Gut möglich, dass seine Ideale mitschuldig daran sind, dass Andreas von Bismarck an einem Novembertag 2018 gegen einen Baum krachte. Drei Monate sind vergangen, seit er mit seinem Auto von der Landstraße abkam. Der Unternehmer empfängt in Trainingshose und T-Shirt im Haus seiner Eltern in Berlin; die Reha läuft noch, seine Lunge ist verheilt, der gebrochene Kiefer wieder zusammengewachsen, das Knie so weit genesen, dass er wieder laufen kann. Seine Mutter reicht Kuchen, gebacken zu seinem 40. Geburtstag, den er fast nicht mehr erlebt hätte. "Weil ich mich selbst an die letzte Stelle gestellt habe", sagt Bismarck, "weil ich so unverantwortlich war, für alles Verantwortung übernehmen zu wollen."

Bismarck nimmt Platz in einem Sessel und beginnt zu erzählen. Es ist die Geschichte eines Unternehmers, der Haltung zeigt in einer Zeit, in der seine Firma mit sinkenden Umsätzen kämpfen muss und die Demokratie mit sinkender Zustimmung. Bismarck und andere stehen damit für eine Entwicklung, die besonders den Mittelstand erfasst hat: Unternehmer, die ihre Verantwortung lange im Stillen wahrgenommen haben, empfinden nun das Bedürfnis, sich in der Gesellschaft sichtbarer einzubringen.

Dieser Text stammt aus dem neuen Magazin ZEIT für Unternehmer 1/19.

Bei Bismarck geht es zum einen um seine Firma Terrot, ein mehr als 150 Jahre alter Strickmaschinen-Hersteller aus Chemnitz, den er nach einer Insolvenz der Firma im Jahr 2006 übernommen und zu neuer Blüte geführt hat. Doch im vergangenen Jahr brach die weltweite Nachfrage nach den Maschinen ein, die schwächelnde Weltkonjunktur, Bismarck musste 30 Mitarbeitern kündigen und versuchen, Terrot wetterfest zu machen für die heraufziehende Krise. Das habe ihm schlaflose Nächte bereitet, sagt er.

Und dann ist da noch die politische Lage, die ihm Sorgen macht, der Erfolg der AfD, die wachsende Fremdenfeindlichkeit überall in Sachsen und gerade in Chemnitz, am Standort seiner Firma. Bismarck hat mit anderen Unternehmern die Initiative "Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen" ins Leben gerufen, um sich starkzumachen für Zuwanderung und Integration und gegen Fremdenfeindlichkeit. Er hat viel Zustimmung dafür erhalten, aber auch wütende Mails – er habe jedem Kritiker ein Gespräch angeboten, sagt Bismarck, kein einziger habe reagiert.

Stress und Übermüdung hätten dann wohl zu dem Unfall geführt. "Ich bin ein pflichtbewusster Mensch, ich lasse mir viel aufbürden", sagt Bismarck, "sonst hätte ich vielleicht eher die Reißleine gezogen und nicht erst gegen einen Baum fahren müssen."

Sich verantwortlich fühlen, sowohl für die eigene Firma und ihre Mitarbeiter als auch für die Gesellschaft: Diese Haltung ist es, die aus Sicht von Michael Woywode mittelständische Unternehmer kennzeichnet – mehr noch als die Größe ihrer Firmen oder deren Umsätze. Woywode ist Direktor des Instituts für Mittelstandsforschung an der Universität Mannheim, er hat im Laufe seiner Karriere viele Unternehmer kennengelernt, darunter Chefs von Familienfirmen mit langer Tradition. Woywode sagt, diese Menschen dächten mehr in Generationen als in Quartalsberichten, und es sei ihnen wichtiger, langfristig Weichen zu stellen, als kurzfristig den Gewinn zu maximieren.

"Neu ist, dass sich die Unternehmer heute lauter zu Wort melden", sagt der Forscher. Sie treten ein für die Europäische Union und kritisieren den Brexit, sie sprechen sich für Zuwanderung aus und gegen Abschottung, sie sorgen sich um den Verlust der Demokratie und wollen den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Die Unternehmer werden in politisch turbulenten Zeiten zu einem Anker der Stabilität.

Gut studieren lässt sich das daran, wie Unternehmer vor Rechtspopulismus warnen und sich für Zuwanderung aussprechen – auch deshalb, weil sie dabei mit mehr Gegenwind rechnen müssen, als wenn sie etwa gegen den Brexit Stellung beziehen. Lange sei er der Meinung gewesen, dass man als Unternehmer nicht viel über seine Haltung sprechen müsse, sagt etwa Daniel Sennheiser, Chef des gleichnamigen Kopfhörer-Herstellers, aber er werde sich nun nicht länger zurückhalten (siehe Seite 10). Ähnlich sieht es Antje von Dewitz vom Outdoor-Ausrüster Vaude, die die Initiative "Bleiberecht durch Arbeit" mitgegründet hat, mit der Unternehmer Geflüchteten bei der Integration helfen. Ihr zufolge haben viele Menschen Vertrauen in die Politik verloren – deswegen sei es wichtiger geworden, dass sich anerkannte Wirtschaftsgrößen in die Debatte einmischen.