ZEIT Geschichte: Herr Fried, Sie kennen das Mittelalter wie kaum ein anderer. Hätten Sie gerne damals gelebt?

Johannes Fried: Um Himmels willen! Der entsetzliche Schmutz, der Gestank, man müsste sein gesamtes Sinnessystem zurückentwickeln, um das auszuhalten. Wir leben ja heute in einer beinah gestankfreien Welt. Die Menschen damals haben sich hingegen nicht wie wir täglich gewaschen; das Alltagsgewand war vielfältig geflickt, darin schlief man, arbeitete man, schwitzte man, fror man. Das stank! Die Abfallgrube? Na, gleich hinterm Haus. Das stank! Abtritte? Klatsch, klatsch, klatsch machte das, in Schlössern einfach runter an der Außenmauer. Das stank! Und dann das Reisen. Sie wollen von hier nach da? – Also los: auf Schusters Rappen. Vielleicht werden Sie mal ein Stückchen mit dem Pferdefuhrwerk mitgenommen. Und falls Sie selbst ein Pferd haben, Vorsicht: Nicht dass es von der Wiese der Bauern frisst, da kommt die Bauernschaft und schlägt Sie halb tot. Dazu die Kleinheit der Welt, die vielen Abhängigkeiten. Und wenn Sie in die Kirche gehen, da stehen Sie, da gibt’s keine Stühle. Dann das Essen, pfui Teufel, das schmeckt doch gar nicht – völlig versalzen! Also, wenn ich da gefragt werde, wollen Sie im Mittelalter leben? Nein. Ich könnte es nicht.

ZEIT Geschichte: Das Mittelalter, das Sie in Ihren Büchern als so fortschrittlich preisen, war also doch ganz schön finster?

Fried: Es war buchstäblich finster! Die Menschen lebten in Holzhäusern mit winzigen Fensterluken. Im Innern der Häuser war es stockdunkel; es brannte ein Feuer, das war im Winter oft das einzige Licht. Die Leute hatten dadurch ständig vom Rauch gerötete und verklebte Augen. Wenn dann ein Heiliger kam und Blinde wieder sehen machte, war das meist nichts anderes als die Wirkung einer lindernden Salbe. Kerzen? Gab es, aber die waren unbezahlbar, aus reinem Bienenwachs. Wir wissen von Karl IV., dass er rund um die Uhr Kerzen brennen ließ, weil er sich sonst fürchtete, das kostete ein Vermögen. Ärmere Leute hatten höchstens Kienspäne, mit Harz getränktes Holz.

ZEIT Geschichte: Das Licht der Vernunft strahlte dafür umso heller, wenn man der These Ihrer jüngst erschienenen Gesamtdarstellung folgt. Oder ist das "vernünftige Mittelalter", wie Sie es beschreiben, am Ende eine ähnliche Projektion wie das finstere?

Fried: Die Vorstellung vom dunklen Mittelalter ist vor rund 300 Jahren entstanden, im Zeitalter der Aufklärung. Ich hoffe, dass meine Arbeit ein wenig besser mit kritischer Quellenlektüre abgesichert ist. Ich möchte mit der Aussage, dass insbesondere das 10. Jahrhundert, wie ich es formuliert habe, "der Vernunft verfallen war", auch keineswegs gesagt haben, dass es das klügste Jahrhundert der Geschichte gewesen sei, sondern dass in dieser Zeit erstmals und mit großem Interesse bestimmte Texte des Aristoteles wieder rezipiert wurden, nämlich die beiden ersten Texte über die Logik: die Kategorienlehre und die Lehre vom Satz, in denen Aristoteles das Fundament unserer abendländischen Vorstellung von rationaler Argumentation und Weltbeschreibung gelegt hat. An diesen Texten arbeiten sich die Gelehrten des hohen und späten Mittelalters ab. Die uns überlieferten Handschriften sind durchgängig glossiert. Zwischen den Zeilen und am Rand, alles ist voller Notizen: Was bedeutet das? Wie ist das weiterzudenken? Deshalb sage ich: der Vernunft verfallen. Hier beginnt der Weg zur Rationalisierung der europäischen Zivilisation.

 

ZEIT Geschichte: Manche formal logische Aussage mittelalterlicher Denker erscheint uns heute gleichwohl als zutiefst irrational. Etwa der berühmte Gottesbeweis des Scholastikers Anselm von Canterbury: Da Gott vollkommen ist und zur Vollkommenheit die Existenz zählt, ist Gott existent.

