Am 24. Oktober 1929, einem Donnerstag, wurden an der New Yorker Börse 13 Millionen Aktien verkauft – so fing der große Crash an. Fünf Jahre lang war der Aktienindex permanent gestiegen, dann platzte die Blase, und zwar so laut, dass die Nachricht bereits am nächsten Morgen auch Baden-Baden erreichte.

Dort waren eine Handvoll Banker aus den USA, England und Frankreich mit dem deutschen Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht zusammengekommen, um das große wirtschaftspolitische Thema der zwanziger Jahre endgültig abzuschließen: Deutschlands Reparationszahlungen für den Ersten Weltkrieg. Schacht, ein hagerer Mann mit auffallend kleinen Augen und heruntergezogenen Mundwinkeln, genoss international hohes Ansehen als Wirtschaftspolitiker. Als die Herren sich am Freitagmorgen in der plüschigen Pracht ihres Luxushotels zum Frühstück trafen, versuchte er seine amerikanischen Kollegen zu beruhigen, die sich um ihre Aktienportfolios sorgten. »Kein Grund für lange Gesichter«, munterte er sie auf. »Aktienkurse steigen und fallen, das haben sie so an sich.«

Wenige Stunden später versank die Wall Street in Panik. Mitte November 1929 hatte der Markt 30 Milliarden Dollar verloren. Und weil der Finanz- und Aktienmarkt schon damals globalisiert war, wurde aus dem Buschfeuer bald ein Flächenbrand, der in wenigen Monaten auch auf Deutschland übergriff.

Der Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft nach der Hyperinflation von 1923 war überwiegend mit amerikanischem Kapital finanziert worden. In den Monaten nach dem Börsencrash zogen die amerikanischen Investoren dieses Kapital nun immer hastiger ab. Kredite wurden faul und Anleihen wertlos. Der gesamte Wirtschaftskreislauf kollabierte. Zum zweiten Mal innerhalb von sechs Jahren kam die deutsche Wirtschaft zum Stillstand.

Der politische Verlierer dieses Zusammenbruchs war die Demokratie, der Sieger die NSDAP. Bei den Wahlen 1928 hatte Adolf Hitlers Partei gerade mal 2,6 Prozent der Stimmen erhalten. Vier Jahre später, im Juli 1932, als die Industrieproduktion sich gegenüber 1928 halbiert hatte und rund sechs Millionen Menschen ohne Arbeit waren, wurde die NSDAP mit 230 Sitzen die stärkste
Fraktion im Reichstag. Sechs Monate darauf war Hitler an der Macht. Und ihm war klar, dass er seinen Wahlerfolg durch schnelle wirtschaftliche Stabilität stützen musste.

Allerdings war der »böhmische Gefreite«, wie Präsident Paul von Hindenburg seinen neuen Reichskanzler einmal genannt hatte, in Wirtschaftsfragen vollkommen unbedarft, und deswegen hatte er schon lange vorher damit begonnen, einen Beraterkreis von Beamten, Bankern, Kaufleuten und Industriellen um sich zu scharen, die der Wirtschaftspolitik der NSDAP nun ein Profil geben mussten. Zu diesem Kreis gehörte auch Hjalmar Schacht.

Schacht war einer der zahlreichen enttäuschten Nationalliberalen, die sich von der Weimarer Republik, die sie so lange Zeit verteidigt hatten, im Stich gelassen fühlten. Aus Protest gegen die Reparationspolitik der Weimarer Kanzler hatte er sein Amt niedergelegt, und obgleich ihm das revolutionäre Auftreten der Nazis
nicht behagte, war er dennoch davon überzeugt, »daß Hitler der einzige Politiker ist, der Deutschland aus der wirtschaftlichen und politischen Krise herausführen kann«. Von dem neuen Reichskanzler hofiert, kehrte er im Frühjahr 1933 auf seinen Posten als Reichsbankpräsident zurück und wurde ein Jahr
später Reichswirtschaftsminister.