Ca. 1929: Jüdische Emigranten aus Europa landen in Haifa, Palästina© Josef Schweig/Fox Photos/Getty ImagesAlle werden Ihnen vom Bahnhof erzählen, egal, wen Sie fragen, alle erzählen sie vom Bahnhof, und jedes mal, wenn ich das tue, bin ich wieder 13 Jahre alt.« Ada Brodskys Bahnhof ist der Anhalter Bahnhof in Berlin. Zwei Stunden dauert die Fahrt dorthin von Frankfurt an der Oder. Oft stand sie mit ihren Eltern am Gleis, um Freunde zu verabschieden. Nun ist sie diejenige, die geht, an einem der letzten Septembertage 1938 – und sie geht allein. Die Mutter, der Vater, der Bruder stehen am Bahnsteig. Im Abteil sitzt Ada mit dem jungen Mann und der Frau, die den Kindertransport leiten.

Etwa eine halbe Million Juden leben 1933 im Deutschen Reich. Bis zum Beginn des Krieges retten sich rund 250 000 ins Exil. 60 000 von ihnen flüchten nach Palästina – dem einzigen Land, das sich den Verfolgten als ein Zuhause ankündigt, denn im Gegensatz zu den westlichen Staaten betreibt der jischuw, die jüdische Gemeinschaft in Palästina, eine aktive Immigrationspolitik. Palästina wird damit zu einem der wichtigsten Zufluchtsorte für Juden aus Deutschland.

Man weint nicht, hört Ada die Stimme des Mannes im Abteil, als der Zug sich in Bewegung setzt, man weint nicht, wenn man ins Land der Väter reist. »Wir dachten damals in Kategorien des Absoluten«, sagt Ada Brodsky. »Nie wieder und für immer.«

Frankfurt an der Oder in den dreißiger Jahren, Szenen einer Kindheit: Die Mutter singt Schubert-Lieder, Adas Bruder begleitet sie am Klavier. Neben dem Bett des Mädchens liegen Bücher: Rainer Maria Rilke, Thomas Mann, Martin Buber. Der Vater, Hermann Neumark, ist Kinderarzt, seine Praxis geht gut, zusätzlich arbeitet er im städtischen Krankenhaus. Das glaube ich nicht, sagt er, als er zum ersten Mal von Konzentrationslagern hört. Das ist das Land Goethes, nicht das Land Hitlers. – Lasst uns gehen, sagt die Mutter. Seit ihrer Jugend ist sie zionistischen Ideen zugeneigt. – Das hieße kapitulieren, sagt der Vater.

Viele jüdische Deutsche denken, fühlen und handeln wie er. Sie begreifen sich als Deutsche. Der NSTerror, glauben sie, wird vorübergehen, ein Unwetter. So verlassen 1933 zwar etwa 37.000 Juden das Land, vor allem politisch Verfolgte, Künstler und Intellektuelle, danach aber gehen die Zahlen zurück. 1934 sind es 23.000 jüdische Flüchtlinge, 1935 nur noch 20 000, 1936 steigt die Zahl auf 25 000, 1937 wandern 23.000 Juden aus. Erst 1938 ändert sich die Situation: Rund 48.000 deutsche Juden ergreifen die Flucht, im Jahr darauf fast 80. 000 – in letzter Minute.

Die Anhänglichkeit an Deutschland und die Angst vor der Fremde sind die Hauptgründe für das Zögern. Dazu kommt eine aus heutiger Sicht eklatante ehleinschätzung der Gefahr. Jüdische Vereinigungen warnen noch 1935 vor »übereilter Emigration«, zionistische Organisationen planen eine Einwanderung nach Palästina von 10.000 Juden pro Jahr über 20 bis 30 Jahre. Untypisch ist hingegen die Einstellung von Adas Mutter. Nur wenige dachten wie sie früh und entschlossen an Emigration, und noch viel wenigere sympathisierten schon vor 1933 mit zionistischen Ideen. Zwar wird der Zionismus in Deutschland seit dem späten 19. Jahrhundert diskutiert, angeregt von Vordenkern wie Moses Hess und Theodor Herzl, nur ein Bruchteil der deutschen Juden aber schließt sich diesen Ideen tatsächlich an. Palästina gilt ihnen als Zuflucht für das ländlich geprägte Judentum Osteuropas – zumal für die Aufbauarbeit in erster Linie Bauern und Handwerker gebraucht werden. In den deutschen jüdischen Gemeinden sind diese Berufe unterrepräsentiert. Der Anteil der in der Landwirtschaft Tätigen etwa ist 17-mal geringer als in der  Gesamtbevölkerung. So siedeln vor 1933 nur 2000 deutsche Juden in den Nahen Osten über.

