Knapp hundert Meter vor der Firmenzentrale prallen die kleine und die große Welt das erste Mal aufeinander: "Vereinsheim Hundefreunde Rehau" steht auf einem blau-weißen Wegweiser links der Straße, eine Brauerei hat ihn spendiert. Rechts der Straße prangt ein großes, weißes Firmenschild, auf dem "Rehau: Corporate Head Office – Entrance – Construction, Automotive, Industry" zu lesen steht.

Willkommen bei Rehau in Rehau: Das Familienunternehmen mit Schwerpunkt Kunststoff heißt wie der Ort in Oberfranken, aus dem es stammt. Es hat weltweit 20.000 Mitarbeiter, davon arbeiten mehr als 2000 in dem kleinen Ort mit seinen 9000 Einwohnern. Drum herum: eine sanft hügelige Landschaft, viel Wald, viel Grün, die nächste Stadt, die diesen Namen verdient, ist Hof mit 47.000 Einwohnern. Die große Welt und die kleine, sie prallen hier oft aufeinander. Die englischen Business-Begriffe und der weiche Hofer Dialekt. Die Menschen aus der Region und die Geschäftsreisenden aus aller Welt. Das Heimat- und Wiesenfest mit Festzug zum Maxplatz und die Innovation Days im firmeneigenen Kommunikationszentrum.

Marc Augustin findet, dass sich die zwei Welten eigentlich ergänzen. "Die Offenheit und Internationalität der Firma, die Ruhe hier, das ist für mich optimal."

Der 27-jährige Werkstoffwissenschaftler ist Projektingenieur bei Rehau, obwohl er auch in München oder Hamburg bei Siemens oder Airbus arbeiten könnte. Aber Augustin hat sich für Rehau entschieden, das in seiner mehr als 70-jährigen Geschichte erst Handhalteschlaufen für VW Käfer produziert hat, dann Stoßdämpfer, Fensterrahmen, Rohre und Laminate, kurzum: alles, was man aus hochwertigem, robustem Kunststoff herstellen kann.

Viele Firmen verlegen ihren Sitz in die Großstadt

Für Rehau ist Augustin damit einer jener Glücksfälle, nach denen sich eher unbekannte, aber global orientierte Mittelständler sehnen, weil viele der Fachkräfte, die sie bräuchten, von Start-ups, IT-Unternehmen und der großen, weiten Welt träumen – und nicht von malerischen Landschaften, in denen morgens die Hähne krähen und abends die Grillen zirpen.

Manche Betriebe machen gemeinsame Sache, um Fachkräfte in ihre Region zu holen; in Zwickau etwa versuchen Unternehmen wie der Gebäudetechnikanbieter Micas, abgewanderte Fachkräfte über eine "Rückkehrerbörse" in ihre alte Heimat zurückzuholen. Andere Firmen verlassen sich inzwischen nicht mehr darauf, dass die Mitarbeiter zu ihnen in die Region kommen. Sie bieten nun Arbeitsplätze dort an, wo die Mitarbeiter leben wollen.

So hat der Heizungshersteller Viessmann aus dem hessischen Allendorf an der Eder vergangenes Jahr eine ehemalige Schuhfabrik unweit des Zionskirchplatzes in Berlin zu einem 4500 Quadratmeter großen Digitalstandort umgebaut. In Berlin-Mitte eröffnete der eigentlich aus Emmerich stammende Süßwarenkonzern Katjes eine Berlin-Dependance plus Café. Und der Schrauben- und Chemieproduzent Berner aus Künzelsau im Norden Baden-Württembergs verlegte 2016 gleich den kompletten Sitz der hauseigenen Holding vom 15.000 Einwohner großen Stammsitz an den Rheinhafen in Köln – weil die Personalabteilung errechnet hatte, dass das Unternehmen bis zu 38 Monate brauchte, um eine Stelle zu besetzen.

Das passt zu Daten, die das Institut der deutschen Wirtschaft Köln bei den Arbeitsagenturen des Landes zusammengetragen und für die Stiftung Familienunternehmen analysiert hat: Zwischen 2011 und 2017 ist die Zahl der fehlenden Fachkräfte im Bereich Maschinen-, Fahrzeug- und Elektrotechnik von 51.000 auf mindestens 80.000 gestiegen. Die tatsächliche Zahl könnte noch höher liegen, weil sich viele Firmen die Meldung beim Arbeitsamt sparen.

Werbung für die Provinz mit Designerlampen?

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT für Unternehmer 2/19.

Die oft gelobten Hidden Champions trifft das noch härter als weltumspannende Konzerne, weil sie als Arbeitgeber und Marken weniger bekannt sind und oft ihren Sitz abseits der großen Ballungszentren haben. Im Arbeitsagenturbezirk Bayreuth zum Beispiel, in dem Rehau liegt, waren 2017 mehr als 80 Prozent der Stellen in sogenannten Engpassberufen ausgeschrieben, das waren rund 30 Prozentpunkte mehr als in München.

Wie ist es dem Kunststoffunternehmen Rehau aus Rehau in diesem Umfeld nur gelungen, einen Mann wie Marc Augustin in die Provinz zu locken?

Im Bürogebäude des Unternehmens lässt sich leicht vergessen, wie ländlich, idyllisch und auch abgelegen die Region ist. Große Zimmerpflanzen mit imposanten Blättern stehen mittig im Büro, es gibt eine in sanften Gelb- und Grüntönen gehaltene Sitzecke, das Licht strömt aus Designerlampen. In der Ecke sitzt Augustin an seinem Laptop und hat die Kopfhörer aufgesetzt. Er entwirft und entwickelt bei Rehau Kunststoffbauteile für Autohersteller. In der Anfangsphase eines Projekts arbeitet er in Rehau; später, wenn die Teile in die Autos eingepasst werden, auch vor Ort bei den Herstellern selbst.