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Im Frühjahr und Sommer 1914 zogen im Hamburger Hafen zwei Ungeheuer die Massen an: Erst lief im April die Vaterland vom Stapel, im Juni wurde die Bismarck getauft. Tausende Schaulustige säumten das Elbufer, denn die beiden Dampfer waren größer, schneller und luxuriöser als alles, was bis dahin für die Weltmeere gebaut worden war: Marmorbäder, Sporträume und Gewächshäuser an Deck – das hatte es noch nie gegeben. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatten Landwirtschaft und Adel das deutsche Wirtschaftsleben bestimmt. Nun, rund hundert Jahre später, spielte das Deutsche Reich längst in der Oberliga der Industrie- und Wirtschaftsmächte; 22 Prozent aller Fertigwaren auf dem Weltexportmarkt trugen das Label "Made in Germany". Die beiden Luxusliner sollten diese Wirtschaftskraft repräsentieren. Sie waren Sinnbild eines neuen Selbstbewusstseins. "Der Himmel vibriert vor Nationalstolz", notierte der jüdische Bankier Max M. Warburg, einer der einflussreichsten Wirtschaftsführer seiner Zeit. Er zählte damals zu den geladenen Gästen – und erkannte, welche Hybris in der Luft lag. Wenige Wochen später, am 1. August 1914, brach der Erste Weltkrieg aus und stürzte Europa in die Katastrophe.

Auf die Jahre des Aufschwungs folgte nun eine Ära von mehr als drei Jahrzehnten mehr oder weniger ununterbrochener wirtschaftlicher Krisen und Stagnation. Ihren ersten dramatischen Höhepunkt erreichte sie mit der Hyperinflation von 1923, die durch ihre politischen und sozialen Konsequenzen zu den folgenreichsten Wirtschaftskrisen in der modernen Geschichte zählt. Begonnen hatte der Weg in die Währungskrise aber bereits im hochgestimmten Sommer 1914 – mit einer riskanten Kreditwirtschaft. Denn von Anfang an war das Kapital für die ungeheure Material- und Menschenschlacht an den Fronten des Ersten Weltkriegs geliehen. Die Regierung nutzte die nationale Begeisterung aus und verkaufte Kriegsanleihen und Schatzanweisungen an die Bevölkerung. Zum ersten Mal wurde damit die gesamte Volkswirtschaft direkt in die Kriegsanstrengungen mit einbezogen.

Zunächst waren die staatlichen Schuldscheine noch durch das ungeheure Bruttosozialprodukt des Landes gedeckt. Wäre der Krieg, wie es damals alle Seiten erwarteten, nach nur wenigen Monaten vorbei gewesen, hätten diese Anleihen leicht zurückgezahlt werden können – inklusive einer hübschen Verzinsung. Je länger der Krieg aber dauerte, je länger die deutsche Wirtschaft vom Rest der Welt abgeschottet blieb und die immer knapperen Rohstoffe direkt in die Kriegswirtschaft gepumpt wurden, desto schneller verloren die Anleihen ihren Wert. Bereits im Frühjahr 1916 beruhten sie nur noch auf dem Versprechen, die Gegner nach ihrer Niederlage gründlich auszuplündern. "Sollte Deutschland den Krieg verlieren", fürchtete Max M. Warburg zur selben Zeit, "dann wird uns nichts anderes übrig bleiben, als eine Annonce folgenden Wortlauts in die Zeitung zu setzen: ›Auf dem Felde der Ehre stellten ihre Zahlungen ein M.M. Warburg & Co.‹"

Doch die Niederlage kam erst zwei Jahre später, und bis dahin gab die Reichsbank eine Kriegsanleihe nach der anderen aus. Als das nötige Kapital auch dadurch nicht mehr aufgebracht werden konnte, begann die Regierung, Geld zu drucken. Die zunehmende Inflation aber verschärfte die sozialen Unruhen, die infolge der Kriegsmüdigkeit überall auszubrechen begannen. Die Novemberrevolution wurde unvermeidlich. Und als das große Schlachten im Herbst 1918 schließlich ein Ende hatte und die Welt rund zehn Millionen Tote beklagen musste, war Deutschland bankrott. Einem geschätzten Volkseinkommen von 142 Milliarden Mark standen Schulden von 156 Milliarden Mark gegenüber.