Erst in der Not entdecken Deutschlands Juden Palästina als Auswanderungsziel – die »Jeckes«, wie sie dort genannt werden. Zu erkennen sind sie in der Fremde an ihrer unpassenden europäischen Kleidung. Sie tragen Jacken und Mäntel – all die Journalisten, Ärzte, Akademiker, für die es im Gelobten Land kaum Verwendung gibt. Viele von ihnen müssen in ungewohnten Berufen arbeiten. Ein Witz aus Palästina schildert, wie sich deutsche Emigranten auf einer Baustelle die Steine zureichen: Bitte sehr, Herr Doktor. Danke sehr, Herr Doktor … Kommst du aus Überzeugung, oder kommst du aus Deutschland? So lautet die sarkastische Frage an die Neuankömmlinge.

Ada Brodsky kommt aus Überzeugung. Schon früh ist sie Mitglied im zionistischen Jugendbund »Werkleute«. Sie singt hebräische Lieder, liest Bücher über Palästina. Die Fahrt ins Altneuland, wie Herzl es nannte, ist für sie ein Wunschtraum. Aber er wird unter albtraumhaften Umständen wahr.

Eines Morgens zitiert der Klassenlehrer sie und eine »arische« Mitschülerin vor die Klasse. Das blonde Mädchen: hochgewachsen und mit germanischem »Langschädel«, allerdings etwas »behäbig im Denken«. Ada: dunkelhaarig, angeblich »verkümmert« im Wuchs und von typisch »jüdischem Intellekt«. Dem Vater wird im Krankenhaus gekündigt, in seiner Praxis darf er keine Kassenpatienten mehr behandeln. Am Ende vergehen Tage, die er, auf Patienten wartend, untätig dasitzt. Ein wirtschaftlicher Niedergang, der fast alle deutschen Juden betrifft; die jüdischen Gemeinden verarmen unter dem Druck der Verfolgung. Allmählich gibt Hermann Neumark dem Wunsch seiner Frau nach – auszuwandern.

Doch die Entscheidung fällt zu ungünstiger Zeit: 1936 beschränken die Briten, die als Mandatsmacht Palästina verwalten, die jüdische Immigration. Aufstände der arabischen Bevölkerung gegen die unerwünschte Zuwanderung erschüttern das Land. Die Briten geben der Gewalt nach.

Nur für ihre Kinder können die Neumarks im Sommer 1938 Zertifikate für die Immigration beschaffen: Adas Bruder Eldad kann mit einem Stipendium der Jerusalemer Musikhochschule nach Palästina einwandern. Ada erhält ein Zertifikat im Rahmen eines Kindertransportes und geht im August 1938 auf hachschara nach Rüdnitz – auf »Tauglichmachung« in einem der zahlreichen von zionistischen Organisationen betriebenen Lehrgüter. Mehrere Tausend jüdische Kinder und Jugendliche werden in den dreißiger Jahren in landwirtschaftlichen und handwerklichen Kursen auf die alija, den »Aufstieg« nach Erez Israel, vorbereitet. Für die meisten bürgerlichen Juden aus Deutschland bleibt indes nur der Weg, über ein sogenanntes »Kapitalisten«-Zertifikat nach Palästina zu gelangen. Dazu müssen sie ein »Vorzeigegeld« von 1000 Pfund Sterling vorweisen. Adas Eltern haben keine 1000 Pfund, zu schlecht geht inzwischen die Praxis des Vaters. Nur einen Monat nach Adas hachschara bringen sie ihre Tochter zum Anhalter Bahnhof.

