Der Quelle-Katalog war die Konsumbibel der frühen Bundesrepublik; ein großes, buntes, gedrucktes Schaufenster. Seine Schöpferin, Grete Schickedanz aus Fürth , hatte als junges Mädchen bei Gustav Schickedanz’ »Großwarenhandel mit Kurzwaren« gelernt und sich bald unentbehrlich gemacht. 1942 heiratete sie ihren Chef, und als der nach dem Krieg nicht arbeiten durfte, weil er NSDAP-Mitglied gewesen war, krempelte Grete die Ärmel hoch. Jahre bevor die Deutschen an den wirtschaftlichen Wiederaufbau denken konnten, fuhr sie bereits mit einem zerbeulten Laster durch das zerbombte Land – auf der Suche nach Waren.

Mehrere Millionen Tonnen Bomben waren auf Deutschland gefallen, die Hälfte der Wohnfläche war bei Kriegsende zerstört. In diese Trümmerwüste kehrten Tag für Tag Tausende Flüchtlinge und Soldaten zurück. In den drei Westzonen gab es für 13,7 Millionen Haushalte nur 8,2 Millionen Wohnungen. Die Ernährungslage war katastrophal, die Versorgungswege, Straßen, Brücken und Eisenbahnen, lagen in Schutt und Asche, und die Abschottung der sowjetischen Zone schränkte den Warenaustausch weiter ein. Die Bevölkerung hungerte. Vielen kamen die unmittelbaren Nachkriegsjahre entbehrungsreicher vor als das Leben unter dem Bombenhagel.

Wie sich Deutschlands Zukunft wirtschaftlich gestalten würde, war dabei zunächst eine politische Frage. Was hatten die Alliierten vor? Im September 1944 hatte der amerikanische Finanzminister Henry Morgenthau jr. vorgeschlagen, Deutschland in einen Agrarstaat zu verwandeln; die Rote Armee hatte bereits auf ihrem Vormarsch begonnen, Produktionsanlagen abzubauen und nach Hause zu schicken. Bis in die frühen fünfziger Jahre führte die Sowjetunion diese Demontagen fort. In Washington und London setzte sich hingegen schon bald nach 1945 die Ansicht durch, dass Deutschland, entgegen Morgenthaus Ansichten, nur durch einen gezielten wirtschaftlichen Wiederaufbau stabilisiert werden könne.

Eintracht herrschte unter den westlichen Siegermächten darüber, dass es einer neuen Währung bedurfte: Die Reichsmark war ruiniert. Hitler hatte die Geldpressen heißlaufen lassen, um die kolossalen Kriegsanstrengungen zu finanzieren. Am Ende war Bargeld im Nennwert von rund 300 Milliarden Reichsmark im Umlauf, das in der Realität aus Hunger und Trümmern keinen Gegenwert hatte. Die galoppierende Inflation blieb nur deswegen ein rein theoretisches Problem, weil die Deutschen einen Großteil ihrer Geschäfte auf dem Schwarzmarkt tätigten. »Wer amerikanische Zigaretten besitzt oder gar Nylonstrümpfe, der ist König«, berichtete der Deutschamerikaner Gustav Stolper von seiner Reise durch das zerstörte Land.

Grete Schickedanz schuf sich in diesem Chaos schnell eine ganz andere Realität. Was sie an Kleidung bekommen konnte, lud sie auf ihren Fünftonner und fuhr es nach Hersbruck, wo es auf den Regalen ihres »Lädle« landete. Hemden, Hosen, Socken, Unterwäsche – was es auf dem Schwarzmarkt nicht gab, fanden die Leute bei Frau Schickedanz. Das Geschäft lief sofort – bis die amerikanischen Besatzer in Hersbruck auftauchten und den Laden dichtmachten. Entschlossen reiste Grete Schickedanz nach München , um sich bei dem neuen bayerischen Wirtschaftsminister Hilfe zu holen, einem alten Bekannten aus Fürth: Ludwig Erhard . Der war noch weit entfernt davon, Vater des Wirtschaftswunders zu werden, aber mit seiner Hilfe erhielt Grete Schickedanz die Handelslizenz, die sie haben wollte.

Unterdessen wehten die ersten frostigen Böen des Kalten Krieges durch Deutschland: Die westlichen Alliierten unterstützten privatwirtschaftliche Initiativen, zeigten sich großzügig bei der Duldung des Schwarzmarkthandels und ließen eine minimale Industrieproduktion zu. Die Sowjets dagegen gingen gegen jede Art von Tauschhandel energisch vor und begannen mit der Verstaatlichung der Industriebetriebe. Mit der Truman-Doktrin setzte der amerikanische Präsident im März 1947 dann eindeutige Rahmenbedingungen für die Westzonen: »Freie Institutionen, repräsentative Regierungsformen, freie Wahlen, Garantien für die persönliche Freiheit von politischer Unterdrückung.« Die »andere Hälfte dieser Walnuss«, wie Truman sagte, war der Plan von US-Außenminister George Marshall zum Wiederaufbau Europas, bestehend aus Krediten, Rohstoff- und Lebensmittellieferungen in Höhe von 13 Milliarden Dollar – rund 96 Milliarden Dollar nach heutigem Wert.