1857

Karl Marx findet die Krise beautiful: Pleiten, Armut und Arbeitslosigkeit haben im Herbst 1857 die kapitalistische Welt erfasst, die erste Weltwirtschaftskrise der Geschichte breitet sich aus. In den USA müssen Banken schließen, in Großbritannien große Handelshäuser Konkurs anmelden. Bis nach Chile, Indien und Indonesien sind die Auswirkungen zu spüren. Erstmals merken die Menschen, wie eng die Kontinente nach einem halben Jahrhundert Industrialisierung bereits aneinandergerückt sind.

Hamburgs Kaufleute trifft es besonders hart: In den Speichern des Hafens stapeln sich unverkäuflich gewordene Handelswaren mit einem Gesamtwert von 500 Millionen Mark – Kaffee und Zucker, Stoffe und Getreide. Für zahlreiche Handelshäuser kommt noch ein weiteres Problem hinzu, denn viele von ihnen können die Wechsel, die sie vor dem Zusammenbruch akzeptiert haben, nun nicht mehr bezahlen.

Ihren Anfang hatte die Krise in Russland genommen. Nach dem Ende des Krimkrieges 1856 waren die russischen Bauern auf den europäischen Markt zurückgekehrt. Die amerikanischen Farmer, die Europa zwischen 1853 und 1856 mit Weizen versorgt hatten, blieben auf ihrer Ernte sitzen. Der Preis brach ein, die Finanzströme über den Atlantik versiegten, und das Geld für die expandierende amerikanische Wirtschaft wurde knapp.

Der eigentliche Auslöser der Krise ist dann am 24. August 1857 der Konkurs der Ohio Life and Trust Company, die sich beim Handel mit Anleihen für zweifelhafte Eisenbahnprojekte verspekuliert hat. In kürzester Zeit entfacht diese Bankpleite einen Flächenbrand. Die Börsenkurse stürzen ab, vor allem Eisenbahnaktien verlieren einen Großteil ihres Wertes. In den USA müssen innerhalb weniger Tage 1415 Banken schließen, in New York stellen 32 von 33 Kreditinstituten ihre Zahlungen ein. Am 13.Oktober 1857 stürmen daraufhin rund 20000 Bürger die Banken der Stadt und fordern vergeblich ihr Geld. Aus der Börsenkrise ist eine Kreditkrise geworden. Und aus dieser wird eine Handelskrise, die schon bald den Alten Kontinent erreicht. Eine völlig neue Kommunikationstechnik trägt dazu bei, dass sich die schlechten Nachrichten in Windeseile verbreiten: die Telegrafie.

Doch so schnell sich die Krise ausbreitet, so schnell kann sie auch wieder eingedämmt werden. Die »kolossalen Folgen«, die Friedrich Engels vorausgesagt hatte, bleiben aus. Bereits Ende 1857 geben amerikanische Banken wieder Kredite aus, Ende des Jahrzehnts werden die alten Wachstumsraten wieder erreicht. Auch Hamburgs Kaufleuten gelingt es, das Vertrauen ihrer Kunden zurückzugewinnen – mit einer Silberanleihe, die ihnen der österreichische Staat gewährt. Am 12. Dezember 1857 trifft in der Hansestadt ein Zug voller Silberbarren aus Wien ein und kann bei der Hamburger Bank als Sicherheit hinterlegt werden. Die Hansestadt hat damit mehr Glück als New York: Dort ist bei einem Schiffsunglück im September 1857 eine erwartete Lieferung von drei Tonnen Gold aus Kalifornien während eines Hurrikans im Atlantik versunken.

1873

Dreißig Aktiengesellschaften hat Heinrich Quistorp seit 1871 bereits an die Börse gebracht. Nun will der Bankier auch mit dem Bau von Villen im Berliner Westend Geld machen. Doch dann rauschen die Aktienkurse an der Berliner Börse in den Keller; der Bankier ist am Ende. Als erste deutsche Bank der Gründerkrise muss seine Vereinsbank Quistorp & Co am 15. Oktober 1873 Konkurs anmelden.

Zum zweiten Mal hat sich eine Wirtschaftskrise rasend schnell über den Globus ausgebreitet. Über Budapest, Wien und Philadelphia hat sie Deutschland erreicht. Hier fallen die Aktienkurse innerhalb kürzester Zeit um durchschnittlich 44 Prozent. In den USA müssen mehr als 18000 Unternehmen Konkurs anmelden. Vor allem der Eisenbahnbau, der das Rückgrat der Industrialisierung bildet und auf den sich deshalb viele Spekulanten in Europa und in Übersee gestürzt haben, gerät ins Stocken.

