Tief im Wald auf bergiger Höh liegt die Gemeinde. Nicht mal eine Bundesstraße führt dorthin. Autobahn- oder Gleisanschluss, schnelles Internet, naher Flughafen: Fehlanzeige. Selbst das Mobilfunknetz schwächelt. Ziemlich schlechte Standortbedingungen in einer globalisierten Wirtschaft, die auf schnellen Austausch von Waren und Informationen setzt, könnte man meinen.

Doch Eisenbach im Hochschwarzwald, 50 Autominuten östlich von Freiburg im Breisgau, prosperiert: 2160 Einwohner, davon rund 1200 im erwerbsfähigen Alter, aber fast 1800 Arbeitsplätze. Die Bilderbuchlandschaft des "hohen Waldes" lockt seit Generationen viele Feriengäste. "Luftkurort" steht auf einer Holztafel am Eisenbacher Ortseingang. Aber nicht die Touristen sorgen hier für Arbeit, 93 Prozent der Jobs stellen die vielen kleinen und mittelgroßen Industriefirmen. Mittelständler von der Art, die sich seit Generationen als erfinderisch erwiesen hat – und als widerstandsfähig in Krisenzeiten. Wenn es ein Beispiel für die tragende Rolle von Familienbetrieben in Deutschland gibt, dann ist es Eisenbach. Hier kann man lernen, wie Mittelständler ihre Herausforderungen meistern – seien es der Fachkräftemangel oder die Suche nach Innovationen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Und man kann beobachten, wie Wirtschaft und Lokalpolitik fast idealtypisch zusammenarbeiten.

Der Bürgermeister lebt für seine Aufgabe

Der Mann, bei dem all diese Fäden zusammenlaufen, arbeitet im Rathaus, das mit seinen schmucken Giebeln auf einer Anhöhe thront, mitten in der Streusiedlung, die sich entlang des Eisenbachs erstreckt. Bürgermeister Alexander Kuckes – wache Augen, modische Brille, kurzärmliges Hemd – führt den Reporter die knarzende Holztreppe hoch in den Sitzungssaal des Gemeinderats. Es ist erst acht Uhr morgens, aber Kuckes hat in seinem Amtszimmer schon zwei Stunden lang Unterlagen studiert. "Meist bin ich bis acht Uhr abends hier", sagt Kuckes, dessen überladener Schreibtisch ihn als Workaholic ausweist. Seit 2004 ist der Stadtplanungs-Ingenieur der Chef im Rathaus, und man merkt: Der 50-Jährige lebt für diese Aufgabe.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT für Unternehmer 1/19.

Anhand eines Luftbilds an der Wand des Sitzungssaals erklärt Kuckes sein "Revier": Die Dörfer Oberbränd, Bubenbach, Schollach und der Hauptort Eisenbach bilden die Gemeinde Eisenbach (Hochschwarzwald). Eingebettet in Wiesen und viel Wald, 1900 Hektar, meist Fichten. Auffällig: Zwischen den Häusern und Weilern finden sich viele größere viereckige Flächen. "Unsere Industriebetriebe", erklärt Kuckes. Die Franz Morat Group in Eisenbach "auf dem Höchst", auf tausend Meter Meereshöhe, im "Untertal" IMS Gear, Gleason Cutting Tools und August Weckermann, in Oberbränd GSC Schwörer, Tritschler und Winterhalder. Neun größere Industriebetriebe zählt Kuckes auf. Hinzu kommen viele kleinere Betriebe. Zusammen nennen sie sich in Anlehnung ans kalifornische Silicon Valley das "Gear Valley", das Tal der Getriebe. Manche Firmen seien schon in der vierten oder fünften Generation in Familienhand, sagt Kuckes.

Woran liegt es, dass die Unternehmen in der abgelegenen Gemeinde geblieben sind? Kuckes muss ein wenig nachdenken. "Es liegt an de Leut", sagt er dann. Die Menschen aus der Region hätten traditionell eine positive Einstellung zur Arbeit, seien geborene Tüftler, meist gut ausgebildet. 21 Arbeitslose waren 2018 im Schnitt registriert, das ist eine Quote von rund zwei Prozent. Die Gemeinde wirkt wie ein Magnet, es gebe mehr als 1300 Einpendler, sagt der Bürgermeister. "Wer hier arbeiten will und kann", sagt Kuckes, "der bekommt einen Job."

Das Erfolgsgeheimnis von Eisenbach? Zahnräder

Wer das Erfolgsgeheimnis von Eisenbach ergründen will, landet früher oder später bei: Zahnrädern. Und bei der Franz Morat Group, ein paar Gehminuten bergaufwärts vom Rathaus, in der – so verbunden ist man hier mit seinen Unternehmen – Franz-Morat-Straße. Die Geschäfte laufen gut. Im Jahr 2008 setzte das Unternehmen 38 Millionen Euro um, 2019 soll die 100-Millionen-Euro-Schwelle geknackt werden. Die Belegschaft im Eisenbacher Stammbetrieb hat sich auf fast 600 Mitarbeiter mehr als verdoppelt, und man sucht noch mehr Leute.

Die Gründe für den Erfolg kann man nachlesen in einer Festschrift aus dem Jahr 2012: Die 100-jährige Geschichte sei auch eine "Geschichte leidenschaftlicher Tüftler und Erfinder". Der Gründer, Franz Morat senior, entstammte einer Uhrmacherdynastie. Auch ihn trieb die Suche nach Innovation an: 1912 trennte er sich von der väterlichen Firma, weil er neue Produkte wie etwa Manometerzeigerwerke und Zählwerke bauen wollte. Sein Sohn, Franz Morat junior, diversifizierte weiter: Zahnrädchen, Zählwerke und Antriebe gingen in Exportmärkte wie Russland und Australien. In den 1960ern kam ein neues Material für Zahnräder hinzu: Kunststoff. Er ist leichter, preiswerter und im Einsatz leiser als Metall. Und er sorgte für einen weiteren Aufschwung in dem Ort, der das Metall im Namen trägt, seit hier im 15. Jahrhundert erstmals Brauneisenstein gefördert wurde – und der sich seither schon so viele Male neu erfunden hat.

Eisenbach hat eine Geschichte leidenschaftlicher Tüftler und Erfinder

Das gelingt Eisenbach, weil seine Mittelständler genau auf die Kunden hören – und weil die Tüftler hier auch heute noch eine entscheidende Rolle spielen. Holger Kuster etwa, 35, der bei Franz Morat die Entwicklung leitet. Kuster hat Mikrosystemtechnik und Maschinenbau studiert. Seine Masterarbeit machte er bei EADS (Airbus). Kuster sagt: "In einem großen Konzern ist der Entwickler nur ein kleines Rädchen." Bei Franz Morat habe er viel größere Freiheiten, sehe schneller, was aus einer Entwicklung wird. Außerdem könne man auf die Wünsche der Kunden viel besser reagieren: Ob Kunststoff, Metall oder eine Kombination beider Werkstoffe, "wir bieten stets kundenspezifische Lösungen", erklärt Kuster eine Stärke der Firma. Dabei sei es egal, ob der Auftrag aus der Autoindustrie, dem Maschinenbau oder der Medizingerätetechnik komme.