Konzentrationslager Dachau, 9. April 1945. Der KZ-Kommandant Eduard Weiter liest eine "Geheime Reichssache", einen "Schnellbrief" aus Berlin: Auf "höchsten Befehl" – so schreibt der Gestapo-Chef Heinrich Müller – soll der "besondere Schutzhäftling ›Eller‹ … in absolut unauffälliger Weise" liquidiert werden. Noch am selben Abend wird der Häftling "Eller" aus seiner Zelle im Kommandanturarrest geholt und in der Nähe des alten Krematoriums von einem SS-Oberscharführer erschossen, die Leiche am nächsten Tag verbrannt.

"Eller" – das war der Schreiner Georg Elser, der Mann, der noch in letzter Stunde ermordet wurde, weil er, als erster und neben Stauffenberg einziger Deutscher, dem Ziel, Hitler und die nationalsozialistische Führung zu töten, denkbar nahe gekommen war: Am Abend des 8. November 1939 hatte der Diktator den Münchner Bürgerbräukeller nur 13 Minuten vor der Detonation von Elsers Bombe verlassen. Elser "durfte" als Häftling bis April 1945 überleben, weil ihm nach einem gewonnenen Krieg ein Schauprozess gemacht werden sollte. Denn seit Ende 1939 galt die NS-Propagandaversion, dass der britische Geheimdienst Urheber des Attentats und Elser nur ein Werkzeug gewesen sei. Erst als der Münchner Historiker Lothar Gruchmann in den sechziger Jahren ein ausführliches Vernehmungsprotokoll Elsers in den Akten des Reichsjustizministeriums fand, wurden Motive, Überzeugungen und der biografische Hintergrund des Widerstandskämpfers deutlich.

Geboren 1903 im württembergischen Hermaringen, wächst Georg Elser in Königsbronn unter schwierigen Verhältnissen auf. Der Vater trinkt, die Familie verarmt. Schon früh gilt Elser als handwerklich und zeichnerisch besonders begabt. Nach sieben Jahren Schule beginnt er eine Lehre im Hüttenwerk Königsbronn. Doch da die körperliche Arbeit äußerst schwer ist, bricht er die Ausbildung ab und wird Schreiner. Elser arbeitet exakt, überprüft immer wieder das Geschaffene. Er ist stolz auf seinen Beruf, verlangt aber auch angemessenen Lohn; sein Sinn für Gerechtigkeit ist wach und empfindlich. Sowohl im Berufs- als auch im Privatleben legt er Wert auf seine Unabhängigkeit: Er fällt seine eigenen, von anderen nicht immer akzeptierten Entscheidungen. Mehrmals muss er in den wirtschaftlichen Wirren der späten zwanziger Jahre seinen Arbeitsplatz wechseln. Anfang 1925 verlässt er die Heimat, um sich in der Tradition des wandernden Tischlergesellen fortzubilden, aber auch, um sich aus den komplizierten Familienverhältnissen zu lösen. In den nächsten sieben Jahren arbeitet er an verschiedenen Orten rund um den Bodensee in Deutschland und der Schweiz.

Mit einem Klick auf das Bild gelangen Sie zur Seite des Magazins © ZEIT Geschichte

Georg Elser gilt als ein zwar schweigsamer, aber dennoch geselliger Mensch. Seit seiner Schulzeit musiziert er. Er spielt Zither, im Gesangsverein von Königsbronn auch den Kontrabass und musiziert oft auf Tanzabenden. Zusammen mit Freunden wandert er über die Alb und durch den Schwarzwald. Die Frauen mögen ihn, und er mag die Frauen. Seine Freundin Mathilde Niedermann bringt 1930 einen Sohn, Manfred, zur Welt.

Für Politik beginnt sich Elser erst während seiner Lehrzeit zu interessieren. Er wird Mitglied im Holzarbeiterverband und tritt 1928/29 dem kommunistischen Roten Frontkämpferbund bei, aber ohne sich in den Organisationen stark zu engagieren. Bis 1933 wählt er nach eigener Aussage die KPD, weil er sie für die beste Vertretung der Arbeiterinteressen hält.

Die nationalsozialistische "Bewegung" lehnt Elser von Anfang an entschieden ab. Den braunen Aufzügen geht er aus dem Weg; er verweigert konsequent den Hitlergruß und nimmt auch nicht an den gemeinsamen Betriebssitzungen vorm Volksempfänger teil, wenn der "Führer" spricht. Elsers Beispiel zeigt, wie sich ein Einzelner den Zumutungen der NS-Herrschaft auch im überschaubaren dörflichen Milieu entziehen konnte.

Elsers Politikverständnis ist stark geprägt von seinem eigenen Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit. Daher bleibt auch ein erstes und wichtiges Motiv für seine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus die Verschlechterung der Lebensbedingungen in den Jahren nach 1933: Die Reallöhne stagnieren, die Arbeitsbelastung steigt. 1937/38 tritt ein anderes Motiv in den Vordergrund: Elser beobachtet die umfangreichen Kriegsvorbereitungen. Er erlebt, dass die Westmächte den territorialen Forderungen Deutschlands im September 1938 auf der Münchner Konferenz nachgeben; deutsche Truppen marschieren in der Tschechoslowakei ein und besetzen das "Sudetenland". Doch dies ist für die aggressiven Pläne von Wehrmacht und NS-Führung nur ein Aufschub. Elser sieht in aller Klarheit, dass "ein Krieg unvermeidlich" ist. In unnatürlich geschraubter Sprache gibt er im Gestapo-Verhör von 1939 zu Protokoll: "Die von mir angestellten Betrachtungen zeitigten das Ergebnis, dass die Verhältnisse in Deutschland nur durch eine Beseitigung der augenblicklichen Führung geändert werden könnten. Unter der Führung verstand ich die ›Obersten‹, ich meine damit Hitler, Göring und Goebbels. Durch meine Überlegungen kam ich zu der Überzeugung, dass durch die Beseitigung dieser 3 Männer andere Männer an die Regierung kommen, die an das Ausland keine untragbaren Forderungen stellen, die kein fremdes Land einbeziehen wollen und die für eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse der Arbeiterschaft Sorge tragen werden." Der konsequente Kriegsgegner Elser ist zum Tyrannenmord entschlossen.