in knapp zwei Jahren einen Solarrennwagen zu bauen – was können sie dann erst mit einer großen Community schaffen?

— Jana Luck

8. Der Frühstücksbus

Schon mal gegen Nazis protestiert? Auf Wahlkampfveranstaltungen von denen gewesen? Leute angeschrien, deren Meinung man nicht teilt? Klar, man ist sich sicher, dass man recht hat. Aber danach fühlt man sich schlecht. Lennart Schulze hat sich schlecht gefühlt, als er in Friedrichshafen auf einer Wahlkampfveranstaltung der AfD war. So schlecht, dass er und die anderen Demonstrantinnen die AfDler einfach zum Tee eingeladen haben, um mit ihnen zu reden. Die Stimmung war schlecht, aber man hat sich danach nicht schlecht gefühlt. Aus dieser Idee entstand der Verein Frühlingserwachen. Sie fahren seit 2016 mit ihrem Frühstücksbus an Orte, an denen man normalerweise anonym bleibt und niemanden kennenlernt: Supermarktparkplätze, Hauptbahnhöfe oder größere Werke. Und kommen mit Menschen bei Brötchen und Kaffee ins Gespräch. Weil Gemeinsamkeit nur entsteht, wenn man einen Ort für sie schafft. Lennarts Ort ist der Frühstücksbus.

Lena Fiedler

9. Drip Cycle Tracker

Weltweit nutzen Millionen Frauen Zyklus-Apps, um ihre Menstruation zu überwachen. Eine super Sache – weil sie, anders als die Pille, hormonfrei ist. Doch abgesehen davon, dass sich nicht alle Apps als Verhütungsmittel eignen, gehen die wenigsten Hersteller umsichtig mit den Daten ihrer Benutzerinnen um. Da landet so manch zutiefst persönliche Information beispielsweise über das Sexualverhalten oder den Zustand des Ausflusses ungesichert auf irgendwelchen Start-up-Servern. Außerdem sind viele Apps geradezu abstoßend pink. Julia Friesel, Marie Kochsiek und Tina Baumann hat das genervt. Und daher haben sie beschlossen, eine eigene App zu entwickeln. Sie heißt Drip. Das besondere: Sie wird mithilfe des Prototype Fund von Frauen für Frauen entwickelt, ist wissenschaftlich fundiert, null flauschig und vor allem: sicher. Denn alle Daten bleiben bei den Nutzerinnen – sie werden nur lokal gespeichert und nicht kommerziell ausgewertet.

Alina Schadwinkel

10. Fairlanguage

Unsere Sprache beeinflusst unser Denken. Unser Denken beeinflusst unser Handeln. Also hat unsere Art, zu sprechen Auswirkungen darauf, in was für einer Welt wir leben. Tizia Macia und Michael Martens möchten, dass diese Welt so fair wie möglich ist – egal, welches Geschlecht man hat. Darum haben sie fairlanguage gegründet. Und selbst ein Autokorrektur-Plug-In programmiert, das schon beim Schreiben von Texten auf diskriminierende Formulierungen aufmerksam macht. In ihren Workshops zeigen sie auf nahbare Weise, wie gendergerechte Sprache aussehen kann und leisten Hilfestellung bei der praktischen Umsetzung. Außerdem beraten sie Unternehmen und zeigen mit Analysen ihrer veröffentlichten Inhalten Schwachstellen in der Sprache auf. Sie machen so auf Diskriminierungen aufmerksam und setzen sich für diversere Teams ein. Warum nicht einfach mal selbstkritisch reflektieren, an welchen Stellen man durch die eigene Wortwahl Menschen und Lebensrealitäten unsichtbar macht? Es ist nicht egal, welche Worte wir verwenden. Die Arbeit von fairlanguage schafft es, dieses Wissen an Unternehmen und Medien heranzutragen, die sich bisher wenig mit gendergerechter Sprache auseinandergesetzt haben. Und wer weiß: Wenn sich ihr Autokorrektur-Tool durchsetzt, treffen wir uns im nächsten Jahr vielleicht zum Festival der neuen Visionär*innen!

— Katharina Alexander