Die Krise von 1873 entwickelt sich zur schwersten des 19. Jahrhunderts – fast ein Jahrzehnt lang stagniert die Wirtschaft. Aber auch in anderer Hinsicht markiert sie eine Zeitenwende: Erstmals ist eine Rezession nicht vom Agrarsektor ausgelöst worden, sondern von einer Überproduktion der Industrie. Neue technische Verfahren haben vor allem die Herstellung von Roheisen und Stahl revolutioniert, wodurch ein immenses Überangebot entstanden ist. Hinzu kam die Spekulation mit Aktien, ein damals völlig neues Geschäft. Erst wenige Jahre zuvor hatte man mit der Aktienausgabe begonnen, um den expandierenden Eisenbahnbau und die Schwerindustrie zu finanzieren.

Die Krise hat zwei Brandherde. In den USA geht der rasante Aufschwung zu Ende, der durch das Ende des Bürgerkrieges ausgelöst worden ist. In Deutschland folgt auf den Gründerboom der Gründerkrach: Zwei Jahre lang ist das junge Reich im Börsenfieber gewesen. Nach dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges 1871 haben nicht zuletzt die französischen Reparationszahlungen Wirtschaft und Börsenspekulation angeheizt. Innerhalb von zwei Jahren sind rund 2,5 Millionen Mark zusätzlich in den Kapitalmarkt geflossen. 928 neue Aktiengesellschaften wurden gegründet – bis 1873 die Spekulationsblase platzt.

Die deutsche Industrie drängt daraufhin auf Schutzzölle. Streiks und Unruhen nehmen zu. Viele Arbeiter flüchten vor der Armut nach Übersee, die zweite große Emigrationswelle des 19. Jahrhunderts setzt ein. Es folgt aber auch eine sozialpolitische Wende: Ohne die Gründerkrise wären die Bismarckschen Sozialgesetze, wäre die Einführung der Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung im Kaiserreich wohl nicht durchzusetzen gewesen.

Deutschland hat durch die Krise ein anderes Gesicht bekommen – und die deutschen Konservativen beginnen nach einem Sündenbock für die lang anhaltende Stagnation zu suchen. Sie entdecken mal wieder den »jüdischen Wucherer« oder »Halsabschneider« und schüren den Antisemitismus. Es ist schließlich der Historiker Heinrich von Treitschke, der, als die Gründerkrise fast überwunden ist, im Jahr 1879 jenen Satz formuliert, den sich ein halbes Jahrhundert später die Nationalsozialisten auf ihre Fahnen heften: »Die Juden sind unser Unglück.«

1929

Die Bilder gehen um die Welt: Anleger stürmen die New Yorker Börse, Arbeitslose stehen nach einer Suppe an. Zum ersten Mal wird eine Weltwirtschaftskrise auf Fotos festgehalten, und mit ihnen hat sich der Schock von 1929 tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben.

Der 25. Oktober 1929, als die Kurse an der New Yorker Börse um 13 Prozent fallen, gilt als der Tag, an dem die Krise begann. Es ist ein Donnerstag – in Europa spricht man infolge der Zeitverschiebung vom »Schwarzen Freitag«. Viele Spekulanten verlieren an diesem Tag ihr gesamtes Vermögen, nachdem sie zuvor der Illusion erlegen waren, die Kurse würden unaufhörlich steigen. Es folgt eine vier Jahre währende Depression, in denen der Dow-Jones-Index insgesamt 90 Prozent seines Wertes einbüßt.

So überraschend, wie es damals vielen scheint, ist die Krise indes nicht gekommen: Die Rezession hat schon vor 1929 begonnen. Der amerikanische Markt für Konsumgüter wie Autos, Radios oder Kühlschränke war längst gesättigt. Der Welthandel war unterdessen in eine heikle Schieflage geraten, denn die USA waren in den zwanziger Jahren nicht nur der größte Exporteur der Welt, sondern auch deren größter Gläubiger.

In der Krise bricht das asymmetrische System zusammen. Der Börsencrash löst dabei einen Schock aus, der das Vertrauen in den Kapitalismus weltweit beschädigt. Die Folge ist eine globale Kettenreaktion: Die amerikanische Industrieproduktion halbiert sich, das Volumen des Welthandels reduziert sich gar um fast zwei Drittel. Der Handel mit westafrikanischem Kakao kommt genauso zum Erliegen wie der mit japanischer Seide. Die Deflation ruiniert viele Betriebe und lässt 1931 schließlich das Bankensystem kollabieren. Auch die neu geschaffene amerikanische Zentralbank kann dies nicht verhindern.

