In jener Märznacht des Jahres 1793 haben die Mainzer Polizeidiener ausnahmsweise keinen Blick für die Zecher, die ihnen aus den illegalen Schankstuben fast in die Arme taumeln. Eigentlich müssten sie die Trunkenbolde in die Arrestzelle stecken, wegen Missachtung der Sperrstunde. Aber heute schauen sie gnädig weg. Sie haben Wichtigeres zu tun. Einen Auftrag von höchster Stelle gilt es zu erfüllen.

Jeder von ihnen trägt eine Tasche, voll mit Flugschriften, laut Beschluss der Stadtoberen durch "alle Polizeidiener, Zeitungs- und Blättchenträger in jedem Hause in der Stadt in eins oder zwei Exemplarien abzugeben". Unter jede Haustür kommt ein Flugblatt, auf jedes Fenstersims, auf jeden Treppenabsatz. Alle Mainzer sollen wissen, dass es den Feinden der Republik nun an den Kragen geht. "Intrige, Fanatismus, Heuchelei und Privatinteresse bieten alle Kräfte auf, um Euch wieder in Eure alten Ketten zu schmieden", verkündet die Proklamation der Wahlkommissare. "Der Tag ist gekommen, wo man zwischen Freundschaft der Frankenrepublik und dem Hasse wählen muß, den sie den Tyrannen und ihren Anhängern geschworen haben; wo man zwischen Freiheit und Sklaverei wählen muß."

Freiheit oder Sklaverei. Die Mainzer Republik, das erste bürgerlich-demokratische Gemeinwesen auf deutschem Boden, hat die Geduld mit den Zauderern, den Wankelmütigen und den Parteigängern des Ancien Régime verloren. Wer nicht die letzte Chance nutzt, endlich den Eid auf die Grundfesten des neuen Staatsgebäudes zu schwören, auf Freiheit und Gleichheit, stellt sich selbst zu den Feinden der Republik. Und was die erwartet, haben die französischen Besatzer unmissverständlich klargestellt: Sie sind "augenblicklich aus unseren Gränzen zu entfernen, und dem Feinde, dessen verrätherische Helfershelfer sie sind, zuzuschicken". Nachdem man fast ihren gesamten Besitz beschlagnahmt hat, versteht sich.

1789-1871: Die Deutschen und die Nation © ZEIT Geschichte

Die junge Republik demonstriert Unerbittlichkeit und Wehrhaftigkeit, vorbei sind die Leichtigkeit und die Euphorie des vergangenen Herbstes, als die Franzosen ihre Revolution an den Rhein trugen. Der französische General Adam Philippe de Custine, mit seiner Revolutionsarmee von Landau aus vorstoßend, kann am 23. Oktober 1792 die Festungsstadt Mainz kampflos besetzen. Der bis dahin regierende Kurfürst ist mitsamt Adel und hoher Geistlichkeit, Mätressen, Hofschranzen und Weinfässern geflohen.

Wider Erwarten gebärden sich die Franzosen nicht als Unterdrücker, sondern als Befreier. Gleich nach dem Einmarsch macht Custine den Mainzern ein ungewöhnliches Angebot: "Euer eigener ungezwungener Wille soll Euer Schicksal entscheiden", proklamiert er ein unbeschränktes Selbstbestimmungsrecht. "Selbst dann, wenn Ihr die Sklaverei den Wohltaten vorziehen werdet, mit denen die Freiheit Euch winkt, bleibt es Euch überlassen zu bestimmen, welcher Despot Euch Eure Fesseln zurückgeben soll." Im kurfürstlichen Schloss liegen schon bald zwei Folianten aus, in die alle Mainzer Bürger sich eintragen können. Der eine, in roten Saffian gebunden, mit Freiheitsmütze und den französischen Nationalfarben geziert, heißt Buch des Lebens. Der andere ist in schwarzes Papier gebunden und mit Ketten umwunden. Er trägt den Titel Sklaverei.