Im November 1942 treffen Hans Scholl und Alexander Schmorell von der Weißen Rose in dem kleinen Hotel Sächsischer Hof in Chemnitz auf den damals 29-jährigen Falk Harnack. Ziel der Zusammenkunft ist es, den studentischen Widerstand über München hinaus auf andere deutsche Städten auszuweiten. Dabei soll der junge Schauspieler und Regisseur helfen. Sein älterer Bruder Arvid sowie zehn weitere Widerstandskämpfer der Roten Kapelle werden kurz darauf im Dezember 1942 in Plötzensee hingerichtet. Trotzdem reist Falk Harnack am 8. Februar 1943 nach München und sucht Schmorell und die Geschwister Scholl auf; sie besprechen Pläne für eine Zeit nach Hitler.

Hans Scholl und Falk Harnack verabreden sich erneut: Am 25. Februar wollen sie sich um 18 Uhr an der Gedächtniskirche in Berlin treffen. Harnack ist pünktlich; er wartet vergeblich. Hans Scholl ist bereits hingerichtet. Wenige Tage später wird auch Falk Harnack verhaftet und mit 13 anderen Mitgliedern der Weißen Rose angeklagt. Als Einziger wird er freigesprochen. Noch im Winter desselben Jahres desertiert Harnack in Griechenland aus der Wehrmacht. 1947 schreibt er seine Erinnerungen auf. Wir geben Passagen über die Haftzeit in Ausschnitten wieder. Nach dem Krieg war Harnack zunächst künstlerischer Leiter bei der Ostberliner Defa, wechselte aber 1952 nach West-Berlin und arbeitet beim ZDF. Er starb 1991 in Berlin.

Sonnabend, den 6. März 1943, mittags gegen 14Uhr, wurde ich zum Kompaniechef gerufen. Erst als zwei Wachtmeister der Kompanie mit entsicherter Pistole den Raum betreten hatten, erklärte er: "Auf Befehl des Oberkommandos des Heeres sind Sie vorläufig festgenommen. Weshalb, das werden Sie besser wissen als ich. Bei Fluchtversuch wird sofort scharf geschossen. Sie haben keinem Menschen eine Mitteilung hiervon zu machen." Am selben Abend wurde ich unter Bewachung zum D-Zug nach München gebracht und am nächsten Morgen in die Gestapo-Leitstelle, Brienner Straße (Wittelsbacher Palais), eingeliefert. [...] Während der ganzen Gestapohaft kam keiner von uns ins Freie, Tag und Nacht mussten wir in der Zelle verbringen, die von scharfem, hellem elektrischen Licht beleuchtet war. [...] Einmal sah ich Alexander Schmorell. Er kam mir, als ich zu einer Vernehmung abgeholt wurde, entgegen (Zellenbau). Noch heute sehe ich seine große schöne Gestalt, hochrot im Gesicht, mit glühenden Augen. Wir grüßten uns stumm. [...]

Nach Wochen – als die Vernehmungen beendet waren – wurden wir auf die einzelnen Untersuchungsgefängnisse Münchens verteilt. So kamen Schmorell, Prof. Huber und viele andere in das Gefängnis am Neudeck. Willi Graf und ich kamen, natürlich streng getrennt, in das Untersuchungsgefängnis Cornelius. Damit war der Fall von der Gestapo der Justiz überstellt; die Maschinerie des Volksgerichtshofes lief an. Qualvolle Tage und Nächte folgten, qualvoll wegen der Ungewissheit, wann der Prozess verhandelt und wie er ausgehen würde. [...] Da die Sache vor den Volksgerichtshof kam, wo kein Strafgesetzbuch Gültigkeit hatte, sondern nur die Willkür entschied, bereitete sich jeder von uns auf die Todesstrafe vor. Langsam überwand man die Furcht vor dem Tode. Nur ein Gefühl quälte jeden von uns: nicht genug gegen das verbrecherische System getan zu haben. Man hatte das Gefühl, man gibt sein Leben zu billig her. [...] Am 16. April 1943 traf die Anklageschrift ein, die auf Hochverrat, Landesverrat, Zersetzung der Wehrmacht, Aufbau illegaler Organisationen etc. lautete.

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Am 19. April 1943, morgens um 5 Uhr, wurde ich geweckt, rasiert und kam in die sog. Empfangszelle. Wenige Minuten später kam Willi Graf hinein. Wir beide wurden in den Gefängnishof geführt. Dort stand ein grüner Gefängniswagen. Die Tür öffnete sich, und wir erblickten Prof. Huber, Alexander Schmorell und die anderen Angeklagten, darunter die Geschwister Hirzel, Grimminger, Bollinger usw. Wir stiegen ein, und die Fahrt zum Justizpalast, quer durch München, begann. [...]

Im Hof des Justizpalastes empfing uns ein Polizeikordon. Die Hände wurden uns gefesselt, und wir kamen herauf in die große Wartezelle, zum ersten Male alle gemeinsam. Nur ein paar Wortbrocken konnten wir wechseln, da wir streng beaufsichtigt wurden. Schmorell war schweigsam, er hoffte auf nichts mehr. [...]

Dann öffnete sich das Tor, und wir wurden gefesselt über den langen Korridor in den Schwurgerichtssaal geführt. Links und rechts standen Menschen, Kopf an Kopf. Viele Studenten der Münchener Universität, Arbeiter, Soldaten. Wir gingen an ihnen vorbei. Kein böses Wort traf uns – nur Blicke voll tiefer Sympathie und voller Mitleid. Als erster betrat Schmorell den Saal, ihm folgte Prof. Huber, und dann kamen wir anderen. – An der Tür sah ich meine Mutter stehen. Ich konnte ihr, obwohl gefesselt, die Hände drücken und ihr, der man soeben ihren ältesten Sohn und ihre Schwiegertochter auf so grausame Weise ermordet hatte, sagen: "Ich denke an Euch alle." [...]

In hämisch-pathetischer Weise verlas Freisler die einzelnen Anklagepunkte. Als die Flugblätter verlesen wurden, wuchs die feindliche Erregung im Saal und nahm bedrohliche Formen an. Sofort nach der Verlesung sprang der Wahlverteidiger von Prof. Huber auf, nahm stramme Haltung an, grüßte mit "Heil Hitler" und erklärte mit großem Pathos: "Herr Präsident! Hoher Gerichtshof! Da ich erst jetzt Kenntnis von dem Inhalt der Flugblätter erhalten habe, sehe ich mich als deutscher Mensch und Rechtswahrer des Deutschen Reiches außer Stande, ein solch ungeheuerliches Verbrechen zu verteidigen. Ich bitte den hohen Gerichtshof, mich von meiner Verteidigung zu entbinden und die angeführten Gründe zu würdigen." [] Prof. Huber, neben dem ich saß, war auf das Tiefste erschüttert. Aber noch eine Enttäuschung traf Prof. Huber. Er hatte als Entlastungszeugen den Münchener Historiker, seinen Kollegen Geh.Rat Alexander von Müller, benannt. Von Müller ließ sich entschuldigen, er sei dienstlich von München abwesend.