Der erste Synagogenbrand während der NSJahre wurde im Süden des Reichs gelegt:  Unbekannte Täter zündeten am 1. November 1936 die Synagoge in Konstanz am  Bodensee an. Sie schlüpften durch ein kleines Fenster an der Rückwand in das  Innere des 1883 erbauten, mitten in der Konstanzer Altstadt gelegenen  Gotteshauses. Dort stapelten sie an fünf Stellen liturgische Gewänder,  Thorarollen und Holzteile aufeinander, verschütteten Benzin und zündeten alles  an.

Nach diesem ersten Synagogenbrand des Nazireichs wurden die Behörden noch tätig:  Die Freiwillige Feuerwehr rückte aus und löschte. Polizei und Staatsanwaltschaft  nahmen Ermittlungen auf, nachdem die Jüdische Gemeinde Strafanzeige gegen  unbekannt erstattet hatte. Der eingeschüchterte Synagogenrat dankte der  Feuerwehr artig für das »rasche Eingreifen und Ihre so tatkräftige opferwillige  Hilfe«. Die Feuerwehr nahm den Brand als Lehrbeispiel und orderte weitere  Atemschutzgeräte zur besseren Brandbekämpfung in stark verrauchten Gebäuden.

Die Ermittlungsarbeit der Kripo erbrachte kuriose Ergebnisse: Die Beamten  stellten die Vermutung an, Mitglieder der Kommunistischen Partei oder »bezahlte  Kräfte von Juden zum Zwecke der Greuelpropaganda « oder gar ausgestoßene  Anhänger der NSDAP und ihrer Gliederungen kämen als Täter infrage. Zuletzt  präsentierten die Beamten sogar einen konkreten Tatverdächtigen: den jungen  Rabbiner Robert Zion aus Berlin, der sich vergeblich um eine Rabbinatsstelle in  Konstanz beworben hatte. Doch Zion hatte ein Alibi.

Zwei Jahre später wurde die einst von christlichen Bauhandwerkern miterrichtete  Synagoge ein zweites Mal Opfer einer Brandstiftung. Wie rund 270 andere jüdische  Gotteshäuser im Deutschen Reich wurde sie in den frühen Morgenstunden des 10.  November 1938 von SS-Männern in Räuberzivil angezündet. Der Landrat, ein  Bürgermeister und die örtlichen Polizeispitzen sahen tatenlos zu. Weil der  steinerne Bau nicht brennen wollte, halfen mindestens vier Feuerwehrleute mit,  die Dachluken des Gebäudes zu öffnen und so eine stärkere Sogwirkung zu  erzeugen. Auch schleppten sie nun die neuen Atemschutzgeräte heran, damit die Täter sich im verrauchten Gebäude besser bewegen konnten. Da die Synagoge nicht abgebrannt war, rückte tags darauf ein Sprengkommando der SS an und vollendete das Zerstörungswerk. Die Kosten der anschließenden Abbrucharbeiten an der Ruine trieb die Stadtverwaltung bei der jüdischen Restgemeinde ein.

Wie überall im Reich unterblieben auch am Bodensee auf funkübertragene Weisung des »Sonderbefehlsstabs der Ordnungspolizei« in Berlin alle polizeilichen und staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen. Brandursache »unaufgeklärt«, heißt es in den Akten.

Nach dem Ende der NS-Diktatur wurde in Konstanz drei Mal der Versuch unternommen, die Täter zu ermitteln. Ein emigrierter jüdischer Bürger bezichtigte mehrere Feuerwehrleute der Mittäterschaft. Die vier Männer bestritten alles, einigten sich auf eine Sprachregelung und hielten sich jahrelang eisern daran.

Der spätere Generalbundesanwalt Max Güde eröffnete 1946 ein Ermittlungsverfahren wegen Beihilfe zur besonders schweren Brandstiftung gegen die mutmaßlich beteiligten SS-Führer. Doch die schienen nicht auffindbar. Dabei arbeitete einer der mutmaßlichen Täter als Portier bei einem der größten Industriebetriebe der Stadt. Erst 1962 griff die Staatsanwaltschaft Konstanz den Fall erneut auf und nahm den mutmaßlichen Haupttäter, SS-Oberführer Walter Stein, ehemals Leiter der Allgemeinen SS in Konstanz, und seinen Stellvertreter Alfons Graf in Untersuchungshaft.