Fried: Der ist schon von einem Zeitgenossen widerlegt worden! Ich bringe lieber ein anderes Beispiel von Canterbury: fides quaerens intellectum – der Glaube, der die vernünftige Begründung sucht. Solches Denken mündet zum Beispiel in den sogenannten Abendmahlstreit, der erstmals im Hochmittelalter geführt wurde, bevor er in der Reformationszeit erneut entbrannte. Im 11. Jahrhundert stößt Berengar von Tours die Auseinandersetzung an, ein großer Gelehrter seiner Zeit. Er sagte: Ja, wie ist denn das? Da habe ich eine Oblate. Und dann wird daraus in der Messe am Altar der Leib Christi. Aber: Was ist es denn nun tatsächlich? Diese Oblate wird von Gläubigen gegessen. Zerkaut! Gelangt in den Verdauungstrakt! Wird ausgeschieden! Der Leib Christi? Solche Fragen konnten erst gestellt werden, nachdem die Gelehrten ein Jahrhundert lang Aristoteles gepaukt hatten. Seit dem Hochmittelalter wird alles dem logischen Denken unterworfen: Folgerungen müssen nun Regeln gehorchen, die bekannt und überprüfbar sind. Jede Aussage ist dadurch für andere nachvollziehbar und kann kritisiert werden. Primitiv waren im Mittelalter die Lebensbedingungen der meisten Menschen. Intellektuell aber war es alles andere als eine rückständige, vielmehr eine überaus fortschrittliche Epoche.

ZEIT Geschichte: Der Schriftsteller Umberto Eco hat einmal gesagt, dass sich das Mittelalter geradezu als "Modell unserer Zeit" anbiete. Sowohl die damalige als auch unsere Welt seien "durchzogen von Endzeiterwartungen, chiliastischen Weltuntergangsvisionen, breiten Ketzerströmungen, Banden, die zur Verbesserung der Menschheit Blutbäder anrichten..."

Fried: Eschatologisches Denken, wie Eco es erwähnt, spielte im Mittelalter in der Tat eine wichtige Rolle. Und wie das logische Denken hat es antike Wurzeln: Das apokalyptische Denken entstammt der antiken jüdischen Tradition. Das Christentum nimmt diese Tradition auf, entwickelt sie weiter, sodass die Apokalyptik im Mittelalter zum dominierenden Muster der Weltwahrnehmung wird. Die Menschen leben in Erwartung des Jüngsten Gerichts. Alles irdische Leben ist auf die Rückkunft des Heilands gerichtet, auf das Ende der Welt und den Beginn einer neuen. Dieses Denken lebt fort bis tief in die Neuzeit: Martin Luther ist ein Apokalyptiker und rechnete mit einem in absehbarer Zeit eintretenden Jüngsten Gericht. In säkularisierter Variante treten solche Ideen dann etwa bei dem berühmten Physiker Isaac Newton auf, der neben seinen physikalischen Untersuchungen zahlreiche eschatologische Schriften verfasst hat: Christus, so glaubte auch er, komme zum Jüngsten Gericht wieder, aber die alte Welt gehe nicht unter, wie noch Luther es verkündete, sondern werde neu gestaltet und verbessert. Das kann man weiterverfolgen bis Karl Marx, der mit seiner materialistischen Geschichtstheorie und der Idee des Kommunismus als historischer Endzustand gleichsam das Paradies auf die Erde herabholt. An die Stelle des Jüngsten Gerichts tritt die Weltrevolution. Das religiöse eschatologische Denken ist hier in eine materialistische, verwissenschaftlichte säkulare Weltsicht hineingenommen.

ZEIT Geschichte: Rationalität und Endzeitdenken? Widerspricht nicht das eine dem anderen?

