Die Gefangene öffnet das Gefängnistor von außen. Beim Öffnen des eisernen Vorhangs, der über rostige Schienen läuft, entsteht ein altvertrautes bösartiges Geräusch, das die Nachwendestille zerschneidet und das tapfere Schweigen der Rückkehrerin, ihren ausbleibenden Angstwutschmerzensschrei, erst hörbar macht. Was empfinden die ehemaligen politischen Gefangenen der DDR, wenn sie uns heute durch die Ruinen der Diktatur führen? Wie tritt man aus der Gegenwart in die Vergangenheit? Gabriele Stötzer hat hinter diesen roten Klinkermauern fünf Monate Stasi-U-Haft durchlitten, bevor sie in das berüchtigte Frauenzuchthaus Hoheneck verlegt wurde. "Staatsverleumdung" lautete die Anklageformel. Sie erlebte die Einsamkeit in der fensterlosen Zelle, das tagelange Nichtstun und Nichtshören und Nichtswissen, bis man sich auf den Vernehmer freut. Sie hörte bis in ihre Träume das metallische Knallen der Türklappe, durch die das Essen, der krank machende Fraß, hereingereicht wurde. Sogenannter Freigang fand in einem steinernen Geviert von der Größe eines Hundezwingers statt. Jetzt blüht im Gefängnishof üppiges Unkraut, und hinterm leeren Zellentrakt erstreckt sich harmlos Erfurts einst stolze Stasizentrale – zu deren Erstürmern im Dezember 1989 auch Gabriele Stötzer gehörte.

Als Tollkühne unter Kühnen, die damals nicht wissen konnten, ob ein Schießbefehl galt, forderte die junge Untergrundkünstlerin Einlass in die Trutzburg ihrer Peiniger. Bewaffnet nur mit ihrem naiven Weltveränderungsmut. Nichts ahnend von den ordentlich abgehefteten Plänen, sie wegen fortgesetzt unbotmäßiger Fotos, Performances und vor allem Texte dauerhaft einzusperren. Vielleicht stürmte sie auch deshalb an jenem Dezembertag den hoch ummauerten Hassort, der stacheldrahtumkränzt inmitten der fachwerkhübschen Meister-Eckhart-Stadt stand, um ihren schlummernden Hass zu überwinden. "Hass ist, wenn man sich nicht befreien kann", hat die bedeutendste verfemte Schriftstellerin der DDR einmal geschrieben. Hass sei kein Kampf, sondern ein Krampfzustand. Diesen Krampf zu lösen, der den Sozialismus befallen hatte, war ja im Herbst 1989 die anmaßende Mission der Bürgerrechtler. Zu ihrem eigenen Erstaunen hatten sie mit Beten, Kerzenanzünden und Demonstrieren schon den Rücktritt des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker und des Ministers für Staatssicherheit Erich Mielke bewirkt. Doch die eigentlich revolutionäre Tat, der Griff ans Herz der Macht, stand noch aus.

Am 4. Dezember kam es aus Gründen, über die die Historiker immer noch streiten, zur Besetzung der Bezirkszentralen des MfS in drei Städten der Republik. Rostock im Norden, Leipzig in der Mitte, Erfurt weiter im Süden. Warum ausgerechnet Erfurt den Anfang machte, dafür gibt es zumindest einen unstrittigen Grund: weil fünf Frauen frühmorgens loszogen mit der heroischen Absicht, die ruchbar gewordene Vernichtung von Stasiakten zu stoppen. Gabriele Stötzer war die Einzige mit Feinderfahrung im Bund der Beherzten. Wegen Leuten wie ihr dürfen wir die Wende heute Revolution nennen.

Berlin, 4. Dezember 1989, 15.10 Uhr. Eilpost von Generalleutnant Schwanitz, Leiter Amt für Nationale Sicherheit, an alle Leiter der Kreis- und Bezirksämter.

"Am heutigen Tag drang eine große Menschenmenge gewaltsam in das BA Erfurt ein. Weitere Objekte sind bedroht. Die Situation ist noch nicht bereinigt. Aus diesem Anlaß wird angewiesen, sofort alle zusätzlichen Maßnahmen einzuleiten, um die Objektsicherung zu verstärken. Der Zutritt unberechtigter Personen ist unbedingt zu verhindern. Es sind alle zur Verfügung stehenden Mittel – außer gezielte Schußwaffenanwendung – zum Einsatz zu bringen."

Der Brief des Generalleutnants muss in großer Hektik diktiert worden sein, denn die Lage war fataler denn je. Weder am 17. Juni 1953 (als Dienstgebäude der Stasi demoliert wurden) noch am 9. November 1989 (als die Staatsinsassen ihren Bewachern wegrannten) herrschte bei der Stasi solche Schockstarre. In der Provinz warteten sie auf Befehle aus Berlin, in Berlin warteten sie auf Nachrichten aus der Provinz, in Berlin wie in der Provinz aber hatten sie der Friedfertigkeit des Feindes, der mit bloßen Händen und moralischen Argumenten einen Geheimdienst abzuschaffen gedachte, wenig entgegenzusetzen. Die Hilflosigkeit des Generalleutnants Wolfgang Schwanitz drückte sich auch in der kugelsicheren Habachtsprache aus, in der er seine unklaren Befehle erteilte. Bereinigen einleiten verstärken verhindern!

Im Nachhinein klingen die markigen Worte hohl, weil wir wissen, dass die Stasi nur passiven Widerstand leistete während einer beispiellosen Besetzungswelle, die von Erfurt ausging und Mitte Januar 1990 schließlich die Zentrale in der Berliner Normannenstraße erreichte. Zu Anfang jedoch schien die Sicherheitslage labil, denn die Stasi war immer noch schwer bewaffnet. Der verzweifelte Offizier im thüringischen Suhl, nur eine Autostunde von Erfurt entfernt, der sich während der Besetzung seiner Dienststelle erschoss und das einzige Todesopfer des Umsturzes bleiben sollte, hätte seine Verzweiflung auch gegen andere richten können.