Am 15. Oktober 1899 schrieb der 32-jährige Theaterkritiker Alfred Kerr in einem seiner Briefe aus Berlin: "Das Jahrhundert geht zu Ende. Mit jeder anbrechenden Nacht rückt der Punkt näher, wo wir die große Einkehr halten. Der Wahnsinn und die Glorie unserer Zeit steigen herauf, beide hart nebeneinander; die Größe und die Bestialität; der Fortschritt und der Servilismus; der machtvolle Gedanke der Freiheit, der Zauber technischen Könnens, die listige Lüftung stiller Elementargeheimnisse, die Verfeinerung und Erhöhung der Menschlichkeit, die Verbreitung der ethischen Idee – auf der anderen Seite die stärkste Machtanbetung aller Zeiten, zum mindesten die bewußteste aller Zeiten, die erste Philosophie der Machtanbetung, die Herrschaft des Säbels und noch über dem Säbel die Vergottung des Geldes."

Mit dieser Betrachtung zur Jahrhundertwende erfasste Alfred Kerr das Charakteristikum des deutschen Kaiserreichs – die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen . Sie macht den besonderen Reiz dieser Epoche aus, stellt an den Historiker allerdings auch besondere Anforderungen.

Denn Widersprüche und Ambivalenzen zeigen sich auf allen Ebenen von Gesellschaft, Politik und Kultur: Neben einer überaus dynamischen, zunehmend global vernetzten Industriewirtschaft finden wir die monströse Spätblüte eines neoabsolutistischen Hofzeremoniells; neben erstaunlichen, weltweit bewunderten Leistungen in Wissenschaft und Technik eine weitverbreitete Uniformgläubigkeit, die Vergötzung alles Militärischen; neben Tendenzen zur Demokratisierung und Parlamentarisierung die latente Drohung mit dem Staatsstreich, das Liebäugeln mit der Militärdiktatur; neben einer lebendigen avantgardistischen Kulturszene die plüschigste Salonkunst und die protzigsten Repräsentationsbauten; neben einer bemerkenswerten Liberalität und Pluralität der Presse die kleinlichsten Zensurschikanen; neben auftrumpfendem Kraftgefühl und ungebremster Aggressivität ein tief sitzendes Gefühl von Angst und Unsicherheit. In diesem Neben- und Ineinander des scheinbar Unvereinbaren liegt vermutlich ein Erklärungsschlüssel für die nervöse Reizbarkeit, die das spezifische Merkmal von Politik und Mentalität der Wilhelminischen Ära war.

Keine Beschäftigung mit dem deutschen Kaiserreich von 1871 kommt also darum herum, die widerspruchsvolle Verbindung von Beharrung und Modernität, von Rückständigkeit und Fortschritt zu thematisieren. Eine ausschließlich auf das Jahr 1933 fixierte Perspektive würde der verblüffenden Vielfalt und Widersprüchlichkeit der Epoche nicht gerecht.

Neben den besonderen Belastungen ist auch nach den verschütteten Möglichkeiten, den entwicklungsfähigen Momenten zu fragen. Der Untergang des Kaiserreichs war durch die Gründungskonstellation von 1870/71 so wenig determiniert wie das Scheitern der Weimarer Demokratie durch die halbe Revolution von 1918/19. Dennoch: Die Frage, inwieweit im Kaiserreich bereits Voraussetzungen und Bedingungen geschaffen wurden für den einzigartigen Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus, bleibt weiterhin die entscheidende Herausforderung, der sich jeder, der sich mit dieser Zeit befasst, stellen muss.

1871 - 1918: Das deutsche Kaiserreich © ZEIT Geschichte

Im Rückblick präsentiert sich das Kaiserreich als ein recht kurzlebiges Gebilde. 47 Jahre, nicht einmal ein halbes Jahrhundert hat es überdauert – eine kürzere Zeitspanne als der Deutsche Bund von 1815 bis 1866, eine kürzere auch als die Bundesrepublik, deren 60. Geburtstag 2009 begangen wurde. Es begann mit der Kaiserproklamation im Spiegelsaal von Versailles am 18. Januar 1871, die, anders als es das berühmte Gemälde des Hofmalers Anton von Werner suggeriert, keineswegs erhebend war. "Ich hatte als Accoucheur mehrmals das dringende Bedürfnis, eine Bombe zu sein und zu platzen, daß der ganze Bau in Trümmern gegangen wäre", schrieb Otto von Bismarck einige Tage später an seine Frau Johanna. Am 9. November 1918, nach der militärischen Niederlage im Ersten Weltkrieg und der von Kiel ausgehenden Revolution, lag der Bau tatsächlich in Trümmern. Kaiser Wilhelm II. dankte ab, und auch die anderen Monarchen räumten ohne Widerstand, fast freiwillig, das Feld.

Für dieses geräuschlose Verschwinden einer einst so selbstverständlich respektierten Institution hat sich die Geschichtswissenschaft erst vor Kurzem zu interessieren begonnen. Dabei hatte es schon die Zeitgenossen aufs Höchste irritiert: "Mir griff es an die Gurgel, dieses Ende des Hohenzollernhauses; so kläglich, so nebensächlich, nicht einmal Mittelpunkt der Ereignisse", notierte der Kunstmäzen und Diplomat Harry Graf Kessler am 9.November 1918. Tatsächlich bewies der sang- und klanglose Abschied der deutschen Fürsten von der Bühne der Geschichte nur, wie restlos der monarchische Obrigkeitsstaat unter den Belastungen des Krieges seine Legitimität aufgezehrt, wie sehr vor allem der Kaiser jedes Ansehen verspielt hatte.

Nicht wenige Anhänger des untergegangenen Systems beeilten sich nun, den gestürzten Hohenzollernherrscher für alle Fehler und Versäumnisse der deutschen Politik seit Bismarcks Abgang verantwortlich zu machen. Gegen diese Neigung zur kollektiven Selbstentlastung wandte sich Theodor Wolff, der Chefredakteur des liberalen Berliner Tageblatts, in einem Leitartikel vom 9. November 1918: "Wilhelm II.", so rief er den Lesern ins Gedächtnis, "war nicht der alleinige Urheber, aber der Repräsentant einer aberwitzig kurzsichtigen, die Kräfte und Ideen des Auslandes falsch einschätzenden Politik, und er war das Symbol einer Zeit und eines Geistes, der, in Machtbegehren und Selbstüberhebung, die Katastrophe herbeigeführt hat."

Die Schnurrbart-Majestät war, was John Röhl in seiner monumentalen Biografie unterschätzt, lange Zeit sehr populär gewesen. Wie kein zweiter Monarch hatte Wilhelm II. sich im neuen Medium des Films inszeniert, wie kein anderer seine Herrschaft in ständigen öffentlichen Auftritten zelebriert. "Wie dicht standen sie, und wie jubelten sie ihm zu, wenn er, von Exerzierübungen oder einer Parade zurückkehrend, an der Spitze seiner Regimenter durch das Brandenburger Tor einzog", erinnerte sich der Pazifist Ludwig Quidde 1926. Auch für ihn stand außer Frage, das "ein großer Teil des deutschen Volkes in allen seinen Schichten" eine Mitschuld daran trage, dass der Kaiser "das Kapital von internationalem Vertrauen auf deutsche Politik [...] verwirtschaftet und damit das Unheil über uns heraufbeschworen" habe.