Fried: Im Gegenteil: Das rationale Denken, wie es das Mittelalter hervorgebracht hat, wurzelt in der Apokalyptik. Da es in der Bibel heißt, dass für Gott 1000 Jahre wie ein Tag seien, glaubte man, die Welt währe exakt 6000 Jahre – bis das Jüngste Gericht den siebten Tag, den ewigen Sonntag, einleiten werde. Die Frage war nur: Wo befindet man sich in diesem heilsgeschichtlichen Ablauf? Wie viel Zeit ist schon vergangen? Wann kommt die Apokalypse? Immer wieder haben mittelalterliche Gelehrte versucht, das Datum zu berechnen. Einer kam auf das Jahr 1789, das Jahr der Französischen Revolution! Und dieses Bedürfnis nach Wissen hat nicht nur die Mathematik gefördert, sondern vor allem die Astrologie, die zugleich Astronomie war, die vielleicht wichtigste Naturwissenschaft des Mittelalters überhaupt. Doch nicht nur am Himmel hieß es, die Zeichen der Zeit, der End-Zeit zu erkennen: Man begann, die gesamte Welt wie ein Buch zu lesen, sie zu entziffern, um ihr die göttlichen Botschaften zu entnehmen, die auf die nahende Apokalypse hindeuteten. So entstand die moderne Naturwissenschaft – auf Beobachtung und Logik gegründet. Eschatologie, Logik und Naturwissenschaft bilden einen Zusammenhang, der bis in unsere Gegenwart hineinreicht.

 

ZEIT Geschichte: Für viele Menschen, die sich heute fasziniert dem Mittelalter zuwenden, dürfte es eher als Gegensatz zur modernen Welt anziehend sein.

Fried: Das ist richtig. Zum einen geht es dabei sicherlich um ein eskapistisches Bedürfnis: Das Mittelalter erscheint dann als eine Zauber- und Feenwelt. Ein solches – frei erfundenes – Mittelalter, durchwirkt von übermenschlichen Kräften, hat seine Quellen etwa in der irischen Sagenwelt und findet sich später in Tolkiens Romanen wieder. Zum anderen löst das Mittelalter in vielen Menschen das Fernweh nach einer verlorenen Zeit aus. Mittelalter-Märkte bedienen diese Sehnsucht: Da ist der Schmied und hämmert tatsächlich an einer glühenden Esse! Auch die Tuche und Gewürze verheißen auf eine Art und Weise Abenteuer, wie es heutige Fertigprodukte nicht mehr vermögen. Der dritte Zugang funktioniert über die Ritterromantik. Hier eröffnet sich in den Vorstellungen eine klar in Gut und Böse geschiedene Welt.

ZEIT Geschichte: Und das hat alles nichts mit der historischen Wirklichkeit zu tun?

Fried: Zumindest nicht viel. Wie zum Beispiel das reale Ritterleben aussah, ist den wenigsten bekannt. Es ging äußerst brutal zu. Die wenigsten Krieger trugen eine den gesamten Körper schützende Rüstung. Da wurde dann schon mal ein Bein abgehackt oder – wie es Götz von Berlichingen geschah – eine Hand. Viele konnten dann nicht mehr ihrem angestammten Beruf nachgehen. Es gibt aus dem 14. Jahrhundert unzählige Beispiele einer regelrechten Verelendung in Ritterfamilien. Die Ausgaben für Pferde, Waffen und Rüstung waren immens; da halfen mitunter auch die bäuerlichen Abgaben nicht weiter, die viele Rittersfamilien bezogen. Wenn es zu Martini eine Gans gab, war das natürlich schön, aber die war schnell aufgegessen. Mancher gab sein Ritterdasein auf und zog lieber in die Stadt oder versuchte, reich zu heiraten. Da ist die Romantik fern, wie sie mit Blick auf das hochadlige Rittertum – etwa den Hosenbandorden – entstanden ist.

ZEIT Geschichte: Hier, in Heidelberg, wo Sie leben und arbeiten, wurde im Spätmittelalter die erste "deutsche" Universität gegründet. Stellen wir uns einen Studenten des 15. Jahrhunderts vor...

Fried: Wenn Sie als Hochadelssohn studierten, mag es Ihnen gut gegangen sein; die meisten Studenten aber haben ums Überleben kämpfen müssen. Nehmen Sie etwa Thomas Platter. Platter, geboren um 1500, ist ein Waliser Bauernbub. Bis zum zehnten Lebensjahr hat er noch die Geißen gehütet – so schreibt er es in seiner Autobiografie. Dann begleitet er seinen Vetter, der auf die hohen Schulen geschickt wird, als Laufbursche. Barfuß und in Lumpen ziehen die beiden von Universitätsstadt zu Universitätsstadt, nach Leipzig, nach Breslau, nach Krakau. Unterwegs muss Thomas für seinen Vetter und sich das Essen zusammenstehlen. Umso erstaunlicher, dass dieser Thomas Platter während dieser Wanderjahre Latein, Griechisch und Hebräisch gelernt hat, dieser kleine Bauernbub! Später lässt er sich in Basel und Straßburg als Lehrer für diese Sprachen nieder, gründet einen Verlag und kämpft an der Seite Zwinglis für die Reformation. Es haben an den Universitäten also nicht nur reiche Adelskinder etwas erreicht. Ja, man könnte fast generell den Eindruck gewinnen, dass der permanente Mangel des Mittelalters förderlich gewesen ist für die Entwicklung der europäischen Zivilisation. Not macht eben erfinderisch, technisch wie sozial.

