Das Dorfidyll in Michael Hanekes Film Das weiße Band trügt: Unter der Oberfläche lauert der Terror, den der protestantische Pfarrer in seiner Pose als Stellvertreter Gottes auf Erden ausübt. Einige Schulkinder antworten mit gleichen Waffen, so wurde es ihnen ja eingetrichtert. Konsequent lässt Haneke diese Lebens- und Denkwelt mit ihren "vergletscherten Gefühlen", wie ein Rezensent es ausdrückte, in den Ersten Weltkrieg münden.

Was den Film so bedrückend macht, ist jedoch nicht allein das Geschehen, sondern die Ahnung, dass das alles so weit weg gar nicht ist: das Patriarchalische und Autoritäre, die gedemütigten Frauen, die gedrillten Kinder, der Zwang zur Anpassung an die Vorzeigemoral einer abgrundtief verlogenen Bürgerlichkeit. Die bundesrepublikanische Demokratie – war und ist auch sie ein trügerisches Idyll?

Zumindest die 68er sahen es so, und das nicht ganz zu Unrecht: Noch 1951 antworteten 43 Prozent der Bundesbürger, im Kaiserreich sei es den Deutschen am besten gegangen. Heinrich Manns Roman Der Untertan, an den auch Hanekes Schwarz-Weiß-Bilder erinnern, wurde nicht zufällig zum Roman der protestierenden Generation.

Später leuchtete das Wort vom "Wilhelminismus" nur dann noch auf, wenn es darum ging, die Verhältnisse zu karikieren. Als Gerhard Schröder einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zum Ziel erklärte (wie jetzt Angela Merkel), hieß es sofort: "WilhelmIII". Helmut Schmidt erging es ähnlich, als er sich als Kanzler mit Jimmy Carter und anderen internationalen Größen anlegte. "Wilhelminismus pur", wurde das Pariser Büro des European Council on Foreign Relations zitiert, als die deutsche Politik in Eintracht zwischen Bild und Kanzleramt im Frühsommer 2010 den Griechen mediterranen Schlendrian vorhielt und sie ungnädig wissen ließ, ihre Überschuldung gehe uns schier gar nichts an. "Die primitive, kurzsichtige, antieuropäische ›Zahlmeister‹-Propaganda von heute", zürnte der Autor, "ist das perfekte Echo der ›Platz an der Sonne‹-Ideologie des zweiten Kaiser Wilhelm."