ZEIT Geschichte: Beinah hätte Georg Elser es geschafft. Es fehlten am 8. November 1939 nur 13 Minuten, und Hitler hätte die Veranstaltung im Bürgerbräukeller nicht überlebt. Hätte Elser sein Ziel, den Krieg zu stoppen, damit erreicht?

Ian Kershaw: Ich glaube nicht. Ein gelungenes Attentat hätte das Regime zu diesem Zeitpunkt wohl eher noch gestärkt. Höchstwahrscheinlich wäre Hermann Göring , der zweite Mann nach Hitler, Reichskanzler geworden. Der Krieg wäre weitergegangen.

ZEIT Geschichte: Wie hätten Bevölkerung und NSPropaganda auf Hitlers Tod reagiert?

Kershaw: Vermutlich mit einer kultischen Verehrung des toten "Führers". Hitler wäre als Märtyrer gefeiert worden. Und die Propaganda hätte das Attentat zu weiterer Kriegshetze genutzt, vor allem gegen die Engländer, die man ja für die Drahtzieher des Anschlags hielt. Was danach geschehen wäre, ist schwer zu sagen. Solche kontrafaktischen Spekulationen können immer nur kurzfristige Entwicklungen beleuchten. Fest steht meines Erachtens: Es hätte nach einem erfolgreichen Attentat 1939 keinen Staatsstreich gegeben. Das war ja der gravierende Unterschied zwischen Elser und den Männern des 20. Juli 1944: Elser hatte keinerlei Umsturzpläne, sondern nur den Plan, Hitler zu beseitigen.

ZEIT Geschichte: Wie hätte die Situation 1944 ausgesehen? Wäre der Staatsstreich gelungen, wenn Stauffenbergs Attentat erfolgreich gewesen wäre?

Kershaw: Das wäre keinesfalls sicher gewesen. Gewiss: Ein geglücktes Attentat hätte die Chancen für einen gelungenen Staatsstreich erhöht, aber es ist davon auszugehen, dass es auf jeden Fall Versuche gegeben hätte, den Staatsstreich zu kontern, vor allem seitens der SS. Vielleicht wäre es sogar zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen gekommen. Viele Militärs allerdings, die vor dem Attentat schwankten, ob sie Hitler die Treue halten sollen oder nicht, wären nach einem gelungenen Anschlag wahrscheinlich auf die Seite der Attentäter übergewechselt.

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ZEIT Geschichte: Hätte sich die Wehrmacht mehrheitlich hinter die Verschwörer des 20. Juli gestellt?

Kershaw: Womöglich schon, und das wäre in der damaligen Situation entscheidend gewesen. Die Stimmung in der Wehrmacht war 1944 sehr gespalten. Zwar glaubten einige unerschütterlich an den "Endsieg". Viele Militärs aber wussten nach der Invasion der Alliierten im Juni 1944, dass der Krieg so gut wie verloren ist, oder hatten zumindest Zweifel, ob Hitler den Krieg noch zu einem erfolgreichen Ende bringen könne. Nach dem misslungenen Attentat wendete sich das Blatt: Da gaben sich so gut wie alle Militärs sehr hitlertreu. Wir dürfen annehmen, dass viele, die nach dem 20. Juli wieder fest zu Hitler hielten, sich bei einem gelungenen Anschlag den Attentätern angeschlossen hätten.

ZEIT Geschichte: Wie hätte sich die Bevölkerung verhalten?

Kershaw: Hitler war 1944 längst nicht mehr so beliebt wie zu Anfang des Krieges. 1940/41, als er von Sieg zu Sieg eilte, befand er sich auf dem Gipfel seiner Popularität. Spätestens seit der Niederlage bei Stalingrad im Winter 1942/43 aber verlor er an Ansehen. Gleichwohl gab es noch sehr viele überzeugte Hitler-Anhänger, und so wie beim Militär stieg Hitler nach dem 20. Juli 1944 auch kurzfristig in der Gunst der Bevölkerung. Nach einem gelungenen Attentat wäre diese Zustimmung womöglich noch größer ausgefallen, es wäre eine neue Dolchstoßlegende entstanden. Man muss sich nur einmal Meinungsumfragen aus der frühen Bundesrepublik anschauen. Noch 1952 verurteilte etwa ein Drittel der bundesdeutschen Bevölkerung das Stauffenberg-Attentat. Ebenfalls ein Drittel der Befragten hatte zu diesem Zeitpunkt noch Gutes über Hitler zu sagen. Es ist daher zu befürchten, dass ein gelungenes Attentat die Verklärung Hitlers erst recht befördert und damit letztlich eine Hinwendung der Deutschen zur Demokratie erschwert hätte. Andererseits wären natürlich die Verbrechen im Ostfeldzug und der Holocaust früher bekannt geworden; die Menschen hätten früher in vollem Ausmaß erfahren, welche Gräuel Hitler zu verantworten hatte.

ZEIT Geschichte: Wäre es denn auch ohne Hitler zum Holocaust gekommen?

Kershaw: 1939, als Georg Elser sein Attentat verübt hat, war die Verfolgung der Juden zwar schon sehr weit fortgeschritten, aber noch dachte niemand an einen systematischen Genozid. Die "Umsiedlung" von Juden, die Errichtung von Ghettos und von "Reservaten" im östlichen Polen wurde damals hingegen schon diskutiert. Wir wissen heute, dass es ohne Hitlers Legitimation der einzelnen Schritte hin zur totalen Vernichtung keinen Holocaust gegeben hätte. Es ist daher auch zu bezweifeln, dass es ohne Hitler zu einem Massenmord an den Juden in ganz Europa gekommen wäre.