ZEIT Geschichte: Das widerspricht zwei verbreiteten Annahmen über das Mittelalter: dass es mit seiner ständischen Ordnung sozial undurchlässig gewesen sei und – etwa mit seinen strengen Zunftordnungen – jeglichen Fortschritt blockiert habe.

Fried: Diese Vorstellung ist in der Tat nicht zutreffend. Natürlich gab es mit den Standesgrenzen gewisse Hemmnisse. Und die nehmen zum Teil sogar zu im Laufe der Zeit. Seit dem 12. Jahrhundert etwa schließt sich der Adel ab, man kann nun nicht mehr einfach in ihn aufsteigen. Auf der anderen Seite aber gibt es, vor allem in den Städten, mehr und mehr Chancen, es zu großem Reichtum zu bringen. Auch kraft seiner intellektuellen Leistungen gelangt damals mancher zu Ansehen, macht in der Kirche Karriere oder reüssiert in der städtischen Gesellschaft als Lehrer. Ein schönes Beispiel ist der Philosoph und Theologe Peter Abaelard, der Spross eines kleinen Rittergeschlechts. In seinen Erinnerungen schreibt er, er sei des Ruhmes und des Geldes wegen an die Universität von Paris gegangen! Und damit ist er keine Ausnahme. Vielerorts werden Wissen, Bildung und Können im Hoch- und Spätmittelalter wichtiger als Familien- oder Standeszugehörigkeit. Im Italien des 13. und 14.Jahrhunderts zeigt sich dies besonders deutlich am aufkommenden Söldnerwesen: Die Söldnerführer jener Jahre sind schon regelrechte Unternehmer. Manchmal gelingt es ihnen sogar, die Herren, von denen sie in den Dienst genommen wurden, zu übertrumpfen! So kommt es vor, dass die Söldnerführer, die Condottieri, als Stadtherren und Fürsten firmieren. Die Sforza in Mailand haben eine solche Karriere hinter sich. Eine andere Aufstiegsmöglichkeit ist – wie im Falle der Medici in Florenz – das Geldwesen, in dem sich keineswegs, wie häufig angenommen, nur Juden betätigten. Die ersten großen Banken europäischen Formats sind durchweg von Christen organisiert. Kein König kommt im Spätmittelalter noch ohne Banker aus.

ZEIT Geschichte: Die Herrschaftsorganisation dagegen trägt uns vollkommen fremde Züge. Eine Politik, die ganz auf persönlichen Treueverhältnissen basiert, ohne moderne Staatlichkeit, ist heute nur noch schwer vorstellbar.

Fried: Die politische Organisation hat sich in den 1000 Jahren des Mittelalters stark gewandelt. Im Frühmittelalter spielen die Gentes – Völkerschaften wie die Goten – eine wichtige Rolle. Später gewinnen die dynastischen Zusammenhänge an Bedeutung, daneben treten im Hochmittelalter die freien Städte. Grundsätzlich gilt: Die meisten Menschen reisen selten oder nie. Sie kommen kaum aus ihrem Dorf heraus. Die politische Loyalität gehört ihrem Herrn, das heißt dem nächsten Herrn, der über ihnen steht, und das ist nur bei hohen Adligen der König. Die Loyalitäten sind also hierarchisch geordnet und verweisen kaum auf übergeordnete Verbände oder Konstrukte. Erst im Spätmittelalter entsteht etwa in Frankreich eine zentralistische Königsherrschaft. Die Idee der Nation kommt auf, davon kündet nicht zuletzt die Geschichte der berühmten Jungfrau von Orléans. In England entwickelt sich unterdessen das Sinnbild der Krone zum Inbegriff einer abstrakten Institution, des Staatsapparats, der auch in Abwesenheit des Königs funktioniert. Allein in Deutschland bleiben die Landesherren und Kommunen die wichtigsten politischen Größen. In Italien, wo eine zentrale Herrscherfigur weitgehend fehlt – sie ist in Gestalt des in Deutschland beheimateten Kaisers nur sporadisch im Lande –, manifestiert sich ein ähnlicher Partikularismus: Man ist Mailänder, Florentiner, Venezianer, nicht etwa Italiener.

