ZEITGeschichte: Herr Malinowski, die Frage, welche Traditionslinien vom Kaiserreich zum Nationalsozialismus führen, ist in Deutschland jahrzehntelang heftig diskutiert worden. Zu welchen Ergebnissen ist die Geschichtswissenschaft gekommen? Gilt sie noch, die These vom deutschen Sonderweg?

Stephan Malinowski: Die Sonderweg-These ist seit Mitte der achtziger Jahre zermahlen worden in den Mühlen der empirischen Forschung. Vor allem Fritz Fischer hatte sie in den sechziger und siebziger Jahren vertreten. Seine Kernthese, die er 1978 unter dem Titel Bündnis der Eliten präsentierte, lautete, dass es vor dem Ersten und vor dem Zweiten Weltkrieg dieselben gesellschaftlichen Kreise gewesen seien, die Deutschland ins Verderben getrieben hätten. Sie hätten die gleichen Ziele, die gleichen ökonomischen Großprojekte verfolgt. Erst von den achtziger Jahren an aber wurden diese Zusammenhänge überhaupt empirisch erforscht. Es zeigte sich dabei, dass eine Kontinuität der Ziele leichter zu belegen ist als eine Kontinuität der Eliten, die sie verfolgten. Eines der wichtigsten deutschen Forschungsprojekte dazu war das von Jürgen Kocka zur Geschichte des europäischen Bürgertums. Es ergab, dass die Kontinuitäten der Machtstrukturen in fast allen europäischen Ländern größer waren als in Deutschland, wo es 1918 durch den verlorenen Weltkrieg zu einem enormen Bruch kam. Die These vom deutschen Sonderweg als Abweichung von einem – letztlich imaginären – europäischen Standardweg ist deshalb längst korrigiert worden. Auf dem diesjährigen Historikertag wurde sie nicht einmal erwähnt. Deutsche Geschichte besteht eben nicht einfach nur aus einem Bündel problematischer Traditionslinien.

ZEIT: Sondern?

Malinowski: Grundsätzlich gab es in der deutschen Geschichte eher wenig Kontinuitäten, aber viel Partikularität – etwa in Gestalt der vielen deutschen Kleinstaaten im 18. und im frühen 19. Jahrhundert. Gefragt, was das wegweisende Ereignis in der jüngeren deutschen Geschichte war, würde ich, auch wenn das nicht sehr originell ist, den Ersten Weltkrieg nennen. Er war tatsächlich, wie es der amerikanische Diplomat und Historiker George Kennan formuliert hat, die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts". Kurioserweise hat Fritz Fischer, dessen große Meriten darin liegen, den Ersten Weltkrieg neu gedeutet zu haben – als einen deutschen Eroberungskrieg –, nie die Brucherfahrung der Zeitgenossen thematisiert oder den Ersten Weltkrieg als historische Zäsur betrachtet. Nun gibt es in der Geschichte natürlich immer Brüche. Und es gibt immer Kontinuität. Man muss beides zusammendenken.

ZEIT: Fangen wir mit einer Kontinuität an – dem mangelnden demokratischen Engagement des deutschen Bürgertums seit 1871. Lange Zeit erklärte man dieses Verhalten damit, dass die deutschen Bürger sich während des Kaiserreichs feudalisiert, sich also an den Adel angeglichen und dessen Lebensstil und politische Werte übernommen hätten.

Malinowski: Das sind zum Teil sehr polemische Texte, die das behaupten – bei dem berühmten Soziologen Max Weber finden sich solche Passagen, auch bei dem Staatsrechtler und Vater der Weimarer Verfassung Hugo Preuß und bei vielen anderen Intellektuellen jener Jahre. Dahinter steht die Sorge, wie Max Weber es formuliert hat, dass das Bürgertum Gefahr laufe, seinen eigentlichen Auftrag zu verraten. Aber auch hier ist der europäische Vergleich erhellend, denn er zeigt: Die Verschmelzung von Adel und Bürgertum war in den meisten westeuropäischen Staaten stärker ausgeprägt als in Deutschland. In Deutschland wurde nur selten geheiratet zwischen Adligen und Bürgerlichen. Auch was die Berufe angeht, blieben die Sphären relativ klar getrennt.

ZEIT: Wie aber kamen dann die Zeitgenossen zu so gänzlich gegenläufigen Beobachtungen?