Über Salzburg fährt der Zug nach Italien. Dort, in Triest, haben jüdische Hilfsorganisationen Behelfsunterkünfte für die Flüchtlinge eingerichtet. Die Schlafräume sind voller Wanzen. Die 13-Jährige erstarrt: »Diese Wanzen, das war für mich der Inbegriff des In-der-Fremde-Seins. Ich war wund vor Heimweh. Ich war ausgestoßen in eine fremde, brutale Welt, in der es Wanzen gab.« Ein Moment, den zahlreiche deutsche Juden angstvoll antizipierten und dessen Vorstellung nicht wenige davon abhielt, den Schritt ins Ausland zu wagen.

Auch Palästina selbst ist für viele, vor allem für die nichtzionistischen Juden, zunächst mehr Angst- als Wunschbild. Manche reisen erst probeweise ins Land, um sich zu orientieren. Allein das orientalische Jaffa, wo die Schiffe aus Europa anlegen, ist für einige ein Schock. Dazu die Frage: Was ist mit unserem Besitz, einem etwaigen Vermögen? – Eine Frage, die ins Zentrum eines komplizierten politischen Interessenkonfliktes führt.

Die Briten lassen bevorzugt Juden ins Land, die Geld mitbringen. Auch die zionistischen Organisationen sind vor allem an nützlichen und wohlhabenden Aufbauhelfern interessiert. Die Nationalsozialisten schließlich wollen die Juden einerseits »loswerden« und sehen in den zionistischen Organisationen daher einen  Verhandlungspartner. Andererseits fürchten sie, in Israel könne eine Zentrale der »jüdischen Weltverschwörung « entstehen – mit »jüdischem Kapital«, das in Deutschland abgezogen wird. Schnell wird ihnen klar: Verarmte Juden können sich die Ausreise nicht leisten und sind überdies im Ausland nicht willkommen; es gehen diejenigen, die über das nötige Geld verfügen. Mancher NS-Ökonom warnt gar davor, dass die deutsche Wirtschaft am jüdischen Exodus Schaden nehmen könne – obwohl die Gesetzeslage das Ausführen von Devisen verbietet, was wiederum zu einem Problem für die Emigranten wird.

Die Lösung trägt den hebräischen Namen haavara: Übertragung. 1933 schließen zionistische Organisationen und Nationalsozialisten ein gleichnamiges Abkommen. Es erlaubt auswanderungswilligen Juden einen indirekten Transfer ihres Vermögens, indem sie es auf ein deutsches Sonderkonto überweisen. Von diesem Konto werden deutsche Exportwaren bezahlt. Als Einkäufer fungiert eine Treuhandgesellschaft in Palästina, die die deutschen Waren anschließend im Land weiterverkauft und die Erlöse an die Einwanderer zurückzahlt. So liefert Nazideutschland in den dreißiger Jahren Güter im Wert mehrerer Millionen Reichsmark – maßgeblich auch Material für den Siedlungsbau – an Erez Israel, stärkt damit die deutsche Exportwirtschaft und durchkreuzt die internationale jüdische Boykottbewegung.

Den Emigranten selbst ermöglicht das Abkommen, sich ihre Existenz abzusichern, was für Flüchtlinge in anderen Staaten schwieriger ist. Der Wechselkurs, zu dem die NS-Regierung die Mitnahme von Geld ins Ausland erlaubt, verschlechtert sich von Jahr zu Jahr. Kurz vor Kriegsbeginn müssen Emigranten bis zu 96 Prozent Verlust hinnehmen. Hinzu kommt, für Auswanderer in alle Länder, die hohe Reichsfluchtsteuer von 25 Prozent, erhoben auf Vermögen von mehr als 50.000 Reichsmark. Dem Reichsfiskus fließen dadurch im Lauf der Jahre Millionenbeträge in dreistelliger Höhe zu. Man will die Juden vertreiben – und sich dabei so weit an ihnen bereichern, dass die Auswanderung nicht gefährdet wird.

