Über drei Generationen - Hanns-Peter Herz aus Berlin erinnert sich in dieser und den drei folgenden Ausgaben von ZEIT Geschichte, wie seine Familie die bewegten Jahrzehnte vom Ersten Weltkrieg bis zur Wiedervereinigung erlebt hat

Teil 1: 1914-1932

Mein Vater wurde 1892 in Berlin-Kreuzberg geboren, das war damals eine vornehme Gegend. Er wuchs in einem liberalen jüdischen Haushalt auf. Sein Vater betrieb eine Wäscherei. 1914 war er 22 Jahre alt und meldete sich freiwillig zum Kriegseinsatz. Er begeisterte sich für die Monarchie in diesem Land, allerdings nicht für den "etwas blöden" Kaiser Wilhelm II., wie er ihn gern nannte, sondern für Friedrich III. – den mochte er sehr gern – und Wilhelm I. Unsere ganze Familie,
auch die Eltern meines Vaters, war monarchistisch angehaucht. Seine Eltern waren Juden, aber beide waren zum evangelischen Glauben übergetreten. Auch mein Vater war evangelisch getauft.

Im Ersten Weltkrieg war er in Frankreich, bei Verdun, dort hat er mitgekämpft und mitgelitten. Er war in einer Luftschiffabteilung; die Luftschiffe wurden aufgelassen, um das eigene Artilleriefeuer zu lenken und um zu beobachten, wo der Gegner seine Artillerie statio niert hatte. Das war gefährlich; zweimal wurde er mit dem Luftschiff abgeschossen, aber er blieb glücklicherweise ohne größere Verletzungen. Er hat diese Tätigkeit sehr gern ausgeübt. Durch eine Gasvergiftung erkrankte er dann allerdings an Asthma und kam zur Infanterie, die auch bei Verdun stationiert war. Später hat er seinen Dienst an der Marne geleistet. Und ist mit einem verkürzten Bein aus dem Krieg gekommen. Was er im Ersten Weltkrieg erlebt hat, war schrecklich, mein Vater hat nicht gern darüber gesprochen. Er pflegte zu sagen: Ich habe genug erlebt, das reicht für drei Generationen.

Bei Kriegsende war er in Berlin stationiert, beim 4. Garde-Regiment zu Fuß, das hatte seine Kaserne in Kreuzberg, dort, wo heute ein Finanzamt ist. Da war er in der Verpflegungsversorgung, er bekam also Mittagessen, irgendwelche Suppen, deren Zutaten nicht zu erschmecken waren, aber so warm, dass er satt wurde.

Dann ist er ins Freikorps Reinhard gegangen. Zu dieser Entscheidung kam es, weil die Kommunisten erklärten, dass sie eine Sowjet republik in Deutschland schaffen wollten. Das war meinem Vater so zuwider, dass er ins Freikorps ging. Er fürchtete, dass die Kommunisten alles, was an Demokratie erkämpft worden war, wieder kaputtmachen würden. Er ist aber bald wieder ausgeschieden, nach einem Jahr schon, weil ihm das doch zu rechts war. Er war auch nicht eingesetzt worden, sondern nur in der Reserve gewesen. Mein Vater war auch Mitglied im Soldatenrat; Deutschland muss eine Demokratie werden, hat er gesagt, aber keine Räterepublik – das war die Zeit, als in Bayern eine Räterepublik installiert wurde.

Ende 1919 ist er aus dem Heer ausgeschieden und hat Uniform und Waffe zurückgegeben. Zu diesem Zeitpunkt waren das Massenaustritte. Mein Vater war ein Gegner der von den Generälen des Kaiserreichs betriebenen Militärpolitik, die sich gegen den Versailler Vertrag richtete. Und auch manche der anderen Männer hatten vielleicht eingesehen, dass Militarismus und Demokratie unvereinbar waren.