Europa ist mehr als ein geografischer Raum, mehr als die Interessen der einzelnen Staaten auf diesem Kontinent. Aber was genau macht es aus, dieses Europa? Und warum ist das so wertvoll?

100 junge Visionärinnen und Weiterdenker haben sich an diesem Freitag in Berlin getroffen, um in Workshops, Vorträgen und Frag-mich-alles-Runden Antworten zu finden. Z2X Europa war die dritte von drei Veranstaltungen im Rahmen einer Festivalreihe, die ZEIT ONLINE organisiert: für junge Menschen im Alter von 2X, also zwischen 20 und 29 Jahren, mit einer Vision. Nach den Themen Digital und Bildung ging es diesmal um Europa. Und darum, wie man es noch besser machen kann.

Ich möchte in einem Europa leben, in dem das Versprechen Europas für alle gilt.
Katja Sinko

Eröffnet wurde die Veranstaltung mit vier Blitzvorträgen. Den Anfang machte die "Vollzeit-Aktivistin" Katja Sinko, die mit The European Moment eine Plattform mitinitiiert hat, die proeuropäische Initiativen bündelt und ihnen Gehör verschafft. Sie ist zudem Mitglied im Team Europe der EU-Kommission. Sinko bezeichnete die EU als "das Erfolgsprojekt des 20. Jahrhunderts". Doch jetzt im 21. Jahrhundert bedürfe es einer "progressiven europäischen Allianz, über Partei- und Landesgrenzen hinweg", um europäische Probleme gemeinschaftlich zu lösen. Warum das wichtig sei? "Ich möchte in einem Europa leben, in dem das Versprechen Europas für alle gilt", stellte Sinko klar. Dazu sei jedoch ein Schritt nötig: vom Statisten zum Aktivisten.

Mimi Hapig stellt in ihrem Fünf-Minuten-Vortrag die Perspektivenwerkstatt Habibi Works in Griechenland vor: Aktuell befänden sich weiterhin Zehntausende Geflüchtete ohne festen Wohnsitz in Griechenland, viele von ihnen lebten in Zelten und temporären Camps: "Europa macht den Eindruck, als habe man sich entschieden, dieses Problem zu ignorieren", kritisierte Hapig. Dieser Haltung müsse man zivilgesellschaftliches Engagement entgegensetzen und Geflüchteten einen Zugang zu Bildung, Arbeit und einer Gemeinschaft anbieten. Dabei müsse eine Gesellschaft gar nicht immer fertige Lösungen präsentieren, sagte Hapig. Initiativen wie Habibi Works gäben Menschen die Möglichkeit, selbst eine Lösung für ihre Probleme zu finden. "Autonomie hat viel mit Würde zu tun," sagte Hapig.

Von Griechenland nach Großbritannien wechselten die Zuhörerinnen und Zuhörer mit einem Vortrag der britischen Künstlerin und Aktivistin Madeleina Kay, die sich in ihrer Heimat und in ganz Europa als Kunstfigur EU-Supergirl gegen den Brexit starkmacht. Dafür, dass es überhaupt zu einer Leave-Entscheidung kommen konnte, mache sie politische Akteure verantwortlich, die den Menschen "Illusionen verkauft haben". Der Remain-Kampagne dagegen sei es nicht gelungen, emotionale Argumente für einen Verbleib Großbritanniens in der EU zu finden. Deshalb habe sie es sich zur Aufgabe gemacht, ein paralleles Narrativ zu schaffen. Kay nennt es: "Propaganda im Dienste der Wahrheit."

Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer schilderten, wie ein Geistesblitz am Abendbrottisch innerhalb von drei Jahren zu einem Pilotprojekt der EU-Kommission wurde. #FreeInterrail nennen sie ihre Forderung: Alle EU-Bürgerinnen und -Bürger sollen ein Interrail-Ticket zum 18. Geburtstag bekommen, "um den Kontinent erleben zu können". Nur so könne eine europäische Identität überhaupt erst entstehen. Herr und Speer ermunterten dazu, auch simple Ideen zu verfolgen, denn manchmal liege genau in der Einfachheit der Zauber. Und sich selbst nicht in den Mittelpunkt des Engagements zu stellen: "Eine Idee ist dann stark, wenn sie auf möglichst vielen Schultern liegt", sagte Herr.

Nach diesen Vorträgen konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer anschließend verschiedene Workshops und Frag-mich-alles-Runden besuchen. Und sich dabei Europa von verschiedenen Seiten nähern.  