Als Ada Brodsky Anfang Oktober 1938 in Triest an Bord der Gerusalemme geht, trägt sie nur ihre Geige und einen Koffer bei sich. Im Koffer, unter der Kleidung, den kurzen blauen Hosen und Blusen, liegen Bücher, vor allem Lyrik, vor allem Rilke. Nach acht Tagen erreicht das Schiff die Küste Palästinas, den eilig neu errichteten Hafen Tel Avivs. Eine Ankunft mit Schrecken: Adas Koffer ist weg. »Ich hatte nur, was ich am Körper trug. So kam ich nach Ben Schemen, ins Kinderdorf.«

Ein gepanzerter Wagen fährt die Kinder in ihr neues Zuhause, noch immer herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände. Auch das Kinderdorf, es liegt in der Nähe des Tel Aviver Flughafens, gerät regelmäßig unter arabischen Beschuss. Nach einem Monat schließlich trifft Adas Gepäck doch noch ein. Endlich, die Bücher! Ein Stück Deutschland. Ein verlorenes Deutschland.

Ihr Bruder schafft es Ende Oktober 1938 noch rechtzeitig außer Landes; ihr Vater aber gehört zu den rund 30.000 jüdischen Männern, die infolge der Novemberpogrome verhaftet werden. Die Nazis verschleppen ihn ins Konzentrationslager Sachsenhausen. Doch nicht nur durch die »Kristallnacht« wird 1938 zu einem Schlüsseljahr der Auswanderungstragödie.

Bereits im März hat, nach dem »Anschluss« an das Deutsche Reich, eine rücksichtslose Vertreibung der Juden aus Österreich eingesetzt. Mehr als 100.000 Flüchtlinge drängen ins Ausland – und die Türen verschließen sich. Nur einen Moment lang scheint es Hoffnung zu geben: Am 23. März 1938 lädt US-Präsident Franklin D. Roosevelt 32 Staaten zu einer großen internationalen Auswanderungskonferenz nach Evian in der Schweiz ein. Doch schon wer die Einladung genauer gelesen hat, weiß, dass jede in dieses Treffen gesetzte Hoffnung vergebens ist: Von keinem Land, schreibt Roosevelt, werde erwartet, mehr Auswanderer aufzunehmen, als es die derzeitigen Gesetze vorsähen. Da zwischen Einladung und Konferenzbeginn mehrere Monate liegen, nehmen einige Staaten dies zum Anlass, rasch noch ihre Einwanderungsbestimmungen zu verschärfen. Die Konferenz tagt vom 6. bis zum 15. Juli. Und wie zu befürchten war, erklärt sich keines der 29 Länder, die der Einladung gefolgt sind, zur Aufnahme einer größeren Anzahl jüdischer Flüchtlinge bereit – die Dominikanische Republik ausgenommen. Der australische Vertreter lässt verlauten, er wolle kein Rassenproblem importieren. Die USA bleiben bei ihrer Politik, die Einwanderungsquoten, wie infolge der Weltwirtschaftskrise von 1929 beschlossen, nicht auszuschöpfen. Antisemitismus ist kein ausschließlich deutsches Phänomen. Und nicht wenige sehen in den jüdischen Flüchtlingen selbst die Ursache antijüdischer Ressentiments.

Andere weigern sich aber auch deshalb, dem Druck der deutschen Verfolgungspolitik nachzugeben, weil sie diese nicht indirekt anerkennen wollen. »Die deutsche Regierung bringt die übrigen Regierungen der Welt in ein Dilemma«, mahnt in London der liberale Abgeordnete John Hope Simpson: »Entweder sie müssen ihre Tore öffnen für Hunderttausende verarmter Juden, Nichtarier und politische Flüchtlinge, oder sie müssen ihre Tore schließen und die Verantwortung dafür, wie diese Leute in Deutschland behandelt werden, mit der deutschen Regierung teilen.« Die Entscheidung ist einhellig: Tore zu.

