Noch heute hängt bei der Lichtensteinbrücke ein Schwimmreif, so wie Egon Erwin Kisch es in seinem kalt glühenden Gedenktext Rettungsgürtel an einer kleinen Brücke (1928) beschreibt. Am Ufer ragt seit 1987 der stählerne Schriftzug ROSA LUXEMBURG, dessen Verlängerung hinab ins Wasser läuft. Das Gegenstück dieses Doppelmahnmals finden wir am Nordufer des Neuen Sees, an Liebknechts Todesort: ein Ziegelturm mit vertikalen Namenslettern und gebrochener Zinne. Ein Pärchen bummelt heran. Wir fragen mal, was sie so über Liebknecht wissen. Öhm, sagt der junge Mann. Das Mädchen: Eher nüscht. Wir erteilen eine historische Kurzlektion. Wat, erschossen, hier?, sagt sie. Er: Na, da kann man nüscht machen.

Die Nachgeschichte erzählt Klaus Gietingers fulminant recherchiertes Buch Eine Leiche im Landwehrkanal. Es gab, pro forma, Untersuchungen. Es folgte, voll Lug und Trug, eine Farce von Prozess, mit ein paar lächerlichen Strafen. Dem Mörder Pabst, geboren

1881, war ein langes Leben gegönnt – nein, beschieden. Kurz vor seinem Tode 1970, im Schutze der Verjährung, begann der eitle kleine Mann täterstolz zu reden. Vor seiner Entscheidung, Liebknecht und Luxemburg umbringen zu lassen, habe er Noske angerufen. Dieser habe ihn aufgefordert, die Genehmigung von General von Lüttwitz – Pabsts Vorgesetztem – zur Erschießung der beiden Gefangenen einzuholen. Pabst wandte ein, die werde er nie bekommen. Dann, erklärte Noske, müsse Pabst selbst verantworten, was zu tun sei. "Über das ›Daß‹ bestand also Einigkeit", notierte Pabst in einem Memoirenfragment. "Als ich nun sagte, Herr Noske, geben Sie bitte Befehle über das ›Wie‹, meinte Noske: ›Das ist nicht meine Sache! Daran würde die Partei zerbrechen, denn für solche Maßnahmen ist sie nicht und unter keinen Umständen zu haben.‹"

Die Nachbeben der Morde reichen bis ins Verhältnis von Linkspartei und SPD. Noch heute kursiert die Rechtfertigungslehre, Ebert und Noske hätten durch mannhaftes Handeln Deutschland vor dem Bolschewismus bewahrt. Das ist Siegersprache, und falsch. 1918 gab es in Deutschland keine den Bolschewiki vergleichbare diktatorische Kraft. Die eigentliche Revolution bestand in der Einsetzung der Arbeiter- und Soldatenräte, die wiederum gegen die parlamentarische Demokratie nichts einzuwenden hatten. Sie strebten die Demokratisierung der Exekutive an, besonders in Verwaltung und Armee. Die Ebert-Regierung hingegen schützte den feudal-bürgerlichen Staatskörper und das alte Militär. Aus Personal und Geist der Freikorps, die für Eberts Regierung den Bürgerkrieg gewannen, rekrutierten sich später SA und SS. Der Sozialdemokrat Gustav Noske war eine präfaschistische Gestalt.

Eine Heiligen-Verkitschung von Liebknecht und Luxemburg ist fehl am Platz. Doch wer wünschte sich gemein zu machen mit der "Tötet Liebknecht!"-Hetze? Mit dem Pogrom-Hass gegen die "Jüdin Luxemburg ", die "Galizierin", die "vaterlandslose Hure"? Sie hatte ein Vaterland: den Internationalismus. Am 19. Januar 1919 fanden die Wahlen zur Nationalversammlung statt. Welchen Geistes ist eine Regierung, die vier Tage zuvor ihre schärfsten Kritiker ermorden lässt?

89 Jahre nach der Tat, am 13. Dezember 2007, stellte die NPD-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Lichtenberg einen Antrag: Man möge den Anton-Saefkow-Platz in Fennpfuhl, benannt nach einem 1944 hingerichteten Kommunisten, in Waldemar-Pabst-Platz umbenennen: "als Zeichen der wahren Demokratie".

Einen Monat nach den Morden erschien in der Roten Fahne ein Foto mit dem Titel "Das Gelage der Mörder im Eden-Hotel". Aufgenommen wurde es am Tage nach der Tat. Waldemar Papst selbst ist auf diesem berühmten Bild nicht zu sehen. Das Gelage scheint eher ein Imbiss der Wachmannschaften gewesen zu sein. Kein Offizier ist abgebildet, keiner der direkt am Mord Beteiligten, aber zwei ihrer Büttel. Vorn am Tisch stiert seelentot der Jäger Runge, hinter ihm steht Edwin von Rzewuski, ein Mitglied der Wilmersdorfer Bürgerwehr. Er drosch Liebknecht und Luxemburg, die durch Runges Kolbenschläge bereits schwer verletzt waren, noch die Faust ins Gesicht. Was für Geburtshelfer hatte die Weimarer Republik! Im Frühjahr 1919 marschierte dann die Konterrevolution mit eisernem Stiefel durch Deutschland und hinterließ Tausende Tote.

Das Eden selbst ist verschwunden. Es stand nahe dem Zoo auf der Gabelung von Kurfürstenstraße und Budapester Straße. Im Zweiten Weltkrieg zerstört, riss man es in den fünfziger Jahren ab. Heute prunkt dort die Rundfassade der Berliner Volksbank. Am Ort der Rettungswache, wo Liebknechts Mörder ihr Opfer entsorgten, steht das Elefantentor des Zoos.

Das letzte Versteck von Liebknecht und Luxemburg, die Mannheimer Straße 43, suchen wir zunächst vergebens. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde umbeziffert. Das Haus trägt nun die Nummer 27. Eine Gedenktafel aus schwarzem Granit ist seit dem 15. Januar 1990 ins Trottoir gefügt. Der Gründerzierrat verschwand von der Fassade, doch die Doppelflügeltür blieb dieselbe. Über dem Eingang liegt die Verhaftungswohnung. Das Haus wirkt räudig und scheint leergezogen. Wir klingeln trotzdem, überall.

Da, man öffnet uns die Tür. Vor uns steht ein älterer Herr mit Goldrandbrille. Wir sagen: Liebknecht und Luxemburg. Jaja, er weiß, er kennt Heinz Knoblochs Buch Meine liebste Mathilde über die beste Freundin der Rosa Luxemburg, Mathilde Jacob, die den Nachlass rettete und 1942 im KZ Theresienstadt starb. Jetzt redet der Mann über Anarchismus und die Münchner Räterepublik. Sehr ätherisch spricht er, in schwebenden Schleifen. Uns fliegt etwas Sonderbares an. Wir fragen, wer er sei. Bitte?!, ruft er, leicht entrüstet oder überrascht. Ein Mitbürger, ja, das treffe es wohl. Wer heute in der Wohnung lebe? Er überlegt und sagt, mit Vorsicht: Ich.