Am härtesten trifft die Krise neben den USA die Weimarer Republik. Hier verschärfen die Reparationsforderungen aus dem Versailler Vertrag die Lage noch zusätzlich, denn die Zahlungen an die Sieger des Ersten Weltkrieges wurden bis dato vor allem durch amerikanische Anleihen finanziert. 1929 nun versiegt der Geldstrom. Mit massiven Lohnsenkungen und durch Sozialabbau versucht die Regierung unter Reichskanzler Heinrich Brüning von der Zentrumspartei, den Staatsbankrott abzuwenden, doch sie treibt die Wirtschaft damit erst recht in die Deflation. 1933 steigt die Arbeitslosenzahl auf fast neun Millionen.

Weltweit reagiert die Politik hilflos, ein koordiniertes Vorgehen der Staaten gibt es nicht. Die USA reduzieren die Geldmenge, viele Staaten schaffen den Goldstandard ab, fast alle setzen auf Handelsschranken. So entwickelt sich aus der zyklischen Krise eine strukturelle. Erst 1933 erreicht diese Große Depression ihren Tiefpunkt.

Weltpolitisch sind da die Weichen bereits in zwei unterschiedliche Richtungen gestellt. In Deutschland haben die Nationalsozialisten die Macht übernommen. In den USA hingegen beginnt eine Phase der demokratischen Erneuerung. Mit der Politik des New Deal – mit schuldenfinanzierten staatlichen Investitionen – stellt Präsident Roosevelt die Lehren der klassischen Ökonomie auf den Kopf. Er handelt dabei ganz nach der Theorie des britischen Ökonomen John Maynard Keynes , die fortan auch die Wirtschaftspolitik anderer Industrieländer bestimmen wird.

2008

Warnungen hat es genug geben – Warnungen, dass der Immobilienboom enden werde, Warnungen vor dem Handel mit riskanten Krediten. Doch solange die Gewinne sprudelten und die Amerikaner im Kleinen wie im Großen ihren Wohlstand mit immer neuen Schulden finanzieren konnten, fanden diese Warnungen weder in den USA noch anderswo Gehör. Erst am 15. September 2008 ändert sich dies schlagartig – als die US-Regierung sich weigert, die Investmentbank Lehman Brothers vor dem Konkurs zu retten.

Wie im Spielkasino ist es in den Jahren zuvor an den Börsen zugegangen. Futures und Options, Swaps und Zertifikate hießen die Chips in diesem internationalen Roulette. Die lukrativsten Geschäfte aber versprachen collateralized debt obligations (CDOs), in denen Banken die extremen Risiken bestimmter Hypotheken, sogenannter subprime- Kredite, verschleiert und als sichere Kapitalanlage ausgegeben haben. Die Risiken wurden dabei immer wieder neu gebündelt – so lange, bis keine Bank mehr wusste, welche davon in ihren Büchern steckten. Erst im Herbst 2008 kommt ans Licht, was sich hinter den neuen Finanzprodukten verbirgt. Plötzlich summieren sich die Verluste auf viele Hundert Milliarden oder sogar mehrere Billionen Dollar. Das Vertrauen in die Finanzmärkte ist zerstört.

Dabei schwelte die Krise schon lange. Bereits Mitte 2007 war die Immobilienblase in den USA geplatzt, Hypothekenfinanzierer meldeten Insolvenz an, Banken mussten Milliardenverluste abschreiben, Hedgefonds kollabierten. Die US-Regierung beschloss damals ihren ersten Notfallplan. Auch Großbritannien und Deutschland mussten Kreditinstitute stützen.

Nach der Lehman-Pleite wird aus der Finanz- eine Wirtschaftskrise. Der Kreditmarkt ist wie gelähmt, weil sich die Banken untereinander kein Geld mehr leihen. Die amerikanische Zentralbank senkt die Zinsen daraufhin faktisch auf null, aber auch damit kann sie die weltweite Rezession nicht verhindern. Der Welthandel bricht ein, die Zahl der Arbeitslosen steigt. Ganze Staaten stehen vor dem Finanzkollaps. Die Krise legt zudem Fehlentwicklungen des globalen Kapitalismus offen: das gigantische Haushaltsdefizit der USA, die Überproduktion der Autoindustrie, die deutsche Exportabhängigkeit.

Die Industriestaaten entschließen sich zu einem koordinierten Vorgehen, um eine Deflation sowie eine lang anhaltende Depression zu verhindern. Sie pumpen mindestens 5 Billionen Dollar in Konjunkturprogramme sowie in Finanzhilfen für die Entwicklungsländer, und sie verstaatlichen Banken. Dafür erhöhen sie die Staatsschulden in bislang nicht gekanntem Ausmaß – die New Yorker Schuldenuhr hat eine Stelle zu wenig, um das wachsende Defizit überhaupt noch anzuzeigen. Optimisten sprechen nun über das baldige Ende der Krise, die Pessimisten hingegen über den demnächst endgültigen Zusammenbruch des Kapitalismus.