Auf die jüdischen Hörer, schreibt die Jüdische Rundschau, wirken die ablehnenden Erklärungen der Staatenvertreter »wie ein kalter Wasserstrahl«. Hitler reagiert mit Häme: Wenn die Juden doch ein so wundervolles Volk seien, warum nehmen die Westmächte sie dann nicht auf? Seine zynische Beschreibung der ausländischen Reaktionen trifft dabei in der Sache bitter zu: »Moral. Aber keine Hilfe.« Und diese Hilfe kommt auch nach dem 9. November nicht. Empörte Stellungnahmen aus den USA, Schweigen aus Frankreich, keine Korrektur der Einwanderungsquoten. Es beginnt, wie der Historiker Dan Diner formuliert, eine »Politik der Austreibung ohne Rücksicht auf Einwanderungsmöglichkeiten in andere Länder«, eine Flucht ohne Zuflucht. Die Zeit, in der eine Emigration überhaupt noch möglich ist, läuft unterdessen unerbittlich ab.

Den meisten Juden, die nach Kriegsbeginn nach Palästina fliehen wollen, bleibt nur noch die illegale Einwanderung, die alija bet – teils mitorganisiert von den Nazibehörden, unter anderem unter der Regie von Adolf Eichmann in Wien. Auf oft seeuntüchtigen Schiffen fahren die Flüchtlinge die Donau hinab und über das Schwarze Meer und versuchen dann, an der britischen Marine vorbei, in Palästina an Land zu gehen. Viele lassen auf der Flucht ihr Leben. Die meisten in Europa Zurückgebliebenen werden früher oder später in Ghettos, in Konzentrationslager und schließlich in Vernichtungslager deportiert.

Anfang 1939 jedoch ist die garantierte Auswanderung noch eine Chance, Menschen aus dem Lager zu holen. In Panik kontaktiert Adas Mutter ihre Schwester, die in Palästina lebt. Sie sagt: Ich brauche 1000 Pfund. Die Schwester leiht hier 30 Pfund, dort ein paar Hundert, am Ende hat sie 1000 beisammen. Eine Cousine, die die britische Staatsbürgerschaft hat und daher gefahrlos reisen kann, bringt das Geld anschließend mit dem Schiff nach Europa, nach Deutschland.

»Wie meine Mutter am Ende das Zertifikat für sich und meinen Vater bekam, weiß ich nur aus ihrer Erzählung«, sagt Ada Brodsky. In einer Schlange habe sie gestanden, in der britischen Botschaft. Doch als sie endlich an die Reihe kommt, lässt der Beamte den Rollladen herunter. Adas Mutter stemmt ihn wieder in die Höhe. Es geht um das Leben meines Mannes, sagt sie. Der Beamte lässt sich erweichen, händigt ihr das Zertifikat aus. Am nächsten Morgen sei das Büro ganz geschlossen worden. »Ob das wirklich so war«, sagt Ada Brodsky, »kann ich nicht Dringlichkeit der Situation in der Erinnerung zu einem symbolischen Ereignis verdichtet.«

Tatsächlich stellt die britische Regierung die Vergabe von Zertifikaten Mitte 1939 ein, kurz vor Kriegsbeginn. Adas Eltern kommen im letzten Augenblick mit einem regulären Transport außer Landes. Anhalter Bahnhof, Triest, Tel Aviv. Wenige Wochen später sieht sich die Familie wieder. Die Eltern eröffnen mithilfe eines Verwandten eine Weinhandlung in Tel Aviv.

Fortan verbringt Ada ihre Ferien bei ihnen. »Aber es war anders als früher. Auf einmal redeten meine Eltern bei Tisch über Geld. Das kannte ich nicht. Früher sprachen wir über hohe Dinge wie Musik und Literatur.« Hermann Neumark ist 58 Jahre alt. Nie wieder wird er als Arzt praktizieren. Noch vor Ende des Zweiten Weltkriegs stirbt er, psychisch versehrt und körperlich schwer krank infolge seiner Haft in Sachsenhausen.

Ada Brodsky und ihr Bruder leben bis heute in Jerusalem, er als Musiker, sie als Übersetzerin. 1993 hat sie erstmals wieder den Ort ihrer Kindheit besucht, Frankfurt an der Oder. Eine Heimkehr? »Nein«, sagt sie. »Da ist der Bahnhof dazwischen«, der Anhalter Bahnhof 1938. »Was ich in Frankfurt an der Oder finde, sind nur noch Bruchstücke einer unwiederbringlichen Zeit. Mein Zuhause – das ist, wohin ich geflohen bin.«