1871 - 1918: Das deutsche Kaiserreich © ZEIT Geschichte

Malinowski: Weil sie alles, was autoritär und militaristisch war, als typisch adlig identifizierten – eine nicht ganz unzutreffende Beobachtung. Vor allem der preußische Adel kontrollierte die höchsten Positionen im Militär. Auf der lebensweltlichen Ebene traf dies aber keineswegs immer zu: Es gab auch fein- und kunstsinnige Adlige. Umgekehrt waren die radikalsten militaristischen Hetzverbände nie von Adligen getragen, sondern wie der Alldeutsche Verband von Kleinbürgern und aufsteigenden, neureichen Bildungs- und Besitzbürgern. Auch die Arbeiter waren keineswegs immer antimilitaristisch. Der Feudalisierungsthese lag also eine vorgefasste Meinung zugrunde: darüber, wie Bürger zu sein haben, und darüber, wie Adlige zu sein haben. In einer Hinsicht traf diese These allerdings einen wichtigen Punkt: Die Gesellschaft des Kaiserreichs war tatsächlich militaristisch. Befehl und Gehorsam, zackige Umgangsformen, Autorität – das waren schichtübergreifend hohe Werte. Meine Großmutter ist um 1900 in Berlin groß geworden, in einer sozialdemokratischen Arbeiterfamilie, und hat mir früher immer wieder erzählt, wie sie Unter den Linden kaiserliche Kavallerieoffiziere vorbeireiten sah. Das sei das schönste Erlebnis in ihrem gesamten Leben gewesen.

ZEIT: Für das Großbürgertum wirkte doch aber auch die adlige Lebensführung anziehend. Davon zeugen die zahlreichen Schlösschen aus bürgerlichem Besitz und die Villen, die sich die reichen Bürger bauen ließen.

Malinowski: Ein Großbürger, der sich wie ein Adliger ein Schloss zulegte, war deshalb aber noch lange kein Adliger oder wurde als solcher vom Adel akzeptiert. Es gibt dazu eine in Adelsfamilien bis heute kursierende, sehr eindringliche Anekdote über den Hamburger Kaufmann Albertus Ohlendorff, den größten Importeur von Guano im Kaiserreich, einer Substanz, die unter anderem zum Düngen verwendet wurde und aus Ablagerungen von Vogelkot besteht. Der Guanohandel machte Ohlendorff zu einem der reichsten Männer Hamburgs. Er wurde geadelt und führte den Freiherrentitel. Als er dann als frischgebackener Baron zu einem ersten standesgemäßen Empfang ging, trug er eine dicke Perle am Hals. Und da kam einer der Gäste, ein "echter" Adliger, zeigte mit dem Finger auf die Perle und fragte: Sagen Sie, mein lieber Ohlendorff, hat Ihnen da auch der Vogel hingemacht?

ZEIT: Das zeigt doch recht plastisch, wie sehr sich das Bürgertum um adlige Anerkennung mühte.

Malinowski: Das ist richtig, die Adligen waren so etwas wie Stars ihrer Zeit. Wenige Leute sagen: Ich würde gern wie ein Hamburger Hafenarbeiter leben. Aber sehr viele Leute träumten und träumen davon, wie es ist, adlig zu sein. Ernst Jünger hat 1929 in Das abenteuerliche Herz geschrieben, der bürgerliche Traum, "ein Traum ohne Farben und Bilder", sei der langweiligste Traum, auf den die Menschheit je verfallen sei. Ich glaube, da ist etwas dran. Es hat zu allen Zeiten Menschen gegeben, die dieses bürgerliche Lebensmodell überwinden wollten. Und irgendwann stößt man bei der Suche nach Alternativen eben auch auf den Adel: Das sind Leute, deren Lebenskriterien nicht Erwerb und Zinseszins sind, sondern die entspannt wirken können, die naturverbunden sind, die nicht in der Großstadt leben, die mit Büchern eigentlich nichts zu tun haben... Dabei darf man nur eines nicht vergessen: Es gab sehr viel weniger Bürger, die tatsächlich einen quasiadligen Lebenswandel pflegten, als man lange angenommen hat. Zu wenige jedenfalls, um die These einer Feudalisierung des Bürgertums aufrechterhalten zu können. Ein beliebtes Beispiel, das in diesem Zusammenhang lange angeführt wurde, ist Friedrich Alfred Krupp mit seiner Villa Hügel in Essen. Ein Adelspalais? Nicht wenn man den Bau und seine Funktionsweise genauer ansieht. Das ist eine hochmoderne Wohnanlage in einem ganz dezidiert bürgerlichen Stil. Dass der Mann zahllose Rassepferde besaß und in Russland Bären und Fasane schoss, stimmt natürlich. Aber es ist angemessener, wie bei der Architektur der Villa von einer Usurpation adliger Stilelemente zu sprechen, die in einen bürgerlichen Lebensentwurf eingebaut werden.

ZEIT: Welche Rolle spielte der Adel im Kaiserreich überhaupt? War er noch die führende Schicht? Oder schon im Niedergang begriffen?

Malinowski: Er war beides – politisch führend, aber gleichzeitig auf dem absteigenden Ast, vor allem deshalb, weil er den Anschluss an die modernen bürgerlichen Berufe verpasst hatte. In England sah es tendenziell anders aus: Da bekam der älteste Sohn Titel, Schloss und Güter, der zweite, dritte und vierte aber wurden nach London oder in die Weiten des Empire geschickt. Die machten eine Banklehre, die schwärmten aus in die Kolonien und ergriffen vielfach "bürgerliche" Berufe, in denen man richtig viel Geld verdienen konnte, wurden Anwälte, Kaufleute. Der Großteil des deutschen Adels bekam das nicht hin.