Zwischen Pauline Pautz und Dirk Spenner liegen nicht nur viele Jahre und jede Menge Kilometer. Pautz ist 18 Jahre alt und in Bernau bei Berlin aufgewachsen, Dirk Spenner ist 38 Jahre älter und stammt aus Erwitte in Nordrhein-Westfalen. Auch politisch trennen die beiden Welten. Spenner leitet in dritter Generation ein fast 100-jähriges Unternehmen, das Zement herstellt, und vertritt die Interessen seiner Branche im Netzwerk der Energieintensiven Industrien in Deutschland. Pautz engagiert sich seit Monaten bei der Klimaschutzbewegung "Fridays for Future" (F4F) und beginnt gerade ihr Studium der Politikwissenschaften an der Sciences Po in Nancy.

ZEIT für Unternehmer: Herr Spenner, Sie leiten ein Familienunternehmen mit 400 Mitarbeitern. Ihr Betrieb stellt Zement her, dabei wird extrem viel CO2 ausgestoßen. Frau Pautz, Sie organisieren seit einigen Monaten federführend die F4F-Proteste in Ihrer Region. Haben Sie in dieser Zeit schon mal mit einem Unternehmer oder mit Mitarbeitern aus einer Firma wie Spenner Zement diskutiert?

Pauline Pautz: Nein, das ist das erste Mal.

ZEIT für Unternehmer: Was erwarten Sie sich von Herrn Spenner – wie schätzen Sie seine Haltung ein?

Pautz: Ich denke, dass er zuallererst auf sein Unternehmen bedacht ist. Er wird Veränderungen vor allem daraufhin prüfen, wie sie sich auf seine Firma auswirken.

ZEIT für Unternehmer: Stimmt das, Herr Spenner?

Dirk Spenner: Ja, das passt schon. Nur handelt es sich um keine neuen Veränderungen. Das Thema Klimawandel und seine Begrenzung begleitet uns schon seit eineinhalb Jahrzehnten. Seit 2005 gilt das Europäische Emissionshandelssystem ETS, mit dem CO2-Zertifikate gehandelt werden. Die Zementbranche hat von der ersten Minute an mitgemacht – wir sind ja auch einer der relativ großen CO2-Emittenten im industriellen Sektor. Klar: Ich betrachte die Debatte in erster Linie durch die Brille des Unternehmers.

ZEIT für Unternehmer: Und in zweiter Linie?

Spenner: Ich habe verschiedene Perspektiven. Ich bin Vater, ich bin Unternehmer, ich bin Industrievertreter. Aber diese drei verschiedenen Perspektiven müssen nicht zwangsläufig zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Meine besondere Verantwortung erwächst schon daraus, dass ich 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftige, die mich fragen: Wie geht es weiter? Der Betriebsratschef fragt mich: Herr Spenner, sind wir die nächste Kohle – also die nächste Industrie in Deutschland, die dran glauben muss?

25 Prozent der Kohlekraftkapazitäten sollen bis Ende 2019 vom Netz gehen, fordert F4F.

ZEIT für Unternehmer: Und wo laufen Ihre verschiedenen Perspektiven auseinander?

Spenner: Selbst in der Industrie gibt es Stimmen, die sagen, dass absolute Klimaneutralität bis zum Jahr 2050 grundsätzlich machbar sein kann, wenn es entsprechende Rahmenbedingungen und Förderprogramme gibt. Wenn Sie mich aber als Privatperson fragen und nicht als Verbandsvertreter, dann bin ich der Meinung, dass das viel zu teuer wäre und zu massiven Widerständen führen wird. Aber die Industrie tut sich schwer, das laut zu sagen, weil das Thema im Moment sehr emotional diskutiert wird. Und währenddessen stellt die F4F-Bewegung immer noch ambitioniertere Forderungen.

ZEIT für Unternehmer: Frau Pautz, was sind denn Ihre zentralen Forderungen?

Pautz: Wir fordern die Einführung der CO2-Steuer noch in diesem Jahr. Die Schäden am Klima und an der Umwelt durch CO2 sind bislang nicht in den Preisen berücksichtigt, und deshalb rechnen wir eigentlich immer mit falschen Zahlen. Eine Steuer kann das ändern. Außerdem wollen wir, dass bis Ende 2019 ein Viertel der Kohlekraftkapazitäten vom Netz geht und auf die finanzielle Unterstützung für fossile Energieträger verzichtet wird. Wenn diese Subventionen wegfallen, würde das die erneuerbaren Energien aufwerten, weil die Preise dann vergleichbarer werden.

ZEIT für Unternehmer: Herr Spenner sagt, die hundertprozentige Klimaneutralität im Jahr 2050 sei illusorisch und zu teuer. Und Sie, Frau Pautz, sprechen von einem schnellen Umschwenken, noch in diesem Jahr. Empfinden Sie Ihre Forderungen eigentlich selbst als radikal?

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ZEIT für Unternehmer : Alle reden vom Wetter. Wir nicht.

Der Zement-Unternehmer Dirk Spenner streitet mit der "Fridays for Future"-Aktivistin Pauline Pautz über Klimapolitik

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Pautz: Natürlich sind unsere Forderung ambitioniert, und ihre Umsetzung wird sehr viel Arbeit machen. Aber wenn wir das Fortschreiten des Klimawandels verhindern wollen, ist jeder Schritt, den wir heute machen, viel mehr wert und gleichzeitig günstiger als jeder Schritt, den wir erst in zehn Jahren machen. Wir stehen vor entscheidenden Momenten in der Veränderung des Klimasystems. Wenn wir jetzt nichts machen, wird das dafür sorgen, dass sich der Klimawandel noch beschleunigt und kaum mehr aufzuhalten sein wird. Wenn zum Beispiel große Eismassen schmelzen, legen diese dunkle Erdflächen frei, die weniger CO2 speichern können. Deswegen müssen wir jetzt versuchen, solche Kipppunkte zu verhindern.

ZEIT für Unternehmer: Herr Spenner, wie radikal finden Sie die F4F-Forderungen?

Spenner: Die Forderungen von "Fridays for Future" sind mir viel zu radikal. Ich kann Frau Pautz’ Sorgen zwar nachvollziehen. Aber sie führen zu falschen Schlüssen, weil wir nur Deutschland betrachten. Setzen wir diese Forderungen um, wird sich die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie und insbesondere der energieintensiven Unternehmen rapide verschlechtern. Am Ende werden wir aber nichts gewinnen, wenn wir in Deutschland die Industrie schwächen – und die Emissionen nur verlagern. Polen beispielsweise sagt: Wir gehen den deutschen Weg nicht mit. Es hilft doch keinem, wenn Deutschland zwar aus der Kohleverstromung schneller aussteigt – und dafür am Ende polnischen Kohlestrom oder französischen Atomstrom importiert.

Pautz: Diese Frage stellen wir uns natürlich auch immer wieder: Wie finden wir eine globale Lösung? Aber wir müssen doch trotzdem auf nationaler oder regionaler Ebene etwas tun, auch wenn andere Regierungen möglicherweise gar nicht daran denken. Das verlangt doch allein schon unsere privilegierte Situation: Wir hier in Mitteleuropa sind von den Folgen des Klimawandels bisher weitgehend verschont geblieben. Die am schlimmsten betroffenen Länder befinden sich im globalen Süden. Europa und Nordamerika sind die größten Energieverbraucher. Und deswegen sind wir in der Pflicht.