Warum ist es okay, dass man jungen Leuten in Ungarn die Zukunft stiehlt?
Bence Mate Szilagyi

Europa ist ein Kontinent der Populisten, zumindest in Teilen. Zwei Redner, Tommaso Ferrari aus Italien und Bence Mate Szilagyi aus Ungarn, berichteten von ihren Erfahrungen aus Ländern, in denen rechtsgerichtete, populistische Kräfte in der Politik an Einfluss gewinnen. Szilagyi, der seit einigen Jahren in Deutschland lebt, interessiert sich für das Verhalten junger Menschen in Ungarn und stellte die Frage: "Ist meine Generation verloren?" Er nehme mit Verwunderung wahr, wie schwach der Protest der ungarischen Jugendlichen gegen das Verhalten der Regierung ausfalle: "Warum denken Menschen in meinem Alter, dass es okay ist, dass man den Rechtsstaat abbaut? Warum ist es okay, dass man ihnen die Zukunft stiehlt?"

Tommaso Ferrari engagiert sich im Stadtrat von Verona und sieht das größte Problem etablierter Parteien darin, dass Rechtspopulisten einen Kampf gegen die sogenannten linken Eliten heraufbeschwören. Er glaube nicht, dass sich die Menschen grundsätzlich nicht mehr für Politik interessieren – sie interessierten sich nur nicht für Politiker. Die Parteien dürften deshalb nicht vergessen, einen Zugang zum Leben junger Menschen zu finden. Sonst, so Ferrari, verlören sie eine ganze Generation.

Wer lokal zusammenkommt, kann ein transnationales Bewusstsein entwickeln

Europa ist ein Kontinent mit Grenzen. Einblicke in seine Arbeit an den deutschen Grenzen gab Thorben Mundt, der sich in der Ausbildung zum Kommissar bei der Bundespolizei befindet. Den Beruf Polizist habe er gewählt, um Menschen zu helfen, erzählte Mundt. Und er sehe sich "zu 100 Prozent als Demokrat. Ich stehe zu diesem System, dessen Werte ich vertrete". Dazu zählten genauso die europäischen Werte.

Grenzen physisch überwinden wollen Gosia Wochowska und Ana Oppenheim. Die beiden Frauen stellten das Projekt Transeuropa Caravans vor: Auf fünf verschiedenen Routen touren fünf Karawanen durch insgesamt 15 Länder Europas. Wozu? "We want the people to connect locally to act transnationally", fasste es Oppenheim zusammen – lokaler Kontakt solle ein nationenübergreifendes Verständnis und Interesse fördern.  

Europa ist ein Kontinent der Bürokratie. Doch so schwierig ist es gar nicht, das Gewirr aus Paragrafen, Antragsstellen und Rechtsfragen zu durchsteigen, wie Phyllis Graf und Sarah Holland zeigten: Graf ist angehende Patentanwältin, Holland kennt als Projektmanagerin alle Finessen, die bei der Beantragung von EU-Förderunggeld zu beachten sind. Beide boten praktische Handreichungen, wie man in Europa seine Ideen schützen, nutzen und verwirklichen kann.

Super gemeint kann dann trotzdem kontraproduktiv sein.
Laura Krause

Europa ist ein Kontinent der Vielfalt, auch der sprachlichen. Wie kommunizieren wir also miteinander? Ein Projekt, mit dessen Hilfe sprachliche Hürden überwunden werden können, stellten Sébastien Vannier und Stefano Lippiello vor: Cafébabel ist ein Onlinemagazin, das in sechs Sprachen übersetzt wird. Auf Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Polnisch und Deutsch schreiben Journalistinnen und Journalisten über Themen, die das Alltagsleben junger Europäer berühren.

Laura Krause, die für die Organisation More in Common tätig ist, befasste sich mit anderen Schwierigkeiten des Miteinandersprechens: Wie erreicht man ein Gegenüber überhaupt? Wie und wo kann ich zu Zielgruppen aus anderen Schichten und Sphären vordringen? "Auf Autobahnraststätten", war ein Vorschlag: "Jeder muss mal, das ist sehr egalitär." Wichtig für jede Art der politischen Kommunikation ist es in Krauses Augen, einen angemessenen Ton zu treffen: "Ich glaube, dass alle Menschen ein sehr feines Gefühl dafür haben, wenn ihnen etwas aufgestülpt wird. Super gemeint kann dann trotzdem kontraproduktiv sein." Wer seine Ziele einfach und klar formuliere, erreiche häufig mehr.

Wovon sich die 100 jungen Expertinnen und Experten bei Z2X Europa überzeugen konnten: Europa ist ein Kontinent der Möglichkeiten. Gemeinsam lassen sie sich nutzen.

Nach welchen Regeln wir als Veranstaltende über das Festival und unsere Weltverbesserer-Community Z2X berichten, lesen Sie hier. Bewerbungen für die Z2X-Community sind hier möglich.