Am 11. April erreicht er Konstanz. Hier trifft er auf politische Weggefährten, die auf ihn warten: Der blutjunge frühere badische Berufssoldat Franz Sigel trainiert bereits 550 Bürgerwehrmänner. Auch Gustav Struve und andere Vertraute stehen bereit. Hecker verfasst nachts einen Aufruf an das Volk. Dessen letzter Satz lautet: "Sieg oder Tod für die deutsche Republik!" Doch die Konstanzer Bevölkerung springt trotz der herrschenden revolutionären Grundstimmung nicht auf wie ein Mann. Man diskutiert, besonnene Köpfe raten von einer isolierten Aktion, einem Freischarenzug, dringend ab. Am Morgen des 13. April lässt Sigel die Aufmarschbereiten dennoch auf dem Marktplatz antreten. Hecker erscheint in blauer Bluse und Heckerhut, mit Pistolen und umgeschnalltem Säbel. Es regnet, nur 55 Konstanzer ziehen mit Hecker los. Siegel und Struve stellen weitere Kolonnen auf, in vier Marschformationen soll es gegen Karlsruhe gehen. Hecker will die Republik. Wenn man erst den badischen Großherzog verjagt habe, werde sich auch das restliche Vaterland erheben und die deutsche Republik errichten, glaubt er. Während des mehrtägigen Zugs durch den Schwarzwald schließen sich einige Hundert Bauern, Handwerker und Kleingewerbetreibende der bunten Truppe an. Doch das militärisch-politische Unternehmen muss scheitern. Es fehlt an strategischer Koordination und an Ausrüstung. Hecker selbst verhält sich zögerlich, er weiß, wie stark die Bundestruppen sind. Zugleich ist er unbelehrbar davon überzeugt, dass die regulären Truppen nicht auf ihre Brüder schießen werden.

Die Hilfe der inzwischen herbeigeeilten Deutschen Demokratischen Legion aus Paris unter Georg und Emma Herwegh lehnt Hecker ab, die Deutschen müssten ihre Freiheit selbst erkämpfen, sagt er. Daraus wird nichts: Hessische und badische Truppen unter General Friedrich von Gagern, einem Bruder des späteren Präsidenten der Nationalversammlung, nehmen die miserabel ausgerüsteten, im anhaltenden Schneeregen halb erfrorenen Freischärler in Kandern am Scheideck-Pass in die Zange. Einer der ersten Schüsse des Kampfes trifft General von Gagern tödlich, nach kurzem Gefecht unterliegen die Freischärler den gut ausgebildeten Truppen. Viele fallen, die meisten fliehen. Auch Hecker entkommt. In Muttenz im Schweizer Kanton Basel-Land findet er Unterschlupf. An den folgenden Aufstandsversuchen in Baden ist Hecker nicht mehr beteiligt.

Sein improvisierter Freischarenzug stößt bei vielen Demokraten keineswegs auf ungeteilte Zustimmung. Robert Blum schreibt am 13. April 1848 an seine Frau: "Hecker und Struve sind wahre Viehkerls, rennen durch den Wald wie geschlagene Ochsen und haben uns den Sieg furchtbar schwer gemacht." Eine letzte Niederlage erleidet der Revolutionär, als die Nationalversammlung in Frankfurt seine im Juni 1848 erfolgte Wahl zum Abgeordneten ablehnt und eine Amnestie für ihn verweigert. Dem Guerillaführer Hecker, diesem "Gesicht der Revolution", trauen die Konstitutionellen nicht mehr. Realistisch erkennt er seine Lage und beschließt, in die Vereinigten Staaten auszuwandern. In seiner Abschiedsrede im Hafen von Le Havre verspricht er, sollte sich das Volk zu "einer republikanischen Tat entschließen", sei er zwei Wochen später wieder auf deutschem Boden. Tatsächlich kehrt er während des zweiten badischen Aufstands im Frühjahr 1849 zurück. Doch als er Straßburg erreicht, haben preußische Truppen die Revolution endgültig niedergeschlagen, Hecker kehrt um.

In den 33 Jahren seines Lebens als Bürger der Vereinigten Staaten wird Friedrich Hecker zu einem der einflussreichsten deutschen Einwanderer aus der Generation der "Forty-Eighters". Er wird Farmer, betätigt sich als Journalist in zahlreichen deutschsprachigen Zeitungen und kämpft als Offizier und Kommandeur einer eigenen Einheit im Amerikanischen Bürgerkrieg für die Union und gegen die Sklavenhalterei. Hecker ist einer der wichtigen deutschen Protagonisten der neuen Republikanischen Partei, macht Wahlkampf für Abraham Lincoln und tourt als Vortragsreisender durch die USA. Dabei agitiert er, wie viele andere Liberale dieser Zeit, in schrillen Tönen gegen das Frauenwahlrecht. Zu Hause betreibt er mit seiner Frau Marie Josefine erfolgreich Landbau und nimmt als liebevoller Vater die schulische Bildung seiner drei Söhne selbst in die Hand.

Nur einmal noch, 1873, betritt er das Land, in dem jede öffentliche Erinnerung an die demokratische Erhebung von 1848/49 unterdrückt wird und sich nur wenige zu ihrer damaligen Beteiligung an den Aufständen bekennen. Auf einer Rundreise durch Deutschland wird Hecker von der Bevölkerung herzlich empfangen, in der nationalliberalen Presse jedoch wegen seiner ablehnenden Haltung zum neuen deutschen Kaiserreich kritisiert. Zwei Jahre vor seinem Tod schreibt er mit Blick auf Deutschland an den befreundeten 48er und amerikanischen Innenminister Carl Schurz: "Drüben wäre ich bei meinem Unabhängigkeitssinne stets vor oder innerhalb der monarchischen Safe-Keepings locale gewesen, und zum Maulkorb war meine Schnauze zu ungestaltet." Am 24. März 1881 stirbt Friedrich Hecker 69-jährig auf seiner Farm bei Summerfield, Illinois.

Tobias Engelsing, Jahrgang 1960, leitet die Städtischen Museen Konstanz und ist als Journalist und Autor tätig