Wenn Arne Habermann erzählt, was er mit seiner Firma vorhat, dann zeigt er Fotos jener zwei Menschen, denen er Leben und Arbeit zu verdanken hat – und die er bald enteignen will: seine Eltern. Auf einem Bild aus dem Jahr 1983 sind Vater Hans-Joachim im Anzug und Mutter Ilse im Kostüm zu sehen, sie lachen, gerade haben sie ihre Firma HBT gegründet, von nun an verkaufen sie maßgeschneiderte Software. Heute, fast 40 Jahre später, zählt HBT 50 Mitarbeiter und erzielt 50 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Arne Habermann macht das stolz: "Ich kenne keine Softwarefirma aus den Achtzigerjahren, die nicht längst verkauft wurde, fusioniert ist oder Insolvenz anmelden musste."

Habermann möchte, dass die Firma, die heute noch zu 75 Prozent seinen Eltern gehört und zu 25 Prozent ihm selbst, auch in Zukunft nie in die Hände von Investoren fällt. Deswegen würde er sein "typisch hanseatisches Unternehmen" gerne ganz untypisch umbauen – so, dass es zukünftig nicht mehr die Gesellschafter lenken, sondern jene Menschen, die im Unternehmen arbeiten. Sie können dann die Gewinne reinvestieren. Und wenn sie doch eine Dividende beschließen, so fließt die einer Stiftung zu, die gemeinnützige Projekte unterstützt. Das Unternehmen, so will es Habermann, soll "sich selbst gehören" und den Mitarbeitern und der Allgemeinheit nutzen. Habermann selbst bekommt dann nur noch sein Gehalt, seine beiden Kinder gehen leer aus. "Man kann das Verrat an der Familie nennen", sagt Habermann, "ich aber würde sagen: Wir werden damit unserer Verantwortung gerecht."

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Was Arne Habermann vorhat, klingt ungewöhnlich, wenn nicht gar verrückt: auf Eigentum verzichten – ohne Gegenleistung? Was spricht dagegen, Gewinne zu kassieren, die man unter Inkaufnahme großer Risiken erarbeitet hat? Warum sollten die Nachkommen nicht von dem profitieren, was man aufgebaut hat? Und wie soll sein Modell eigentlich ganz praktisch funktionieren?

Arne Habermann ist weder ein Spinner noch ein Einzelgänger. Viele Unternehmer stellen im Moment die Frage, wozu ihre Firma eigentlich dient. Sie lesen Bücher wie Start with why, das dafür plädiert, stets den Sinn der eigenen Pläne zu hinterfragen, bevor man sie umsetzt; sie studieren die Erkenntnisse des Vordenkers Frederic Laloux, der in seinem Buch Reinventing Organizations zeigt, wie man in Unternehmen sinnstiftender zusammenarbeiten kann. Häufig waren es bisher Start-ups, die sich mit diesen Gedanken beschäftigen, doch nun erreicht die Bewegung auch den Mittelstand und Familienunternehmer wie Arne Habermann.

Armin Steuernagel © Patrick Desbrosses

Diese Unternehmer finden, dass es bei Weitem nicht genügt, wenn Firmen Gewinne maximieren und ihren Eigentümern dienen, obwohl Milton Friedman das einst als deren "einzige soziale Verantwortung" bezeichnet hat. Friedman gilt als einer der wichtigsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts, er zählte zur Chicagoer Schule, die auf die Stärken des Marktes setzte und darauf vertraute, dass das Profitstreben Einzelner den Wettbewerb befeuere, Kosten senke, Produkte verbessere – und dieser Egoismus der Allgemeinheit mehr nutze als jeder Altruismus. Die neuen Sinn suchenden Unternehmer hingegen wollen mit ihren Unternehmen einen tieferen Sinn und Zweck verfolgen – einen "Purpose".

Purpose als Ziel des Unternehmertums

Der Begriff ist gerade angesagt. Kürzlich gelobten 180 Chefs namhafter US-Konzerne wie Amazon und Walmart in einem Statement of Corporate Purpose, auch ihren Mitarbeitern, der Gesellschaft und der Umwelt nützen zu wollen – und so mit der Tradition zu brechen, zuallererst den Aktionären zu dienen. Die Wirtschaftswelt geriet in Aufruhr: Das für seinen Liberalismus bekannte britische Wirtschaftsmagazin Economist warnte davor, dass dieser neue "kollektive Kapitalismus" mehr Schaden anrichten als Nutzen stiften könne. Andere wiederum sahen in der Erklärung nur warme Worte, die nichts an der Profitgier der Firmen ändern.

Für Leute wie Arne Habermann geht Purpose ohnehin viel weiter. Purpose ist für sie das Ziel des Unternehmertums selbst – und deshalb untrennbar mit der Frage verbunden, wem ein Unternehmen gehört. Sie glauben: Solange Aktionäre oder Familien die Eigentümer sind, wird ein Unternehmen vor allem darauf aus sein, deren Vermögen zu mehren. Also wollen sie den radikalen Bruch. Auch wenn der viel Kraft kostet.