Die Weimarer Koalition hatte damit einen denkbar schlechten Start. Knapp elf Millionen Männer strömten von den Fronten nach Hause und zurück in die Fabriken. Dort wurde die Industrieproduktion zwar ohne große Mühe wieder aufgenommen, aber Rohstoffknappheit und die anhaltende Blockade der Seehäfen durch die Engländer drohten die Exportwirtschaft im Keim zu ersticken.

Die Mark hatte unterdessen über die Hälfte ihres Vorkriegswertes verloren, aber die neue Regierung versuchte die Inflation nicht zu stoppen, sondern passte die Löhne den steigenden Preisen an, um den innenpolitischen Frieden nicht weiter zu gefährden. Schon bald betrieb sie eine gezielte Inflationspolitik, wobei sich die Entwertung der Mark auch außenpolitisch als ein probates Mittel erwies, die Nachkriegskrise zu bewältigen – vor allem nach der Ratifizierung des Versailler Vertrages.

Max M. Warburg reiste damals als Mitglied der deutschen Delegation nach Frankreich. Einer der international angesehensten Vertreter der deutschen Wirtschaft, dessen Brüder eine bedeutende Rolle in der amerikanischen Finanzwelt spielten, schien der deutschen Regierung ein wichtiger Trumpf bei den Verhandlungen. Doch die Rechnung ging nicht auf. Die Reparationsforderungen der Alliierten in Höhe von 132 Milliarden Goldmark "überstiegen alles, was der gesunde Menschenverstand für möglich gehalten hätte", schrieb Warburg. Seine Bemühungen, mit Hilfe der Amerikaner und der Engländer die Summe auf 100 Milliarden Goldmark herunterzuhandeln, waren vergeblich: Die Franzosen blieben stur, und im Januar 1920 trat der Vertrag in Kraft. Auf der Bestsellerliste stand in jenem Sommer das Buch Die wirtschaftlichen Folgen des Friedens, in dem der englische Ökonom John Maynard Keynes, der auch ein Freund von Warburg war, den Unsinn des Versailler Vertrages mit akademischer Genauigkeit darlegte und den Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft voraussagte – eine Befürchtung, die sich als keineswegs übertrieben erwies.

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Im Sommer 1922 brach der Export ein, Tausende von Arbeitern verloren ihre Jobs, und die rasante Inflation entwickelte sich zur Hyperinflation. "Die Mark ist nur noch vier Pfennig wert", schrieb Warburg, "die Regierung ist mit ihrem Latein am Ende." Die Siegermächte aber, allen voran Frankreich, bestanden weiter auf der Erfüllung des Vertrages. Die deutsche Regierung entdeckte die Inflation nun als ein politisches Instrument, um Reparationszahlungen leisten zu können, ohne wirklich etwas zu zahlen.

Gelöst wurde das Problem damit freilich nicht. Stattdessen spitzte es sich zu: Im Januar 1923 warteten die Franzosen vergeblich auf die Lieferung von Holz für 100 000 Telegrafenmasten. Ein vergleichsweise nichtiger Anlass, aber wichtig genug für Premierminister Raymond Poincaré, um 60 000 französische und belgische Soldaten über den Rhein zu schicken. Im wichtigsten deutschen Kohle- und Stahlrevier sollten sie sich die Reparationszahlungen selbst abholen.

Wirklich erfolgreich war der Plan allerdings nicht. Die besetzte Bevölkerung folgte dem Aufruf von Reichskanzler Wilhelm Cuno zum "passiven Widerstand ". Die Arbeiter legten ihr Gerät nieder, und in kürzester Zeit stand der Maschinenraum der deutschen Wirtschaft still. Also begannen die Besatzer damit, die Infrastruktur selbst auszubeuten, und binnen weniger Monate konfiszierten sie Industriewerte im Wert von 27 Milliarden Mark. Für die deutsche Wirtschaft, die ohnehin schon in die Knie gesunken war, bedeutete dies das endgültige Aus.

