Wir waren nie hier. Der Ort schien okkupiert. In jedem Januar, zum Jahrestag der Tat, zog eine Massenwallfahrt nach Berlin-Friedrichsfelde, an die Märtyrergräber. Auf einer kleinen, rot geziegelten Tribüne fror der Genosse Honecker, gerahmt von seinesgleichen. Dahinter ragte ein gewaltiger Porphyr mit den Lettern: Die Toten mahnen uns. Getragenen Tons berichteten die Medien der Republik vom ehrenden Gedenken der Hunderttausend und wie das Vermächtnis von Karl und Rosa in der DDR verwirklicht sei. Mit revolutionärer Abkunft legitimierte sich die SED-Macht – vor sich selbst.

So war’s, jahrein, jahraus, bis 1988 ein paar Ungläubige den Ritus störten. Sie reckten ein Transparent mit einem Luxemburg-Zitat: Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden. Zwar wurden die verbrecherischen Elemente unverzüglich inhaftiert, doch nur wenig später ging die ganze DDR zu Bruch. Die Wallfahrt überlebte, aber die Pilger wandern nicht mehr auf staatliches Geheiß.

Wir kommen im Juli 2008 und treffen nur die Toten. Zehn Grabplatten umlagern den Porphyr. Nicht alle decken sterbliche Reste. Ernst Thälmann wurde 1944 im KZ Buchenwald erschossen und verbrannt. Rechts von Karl Liebknecht ruht Wilhelm Pieck, der erste Präsident der DDR; fast wäre auch er am 15. Januar 1919 ermordet worden, in jener bewussten Nacht.

Blumenstrünke dorren. Auf Liebknechts Grab steht ein Windlicht. Auf dem von Rosa Luxemburg liegt eine müde Nelke. Was fehlt, ist die Inschrift "Zwi-zwi". Nichts als der Ruf der Kohlmeise, "die erste leise Regung des kommenden Frühlings", dürfe auf ihrer Grabestafel stehen, so hatte die Madonna der Linken 1917 aus dem Gefängnis geschrieben.

Warum saß sie in Haft? Wegen ihres Kampfes gegen den Krieg. "Die Dividenden steigen und die Proletarier fallen", so bündig formulierte sie. "Der Hauptfeind steht im eigenen Land!" Das verkündete Karl Liebknecht, ihr Anwalt und späterer Grabgenosse. Am 2. Dezember 1914 hatte er als einziger Reichstagsabgeordneter die Kriegskredite verweigert und saß seit 1916 wegen "Kriegsverrat" im Zuchthaus Luckau. Im Oktober 1918 kam er frei, Rosa Luxemburg in Breslau erst am 8. November.

Am 10. November traf sie in Berlin ein, wo tags zuvor die Revolution ausgebrochen war. Dort blieben ihr und Liebknecht noch 67 rastlose Tage, gefüllt mit Volksansprachen und politischen Versammlungen, mit revolutionärem Schrifttum und Redaktionsarbeit für die Rote Fahne. Sie artikulierten Hoffnungen; sie waren Symbolgestalten, nicht Führer der Revolution. Weshalb mussten sie sterben? Ein alter kommunistischer Glaubenssatz reimt: "Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!"

Unter den Linden gibt es einen schönen Bücherladen. Berlin Story heißt er und führt Historisches und Regionalia. Wir fragen nach Literatur zur Novemberrevolution. Jede Menge!, ruft der junge Verkäufer. Was er uns zeigt, behandelt 1989, die sogenannte Wende.

Die Revolution von 1918 ist keine vergessene, doch eine verwahrloste Geschichte. Dies liegt am Erbe, das keiner Parteiung zum Ruhme gereicht, am wenigsten der SPD. Sozialdemokratie, das war von Anbeginn ein Ringen der vorgeblich "vaterlandslosen Gesellen" um Emanzipation im wilhelminischen Klassenstaat. Nach Aufhebung des Bismarckschen Gesetzes "gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" gewann die SPD ständig zu. Bei den Wahlen 1912 wurde sie stärkste Partei. Die Zuversicht wuchs, den Sozialismus dereinst per Stimmzettel zu erreichen.

Tragischerweise forcierte der Kriegsbeginn 1914 die Aufstiegshoffnungen der SPD. Revolutionär war sie nur noch ihrer Rhetorik nach, den Staat wollte sie längst nicht mehr stürzen. So ließen sich dieselben Sozialdemokraten, die im rüstungsgeilen, nationalistisch überschäumenden Deutschland Wilhelms II. Transnationalität und Friedenswillen bewahrt hatten, zum deutschen Militarismus rekrutieren – in der Hoffnung auf emanzipatorische Dividende. Am 4. August 1914 stimmten die SPD-Abgeordneten geschlossen den Kriegskrediten zu. "Mit ihrem ›Ja‹ zum Krieg glaubte die SPD die Schwelle zur Macht zu betreten", schreibt Sebastian Haffner in seinem Buch über die deutsche Revolution 1918/19.

Zuvor jedoch, in interner Abstimmung, votierten vierzehn Abgeordnete mit Nein, unter ihnen Karl Liebknecht. Aus der Dissidentengruppe entwickelte sich eine innerparteiliche Antikriegsfraktion, die im Völkermorden keinen deutschen Verteidigungskampf sah, sondern eine imperialistische Blut- und Eroberungsorgie. 1917 kam es zur Spaltung der SPD in reformorientierte Mehrheitssozialisten und fundamentaloppositionelle Linke. Letztere nannten sich fortan Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD). Die ultralinke Spartakus-Gruppe, 1916 von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg gegründet, schloss sich ihnen an.