ZEIT Geschichte: Wir sprechen über eine Zeit, die 500 bis 1500 Jahre zurückliegt. Die Quellenbasis ist mitunter schmal. Was können wir überhaupt vom Mittelalter wissen? Ist am Ende alles nur Spekulation?

Fried: Nein, aber mittelalterliche Quellen erfordern ein hohes Maß an Quellenkritik. Die Interpretationsspielräume sind mitunter groß und haben schon zu heißen Debatten geführt, etwa zwischen dem Ethnologen Hans Peter Duerr und dem Soziologen Norbert Elias um dessen Hauptwerk Der Prozess der Zivilisation. Elias hatte darin, um zu belegen, dass es im Mittelalter einen lockereren Umgang mit der Sexualität gab als heute, die bildliche Darstellung eines mittelalterlichen Badehauses als Beispiel angeführt: Das Bild zeigte nackte Männer und Frauen gemeinsam in dampfenden Badezubern. Solche Bilder kennen wir aus dem 13. und 14. Jahrhundert viele. Da stehen mehrere Wannen nebeneinander, und leicht bekleidete Mädchen bedienen die Badegäste. Duerr nun hielt Elias entgegen, es handle sich gar nicht um ein Badehaus, sondern um ein Bordell! Wer recht hat, ist schwer zu entscheiden. Nur der weitere Kontext kann zu einer Entscheidung verhelfen, was wir im Einzelnen sehen. Von Karl dem Großen wissen wir, dass er in Aachen gerne mit seinen Höflingen in eine Art Planschbecken stieg. Ob die dabei Badehosen anhatten, weiß ich nicht. Möglicherweise waren sie nackt. Ein moderner Autor könnte daraus die wildesten Thesen spinnen, wie es am Hofe Karls zugegangen sei. Bei der sozialen oder politischen Geschichte ist es nicht anders. Auch dort verrät uns der Wortlaut unserer Quellen nicht immer, was gemeint war.

ZEIT Geschichte: Außerdem ist das Mittelalter berüchtigt für seine Fälschungen...

Fried: Im Mittelalter wurde, glaube ich, nicht in größerem Umfang gefälscht als in jeder anderen Zeit. Aber es gibt in der Tat eine Reihe spektakulärer Fälschungen. Die einflussreichste ist die Konstantinische Schenkung, ein Dokument, das um 830 im Frankenreich entstanden ist. Es ging dabei um das Verhältnis von weltlicher und geistlicher Gewalt. Diese erfundene Urkunde behauptet, dass Konstantin der Große, der erste römische Kaiser, der Christ geworden ist, den Westen des Reiches der kirchlichen Gewalt des Papstes Sylvester übertragen habe. Daraus machten manche eine Schenkung des römischen Imperiums in die weltliche Verfügungsmacht des Papstes.

ZEIT Geschichte: Wurde nicht auch aus schierer Profitgier gefälscht?

Fried: Natürlich! Nicht alle Fälschungen waren politisch oder religiös motiviert. Es wurde auch ganz schnöde betrogen. Daher gehören Urkunden zu den meistgefälschten Dokumenten, da in ihnen Rechts- und Besitzverhältnisse niedergelegt sind.

 

ZEIT Geschichte: Wie gingen die Menschen des Mittelalters mit der Frage nach der Echtheit um?

Fried: Einem schriftlichen Beweis wurde nicht einfach geglaubt. Denn die mittelalterliche Gesellschaft ist von Mündlichkeit geprägt. Noch am Ende des Mittelalters können die meisten Menschen weder lesen noch schreiben. Ein Beweis musste deshalb durch Zeugen erbracht und beschworen werden. Erst seit dem 11. Jahrhundert wird der Schriftbeweis allmählich anerkannt. Gab es nun keine Zeugen mehr, musste im Streit ein anderer Weg gefunden werden. Man griff zum Gottesurteil, etwa dem gerichtlichen Zweikampf, in der Regel durch professionelle Kämpfer. Der Kampf entschied dabei nicht über die Echtheit einer Urkunde, sondern über die "Wahrheit". Dahinter steht die Vorstellung, dass Gott eben der Wahrheit zum Sieg verhelfe. Der Zweikampf ist somit vor allem ein Pazifikationsmittel: Wer siegt, bekommt recht. Entscheidend war also weniger die Echtheit eines Dokuments als die Beendigung des Streits.