Trotzdem wiederholte Cuno die Politik seiner Vorgänger und versprach den Streikenden großzügige soziale Unterstützung, mit der er sich ihre politische Loyalität sicherte. Im Juni war die Geldmenge gegenüber 1914 um 2000 Prozent gestiegen, die Preise legten um über 24 000 Prozent zu. In der Warburg Bank verbrachten die Mitarbeiter den Tag damit, Nullen in die Geschäftsbücher einzutragen, und bald bekamen auch sie ihr Gehalt täglich ausgezahlt, um damit sofort die nötigsten Einkäufe erledigen zu können. Der Preis für einen Liter Milch explodierte binnen weniger Wochen von 5,4 Millionen auf 360 Millionen Mark. Im November kostete das Briefporto mehrere Milliarden. "Die Mark", erinnerte sich Max M. Warburg, "hörte überhaupt auf, noch die Bezeichnung Währung zu verdienen; sie wurde zu einer bloßen Illusion. Wertlose Papierfetzchen in ungeheure Säcke hineingestopft."

Im November, als ein Dollar den Gegenwert von 4,2 Billionen Mark erreicht hatte und Geldscheine höchstens noch einen Heizwert für den Kachelofen hatten, zog die Regierung die Notbremse. Sie gründete die Deutsche Rentenbank, deren Grundkapital – 3,2 Milliarden Goldmark – aus dem gesamten gewerblich genutzten Grundbesitz Deutschlands bestand, der durch Hypotheken zugunsten der Bank belastet wurde. Auch diese Währung hatte letztlich nur einen theoretischen Gegenwert, aber sie tilgte zwölf Nullen von der alten Mark und reduzierte das Geldvolumen auf ein angemessenes Maß. Die Bevölkerung nahm das neue Geld an, denn es vermittelte wenigstens die Illusion von Stabilität. "Endlich konnten die Notenpressen der Reichsbank stillgelegt werden", notierte Max M. Warburg erleichtert.

Im August 1924 schließlich wurde die Rentenmark zu einem Wechselkurs von eins zu eins gegen die Reichsmark ersetzt. Gleichzeitig einigten sich Sieger und Besiegte im Dawes-Plan auf einen neuen Modus für die Reparationszahlungen, und die Franzosen verließen das Ruhrgebiet. Der Spuk schien vorüber.

Zu den Gewinnern gehörten Grundeigentümer und die Besitzer von Industrieanlagen, wie Warburgs rheinischer Geschäftsfreund, der Schwerindustrielle Hugo Stinnes. Auch die Regierung in Berlin, die Länder und die Kommunen konnten aufatmen, denn ihre Schulden wurden vom Strudel der Geldentwertung weggespült.

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Die Zahl der Verlierer allerdings war wesentlich größer. Bescheidene Sparguthaben von Arbeitern und Handwerkern waren vernichtet worden, weite Teile des Mittelstandes verarmten. Im Gefühl, von der Weimarer Republik im Stich gelassen worden zu sein, schlossen sich bald viele dieser Inflationsverlierer einer der zahlreichen nationalistischen Bewegungen an.

Allen voran schlugen die Nationalsozialisten aus der nationalen Demütigung durch den Versailler Vertrag, aus dem wirtschaftlichen Unsinn der Reparationsforderungen und der katastrophalen Inflationspolitik der Weimarer Regierung propagandistischen Profit. Im Januar 1923 besuchte Warburgs Sohn Erich einen Auftritt Hitlers in München und schrieb in einem Brief, dass "dieser Mann mit der heiseren Stimme" sicher verrückt sei, aber eines Tages über Deutschland herrschen werde. Zehn Jahre später, nach der Weltwirtschaftskrise von 1929, die noch zerstörerischer wirkte, wurde diese düstere Vorahnung wahr.