18. Januar 1871

Nach dem Deutsch-Französischen Krieg nimmt König Wilhelm I. von Preußen auf Drängen des bisherigen preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck die deutsche Kaiserkrone an. Das deutsche Kaiserreich wird im Spiegelsaal von Versailles ausgerufen –ein Akt der Demütigung für Frankreich.

16. April 1871

Die Verfassung des Kaiserreiches tritt in Kraft. Der neue deutsche Staat ist eine konstitutionelle Monarchie und wird (wie zuvor der Norddeutsche Bund) von der Vormachtstellung Preußens geprägt. Das auf Otto von Bismarck (Foto) zugeschnittene Amt des Reichskanzlers zeichnet sich durch eine große Machtfülle aus.

1871–1873

Die Wirtschaft erfährt einen nie da gewesenen Aufschwung. Die Reparationszahlungen des Kriegsverlierers Frankreich bringen große Mengen an Kapital auf den deutschen Markt. Viele Anleger lassen sich von dieser Entwicklung anstecken und verfallen dem Spekulationsfieber. 1873 platzt die Spekulationsblase; der Aufschwung endet im "Gründerkrach". In der Krisenstimmung der Folgejahre nimmt der Antisemitismus in der Bevölkerung stark zu.

1871–1878

Unter dem Deckmantel einer vorgeblich liberalen Politik strebt Bismarck die Entmachtung des politischen Katholizismus an. Dieser sogenannte Kulturkampf richtet sich vor allem gegen die erstarkende Zentrumpartei. Doch die Repressionsmaßnahmen – wie der Kanzelparagraf, der es Priestern verbietet, sich zu politischen Themen zu äußern – verfehlen ihr Ziel: Das Zentrum erhält bei der Reichstagswahl 1878 mit 23,1 Prozent ebenso viele Stimmen wie die Nationalliberalen.

9. April 1875

"Krieg-in-Sicht-Krise": Frankreich rüstet vier Jahre nach seiner Niederlage wieder auf. Bismarck fürchtet Revanchepläne wegen der deutschen Annexion Elsass-Lothringens von 1871. Um auszuloten, wie die übrigen europäischen Großmächte im Fall eines erneuten Krieges reagieren würden, lanciert er einen Artikel in der regierungsnahen Zeitung "Post", der Frankreich als Aggressor darstellt. Russland und England signalisieren daraufhin, dass sie Frankreich zur Seite stehen. Bismarck geht deshalb dazu über, das Reich als "saturiert" darzustellen.

22.–27. Mai 1875

Auf dem Parteitag in Gotha schließen sich der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) zur Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) zusammen. 1890 wird sie sich in Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) umbenennen. August Bebel (Foto), einer der Gründerväter der deutschen Sozialdemokratie, hat von 1892 an für 21 Jahre den Parteivorsitz inne.

1871 - 1918: Das deutsche Kaiserreich © ZEIT Geschichte

Juni/Juli 1878

Auf dem Berliner Kongress einigen sich die europäischen Großmächte, den Serbisch-Türkischen Krieg zu beenden. Aufstände der christlichen Bevölkerung gegen die osmanische Herrschaft auf dem Balkan hatten die Auseinandersetzungen 1876 entfacht. Russland stellte sich damals aus panslawischer Sympathie und strategischem Interesse am Mittelmeer an Serbiens Seite, was Großbritannien und Österreich-Ungarn provozierte. Obwohl der Berliner Kongress die Kämpfe beendet, kann er die nationalen und ethnischen Probleme auf dem Balkan nicht lösen.

21. Oktober 1878

Auf Betreiben Bismarcks tritt das Sozialistengesetz in Kraft. Sozialistische und sozialdemokratische Organisationen werden als "gemeingefährlich" verboten. Die Sozialdemokratie befindet sich bis 1890 in einem Zustand der Halbillegalität. Dennoch wird sie auf Dauer die mit Abstand stärkste Partei im Reichstag.

7. Oktober 1879

Das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn unterzeichnen den Zweibundvertrag als Beistandspakt im Falle eines russischen Angriffs. Bismarck geht damit erstmals ein bilaterales Bündnis ein.

18. Juni 1881

Das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn und Russland sichern sich für den Fall einer kriegerischen Auseinandersetzung mit einer vierten Macht gegenseitige Neutralität zu (Drei-Kaiser-Vertrag).

1883

Um die erstarkende Sozialdemokratie und die Arbeiterbewegung zurückzudrängen, führt Bismarck die Krankenversicherung ein. Es folgen die Unfallversicherung 1884 und die Invaliditäts- und Altersversicherung 1889. In Europa gilt Bismarcks Sozialgesetzgebung als die fortschrittlichste.

27. April 1884

Bismarck stellt mit Deutsch-Südwestafrika das erste Überseegebiet unter den "Schutz" des Reiches – der Anfang der deutschen Kolonialgeschichte. In den Jahren darauf folgen unter anderem Togoland, Kamerun, Ostafrika, Neuguinea und die chinesische Provinz Kiautschou. Kaufleute sollen in den "Schutzgebieten" die Verwaltung übernehmen.

1885/86

Eine wachsende Bewegung in Frankreich fordert einen Revanchekrieg gegen das Deutsche Reich. Gleichzeitig führen Serbien und Bulgarien Krieg auf dem Balkan; die Spannungen zwischen Russland und Österreich-Ungarn nehmen erneut zu. Infolge dieser "Doppelkrise" zerbricht der Drei-Kaiser-Vertrag von 1881.

1887

Bismarck schließt einen Rückversicherungsvertrag mit Russland. Ein geheimes Zusatzprotokoll sichert Russland Gebiete auf dem Balkan zu, was im Gegensatz zu dem Bündnis mit Österreich-Ungarn steht. Hohe Einfuhrzölle auf russische Waren belasten unterdessen auch das Verhältnis zum Zarenreich.

1888

Nach dem Tod Wilhelms I. (Bild) am 9. März regiert dessen Sohn Friedrich III. nur 99 Tage. Er stirbt an Kehlkopfkrebs. Am 15. Juni wird sein erst 29-jähriger Sohn Wilhelm neuer Kaiser.