Deutschland kann zu Recht stolz darauf sein, mit vielen Produkten weltweit führend zu sein und die stärkste Wirtschaft Europas aufgebaut zu haben. Es gibt aber einen Schlüsselbereich, in dem Deutschland mit Ausnahme von SAP wenig präsent ist: Software – und die darauf basierenden Geschäftsmodelle. Das verheißt für die digitale Zukunft nichts Gutes.

Sicher benutzen wir alle Smartphones, sind mit dem Internet verbunden und kaufen online ein. Statistiken belegen, dass digitale Dienste in Deutschland mehr benutzt werden als in den meisten Ländern Europas und fast so viel wie in den USA. Diese Sichtweise blendet aus, dass nahezu alle verwendeten digitalen Technologien aus den USA kommen. Die Smartphones stammen von Apple oder basieren auf Googles Android. Videos werden von YouTube und Netflix gestreamt. WhatsApp und Facebook stehen als soziale Netzwerke bereit. Die größten Anbieter von Cloud-Diensten sind Amazon, Microsoft und Google. Bei der Spracherkennung ist Google führend. Amazon und eBay beherrschen den Online-Handel. Deutschland scheint in einen Dornröschenschlaf gefallen zu sein, wenn es um die digitale Zukunft geht. Das ist ein Problem.

Denn die Wertschöpfung ändert sich massiv – im Silicon Valley ist es schon passiert. "Software frisst die Welt", sagte der Netzwerkpionier Marc Andreessen schon 2011. Mehr als die Hälfte des Risikokapitals in den USA floss im vergangenen Jahr in Unternehmen, deren primäre Technologie Software ist. Im Vergleich dazu erhielten Hardwarespezialisten weniger als fünf Prozent des Wagniskapitals. Es ist offensichtlich, wo die Venture-Capitalists die Zukunft sehen.

Die Vorteile sind klar: Mit Software kann man Ideen zügiger umsetzen als mit Hardware, weil jedes Update schnell weltweit verbreitet werden und die Software verbessern kann. Softwareprodukte und digitale Dienste lassen sich effizient auf die Bedürfnisse einzelner Kunden zuschneiden und profitieren davon, dass Nutzer kontinuierlich Feedback darüber liefern, wie sie diese Produkte verwenden.

Mein eigenes Unternehmen ist ein gutes Beispiel: Arista Networks verkauft Netzwerk-Schalter. Aber mehr als 90 Prozent unserer Ingenieure sind Softwareentwickler. Unser Wachstum und unser Markterfolg basieren vor allem auf unseren Softwareinnovationen. Wir bauen auch sehr gute Hardware, aber eigentlich sind wir ein Softwareunternehmen.

Die wichtigste Softwaretechnologie der Zukunft ist die künstliche Intelligenz (KI), deren Entwicklung in den letzten Jahren rasant vorangeschritten ist. Aus Sicht der Beraterfirma McKinsey lässt sich KI vor allem im Verkauf und im Marketing einsetzen, zudem bei der Entwicklung von neuen Produkten, womit KI für nahezu alle Industrien relevant ist. Die Berater schätzen, dass die jährliche globale Wirtschaftsleistung dank KI um 3,5 bis 5,8 Billionen Dollar wachsen könnte – das entspricht etwa dem deutschen BIP.

Wie entwickelt sich das KI-Rennen? Führend in den USA sind die Internetfirmen Google, Microsoft und Amazon, gefolgt von Hunderten von Start-ups, die allein 2018 mehr als zehn Milliarden Dollar Wagniskapital aufgetrieben haben. Die US-Regierung hat die American Artificial Intelligence Initiative angekündigt, um die KI-Forschung zu beschleunigen. Auch die chinesische Regierung möchte 150 Milliarden Dollar über zehn Jahre bereitstellen. In Deutschland hingegen machen weder der private noch der öffentliche Sektor bedeutende Investitionen in KI.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT für Unternehmer 2/19.

Es gibt Grund zur Sorge – aber nicht davor, dass die KI die Weltherrschaft übernimmt. Das ist eine Hollywood-Fantasie. Der Mensch setzt der KI Ziele und Grenzen. Fürchten sollte man sich in Deutschland davor, dass das zukünftige Wirtschaftswachstum sehr von KI abhängt und Deutschland seine führende Stellung verliert, und zwar schneller als gedacht. Die rasante Entwicklung der KI könnte das Innovationstempo in den nächsten zehn Jahren um den Faktor zehn erhöhen.

Was also sollten deutsche Unternehmer tun, um aufzuholen und mitzuhalten? Sie müssen ihr Geschäftsmodell digitalisieren, in Software investieren, und sie brauchen mehr Softwareingenieure – egal, was sie herstellen. Software wird das Fahrerlebnis im Auto der Zukunft mehr und mehr prägen, medizinische Diagnosen erleichtern, die Suche nach Medikamenten beschleunigen, den Finanzsektor transformieren, die Landwirtschaft verändern, Prozesse effizienter machen.

Auch wenn die Pole-Position in dem KI-Rennen heute die USA und China einnehmen, ist es für Deutschland essenziell, hier ganz vorne mitzufahren. Das größte Risiko für etablierte Firmen und Industrien ist es daher, diese Zukunft zu verpassen.