Der Junker Otto von Bismarck war empört. Nach einem Besuch des Friedhofs im Berliner Friedrichshain, wo die gefallenen Barrikadenkämpfer der Märzrevolution 1848 ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten, schrieb er im September 1849 seiner Frau Johanna: »Nicht einmal den Toten konnte ich vergeben, mein Herz war voll Bitterkeit über den Götzendienst mit den Gräbern dieser Verbrecher, wo jede Inschrift auf den Kreuzen von ›Freiheit und Recht‹ prahlt, ein Hohn für Gott und Menschen.«

Bismarcks Hass auf die 48er saß tief, und er hatte neben politischen auch ganz handfeste persönliche Gründe. Denn gerade hatte sich der 32-jährige Neuling aus der Provinz im Vereinigten Landtag, einer 1847 in Berlin einberufenen ständischen Versammlung, als ultrakonservativer Heißsporn einen Namen gemacht, als die revolutionären Ereignisse vom 18. März 1848 die so erfolgreich begonnene Karriere auch schon wieder zu beenden schienen. Am 21. März ritt der preußische König Friedrich Wilhelm IV. mit einer schwarz-rot-goldenen Armbinde durch Berlin und verkündete, dass Preußen künftig in Deutschland aufgehen solle. »Mit verwundetem Herzen kehrte ich nach Schönhausen zurück«, erinnerte sich Bismarck Jahrzehnte später.

1789-1871: Die Deutschen und die Nation © ZEIT Geschichte

Hier, in Schönhausen bei Magdeburg an der Elbe, war er am 1. April 1815 geboren worden, als viertes von sechs Kindern, von denen nur drei – außer ihm der ältere Bruder Bernhard und die jüngere Schwester Malwine – die ersten Jahre überlebten. Der Vater, Ferdinand von Bismarck, entstammte einem alteingesessenen Adelsgeschlecht in der Altmark. Von ihm hatte Otto die große, kräftige Statur, dazu eine lebenslange Affinität zur Welt des ostelbischen Landadels. In einem Brief an seine Braut Johanna von Puttkamer vom März 1847 äußerte er sich voller Stolz über das »langjährige Walten des konservativen Prinzips hier im Hause, in welchem meine Väter seit Jahrhunderten in denselben Zimmern gewohnt haben, geboren und gestorben sind«.

Doch über die Mutter Wilhelmine, eine geborene Mencken, Tochter einer Familie von preußischen Gelehrten und hohen Beamten, kam ein neues Element in die scheinbar so ungebrochene Tradition. Sie war zartbesaitet, besaß ausgeprägte geistige Interessen, die ihr etwas ungehobelter, um viele Jahre ältere Ehemann aber nicht mit ihr teilen konnte. Von ihr hatte Otto das Naturell, eine nervöse Intellektualität, gepaart mit kühler Rationalität und dem brennenden Ehrgeiz, einst dem engen Lebenskreis eines preußischen Landedelmanns zu entfliehen. Es waren also recht gegensätzliche Anlagen und Neigungen, die dem Kind dieses ungleichen Paares in die Wiege gelegt wurden.

Bismarcks Weg in die Politik verlief denn auch alles andere als geradlinig. Nach dem Abitur am Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin und einem Jurastudium in Göttingen und Berlin trat er 1836, nach dem ersten Staatsexamen, als Regierungsreferendar in die Aachener Provinzialverwaltung ein. Doch schon bald ödete ihn der bürokratische Betrieb an. Er suchte Zerstreuung, häufte Spielschulden an, verlor sich in amourösen Abenteuern und vernachlässigte darüber mehr und mehr seine beruflichen Pflichten. Schließlich, im Spätsommer 1838, entschloss er sich, den Staatsdienst zu quittieren. »Der preußische Beamte gleicht dem Einzelnen im Orchester; mag er die erste Violine oder den Triangel spielen: ohne Übersicht und Einfluß auf das Ganze, muß er sein Bruchstück abspielen, wie es ihm gesetzt ist, er mag es für gut oder schlecht halten«, begründete er seinen Schritt. »Ich will aber Musik machen, wie ich sie für gut erkenne, oder gar nicht.«

Eine Zeit lang bewirtschaftete er die väterlichen Güter, doch das füllte ihn auf die Dauer nicht aus. Durch wüste Zechgelage und allerhand Streiche, die ihm den Ruf eines »tollen Junkers« eintrugen, suchte er sich zu betäuben. Schließlich öffnete ihm der Kontakt zu einem Kreis pommerscher Pietisten um den Gutsherrn Adolf von Thadden-Trieglaff einen Ausweg aus dem Zustand frustrierender Perspektivlosigkeit. Über die Tochter des Hauses, Marie von Thadden, lernte Bismarck Johanna von Puttkamer kennen, die er im Juli 1847 heiratete. In ihr fand er eine Frau, die bereit war, sich ihm schmiegsam anzupassen und ihre eigenen Bedürfnisse hinter den seinen zurückzustellen. Nachdem er sicheren Halt im Privatleben gefunden hatte, konnte er sich nun seiner eigentlichen Leidenschaft, der Politik, zuwenden.