Das Wetter hält sich an keine Gedenkroutine, und der Thüringer Herbst ist von strahlender Gleichgültigkeit. Wie an einem beliebigen Wandertag scheint die Sonne auf die Schulklassen. Goldener Oktober, blaue Luft, buntes Laub sind ein deutsches Klischee von Wald und das Gegenteil von Buchenwald, seit Bruno Apitz darüber geschrieben hat. Wer den Roman des ehemaligen Häftlings im DDR-Schulunterricht lesen musste, der erinnert sich noch Jahrzehnte später an diese durchdringende Kälte als beständigste Marter des Lagerlebens. Bei Apitz herrscht von der ersten Seite an Totensonntagswetter: Bäume, die vor Nässe triefen; SS-Mäntel, an denen Nebelregen klebt; dünne Drillichanzüge, durch die der Wind pfeift, während die Zehntausende auf dem Appellplatz am Nordwesthang des Ettersbergs ausharren. Nackt unter Wölfen erzählt die Rettung eines jüdischen Kindes durch den kommunistischen Lagerwiderstand, der von dem Kommunisten Apitz zwar heroisiert wurde, doch das war nach acht Jahren demütigender Haft nur menschlich. Umso nüchterner schilderte der Autor den ewigen November im KZ. Dass andere Überlebende ihn genauso erinnern, bezeugt ein deutsches Wort, das die Israelis in ihre Alltagssprache aufgenommen haben: »Buchenwaldwetter«.

Nun steht ein junger Historiker zwischen den ehemaligen SS-Kasernen und entschuldigt sich bei den Schülern für seine Sonnenbrille. Eine blöde Lichtempfindlichkeit, sagt Roland Cerny-Werner zur Klasse 11 des evangelischen Gymnasiums Erfurt. Tatsächlich lässt die Brille ihn nach Reiseleiter aussehen, und dieses Touristische wirkt ein bisschen beschämend an einem Ort wie diesem. Das sagt Werner natürlich nicht. Denn Scham wäre Einfühlung, und Einfühlung wäre Überwältigung, also fast schon verordneter Antifaschismus, den aber wollen die Erben der größten »Nationalen Mahnund Gedenkstätte der DDR« unbedingt überwinden. Bloß keine hohle Pietät! Bloß keine Andachtsbefehle! Höflich bittet Werner zu beachten, dass die Gedenkstätte auch ein Friedhof sei und Angehörige von Toten hierherkämen. »Überlegt mal, ob ihr wirklich ein Handyfoto von den Krematoriumsöfen braucht. Wir haben kein Fotoverbot, nur ein Rauchverbot. Entscheidet selbst.« Ein paar langhaarige Jungen kramen ihre Telefone hervor und schalten sie aus.

Zwei Stunden dauert die Führung übers Lagergelände. Doch schon am Eingang ist klar, dass es die berühmte Ge denk rou ti ne, die seit Martin Walsers »Moralkeule Auschwitz«-Rede routinemäßig beklagt wird, im deutschen Gedenkalltag nicht gibt, jedenfalls nicht an einem normalen Mittwoch in Buchenwald. Eben entlädt ein Linienbus aus dem nahen Weimar schnatternde Rentner. Über den Parkplatz toben französische Kinder, am Lageplan sucht ein älteres Ehepaar aus Israel nach Urnengräbern, und auf dem Bordstein vorm Infozentrum sitzen die unvermeidlichen Halbstarken in Lonsdale-Pullovern, der Freizeituniform der rechten Szene.

Werner hat die Krematoriumsfotos nicht zufällig erwähnt. Auf rechten Websites kursieren immer wieder neue Schnappschüsse von den Öfen und Kommentare im Stil von »Schade, dass es vorbei ist«. Zwar fand hier nie ein Brandanschlag statt wie 1992 im ehemaligen KZ Sachsenhausen, als Neonazis die Baracke mit der Ausstellung über jüdische Häftlinge zerstörten. Dafür stellen Thüringer Jungrechte sich gern in SS-Pose hinter die Genickschussanlage. Sie haben Grundrisse des Lagers kopiert, um es am Modell »zu optimieren«. Sie pinkeln als Mutprobe auf Gedenksteine.

Das Problem in der Aufarbeitungsprovinz sind jedoch nicht nur die Rechtsextremen, sondern auch die Erwartungen gutwilliger Geschichtstouristen. Manche sind enttäuscht, dass es hier keine Gaskammern gibt. Andere staunen, dass es eine komplizierte Infrastruktur der Vernichtung gab, 24 Konzentrationslager und weit über 1000 Außenlager. Offenbar wissen die Deutschen nicht ganz so genau über das »Dritte Reich« Bescheid, wie die Schlussstrichfraktion behauptet. Viele kennen aus dem Kino Schindlers Liste, aber nur wenige Shoah. Bruno Apitz ist längst keine Pflichtlektüre mehr.

Klasse 11 aus Erfurt kann mit dem Autor aber noch etwas anfangen. Die Gymnasiasten waren schon mehrfach in Buchenwald und benutzen Formulierungen wie »Mythos von der kommunistischen Selbstbefreiung«, das soll heißen, dass der linke Lagerwiderstand am 11. April 1945 nur deshalb die Kontrolle übernehmen konnte, weil die Amerikaner anrückten und die SS flüchtete. Jetzt begibt die Klasse sich hinein in die Unübersichtlichkeit der Geschichtspolitik: ins weite Areal aus historischen Gebäuden und neuen Gedenktafeln, verschwundenen Baracken und erhaltenen Stacheldrahtzäunen, aus Bäumen, Wiesen, Schotterflächen. Während die Jugendlichen sich um Werner scharen, zieht eine Gruppe Erwachsener vorbei. Ein einheimischer Herr sagt, die Weimarer Bäcker hätten damals das KZ mit Brot beliefert, aber hinterher wollte keiner der feinen Klassikstadtbewohner etwas gewusst haben. Eine auswärtige Dame fragt, ob alle Häftlinge Juden gewesen seien. Ja und nein, antwortet der Herr, sie waren halt die größte Opfergruppe, ein Fünftel von 240.000 Häftlingen. Etwa 60.000 Menschen wurden hier ermordet ­ Politische, Homosexuelle, Kriegsgefangene, Sinti und Roma, Juden. 60.000 klingt wenig im Vergleich zu sechs Millionen.

Deshalb fragt Werner die Klasse: »Wenn Auschwitz ein Vernichtungslager war, war Buchenwald dann keins?« Ein Augenblick Stille im Schatten der ehemaligen Kommandantur. Ein Junge schlägt vor: »Doch, aber anders.« Ein Mädchen: »Vernichtung durch Arbeit. Durch Hunger, Kälte, Prügel.« Sie stehen vor den Hundezwingern des Lagerkommandanten Koch und sprechen über Willkür als System. Zum Beispiel konnten SS-Männer sich »Zusatzurlaub erschießen«, indem sie Fluchttote für die Statistik produzierten, dazu musste man nur die Mütze eines Gefangenen hinter die Postenkette werfen und ihm mit vorgehaltener Waffe befehlen, sie aufzusetzen.