ZEIT Geschichte: Wie erkennen Sie heute als Historiker, was echt und "wahr" ist?

Fried: Bei Urkunden helfen grafische Elemente, Siegel, Gold- oder Bleibullen. Das eigentliche Problem für die historische Forschung aber liegt nicht primär in den vielen Urkundenfälschungen, sondern in einem viel weiter reichenden Phänomen: Zahlreiche Texte, auf die wir uns berufen, die erzählenden, berichtenden Quellen, sind durchs Gedächtnis gegangen. Und Menschen erinnern sich fehlerhaft. Neueren psychologischen Untersuchungen zufolge sind bis zu 40 Prozent dessen, was wir und wie wir es zu erinnern glauben, falsch. Sei es, indem man die Abfolge des Geschehens durcheinanderbringt oder sich an Leute erinnert, die gar nicht dabei waren, ja die es gar nicht gab! So dürfte der heilige Benedikt von Nursia eine erfundene Idealgestalt sein, die aufgrund der Autorität ihres Schöpfers, des heiligen Papstes Gregor des Großen, dessen eigene Züge sie trägt, Jahrzehnte später für real gehalten und fortan als historische Persönlichkeit erinnert wurde. Solche Fehlleistungen aufzuspüren ist natürlich äußerst schwierig. Das ist ein großes Problem für die Geschichtswissenschaft insgesamt – aber auch eine Chance, denn es lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass aus historischen Texten sehr viel mehr herauszuholen ist als nur sachliche Information über ein bestimmtes Geschehen. Die Texte etwa verraten etwas darüber, wie Menschen gedacht und gefühlt haben, welches Sprachvermögen sie hatten. Selbst Erfundenes gibt noch Auskunft darüber, was einstmals denkbar war und wichtig erschien. Der Philosoph und Wissenschaftler Roger Bacon etwa sagte schon im 13. Jahrhundert für die Zukunft Flugmaschinen und U-Boote voraus. Das war natürlich keine gängige Erwartung, aber Bacons Schriften zeigen: Es lag im Rahmen des Denkbaren. Bacon hat, wenn man so sagen darf, schon ins 20. Jahrhundert geblickt!

ZEIT Geschichte: Angenommen, er hätte nicht nur in Gedanken in die Zukunft reisen können: Wie würde ein mittelalterlicher Mensch wie Bacon unsere heutige Welt wahrnehmen?

Fried: Er würde wahnsinnig! Allein der Lärm, die Masse an Menschen, das pausenlose Reden, die Maschinen, Autos, Straßenbahnen. Er würde erschrecken über die Technik: die Straßen, die großen Häuser, riesig, und alle aus Stein. Ja woher haben die denn das Geld?, würde er fragen. Auch unsere Art des Wirtschaftens wäre ihm fremd, erst recht die moderne Medizin: dass da einer zerschnippelt wird und am Ende doch wieder lebend und sogar gesund rauskommt. Wenn man einen damals geborenen Menschen aber an die Hand nehmen könnte, der zugleich noch jung und bildsam wäre, und ihm alles erklären könnte, dann würde er ohne Weiteres in unsere Welt hineinwachsen. Ein junger Roger Bacon, ein junger Abaelard – die würden das schaffen.

ZEIT Geschichte: Weil sie Ausnahmeerscheinungen waren?

Fried: Nicht nur deshalb. Die Bereitschaft, zu neuen Ufern vorzudringen, war durchaus typisch für die geistige Welt des hohen und späten Mittelalters. Denken Sie etwa an die unendlichen Schwierigkeiten, fremde Begriffe wie beispielsweise misericordia in die Volkssprachen, etwa das Deutsche, zu übertragen, in eine noch ganz "barbarische" Sprache ohne philosophische Begrifflichkeit und Werteordnung. Das erforderte ein jahrhundertelanges Ringen, bis sich die Übersetzung und mit ihr das Verständnis für eine der wunderbarsten Schöpfungen der Menschheit durchsetzt: "Barmherzigkeit"! Dieses unermüdliche Ringen um zunächst unverständliche Begriffe und neue Ideen, das macht für mich das Mittelalter und seine Faszination aus. Noch die spätere Aufklärung, noch wir heute zehren davon.

Die Fragen stellte Christian Staas