"Aufräumen, aufhängen, niederknallen" – Seite 1

Am 11. Dezember 1904 taucht das Wort erstmals in einem Schreiben der deutschen Regierung auf. Reichskanzler Bernhard Fürst von Bülow telegrafiert an diesem Tag nach Deutsch-Südwestafrika und ordnet an, "Konzentrationslager" errichten zu lassen "für die Unterbringung und Unterhaltung der Reste des Hererovolkes". Adressat ist der Oberbefehlshaber in Deutsch-Südwest, Lothar von Trotha.

In den Monaten zuvor hatte Trotha seine "Schutztruppe" in einen rücksichtslosen Kampf gegen die aufbegehrenden Herero und Nama geschickt, gegen bewaffnete Männer, aber auch gegen Frauen und Kinder, gegen Alte und Kranke. Im August 1904 trieben die deutschen Soldaten mehrere Zehntausend Herero in die Omaheke, ein weites Sandfeld im Osten der Kolonie, sie riegelten die Wasserlöcher systematisch ab, sie töteten und hetzten in den Tod. Trotha sprach von "Rassekrieg", sein Ziel lautete "Vernichtung".

Auch der Begriff Konzentrationslager ist ihm, 30 Jahre vor Dachau , längst geläufig. Concentration camps nannten die Briten um 1900 die Lager, in die sie während des Krieges gegen die Buren in Südafrika massenweise Zivilisten pferchten, um das Land zu "befrieden". Jetzt dienen sie als Vorbild für die elenden Barackensiedlungen in Windhoek, Swakopmund und anderen Städten mit Eisenbahnanschluss sowie – der berüchtigtste Ort – auf den Haifischinseln vor der Lüderitzbucht.

Es herrscht Arbeitszwang, die Gefangenen sind unterernährt, Krankheiten grassieren, und viele Herero, heimisch im trocken-warmen Landesinneren, leiden unter dem feuchtkalten Seeklima. "Ombepera i koza", sollen sie in Swakopmund gerufen haben: "Die Kälte tötet mich." Die Lager dienen nicht der "Unterbringung und Unterhaltung", sie sind eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Nur die Hälfte der Internierten überlebt Haft und Zwangsarbeit. War der Massenmord an den Herero ein Vorspiel zur nationalsozialistischen Vernichtungspolitik?

1871 - 1918: Das deutsche Kaiserreich © ZEIT Geschichte

Provoziert durch diese Frage, ist unter Historikern in den vergangenen zehn Jahren eine Debatte über die deutsche Kolonialzeit entbrannt. Der Streit um Parallelen und Kontinuitäten zu den NS-Verbrechen erhellte dabei ein lange vernachlässigtes historisches Kapitel. Gerade einmal vier Jahrzehnte umfassend, ist die deutsche Kolonialgeschichte zwar mehr Episode denn Epoche, doch verlief sie nicht weniger blutig als die anderer Nationen.

Auch konnte sich das deutsche Kolonialreich zu keiner Zeit mit dem Britischen Empire oder den französischen Besitzungen messen, im Moment seiner größten Ausdehnung aber, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, war es immerhin sechsmal so groß wie das "Mutterland". Es erstreckte sich von Ozeanien über China bis ins östliche und südliche Afrika, wo in den 1880er Jahren der deutsche Kampf um einen "Platz an der Sonne" begann.

"Das von mir ins Auge gefaßte Land liegt zwischen dem großen und dem kleinen Fischflusse, also zwischen dem 26. Grad und dem 29. Grad südl. Breite", schreibt der Bremer Tabakhändler Adolf Lüderitz am 23. November 1882 an das "hohe Kaiserliche Auswärtige Amt". Das Gebiet sei "auf einige Meilen, von der Küste in das Innere, sandig und steril, und zwar bis zu den Hügelreihen, welche auf ungefähr zehn englische Meilen Abstand von der Küste, parallel mit dieser laufen." Hinter diesen Hügeln aber beginne fruchtbares Land.

"Die Eigentümer desselben sind Namaquas, von deren Häuptlingen ich das Besitzrecht erwerben werde", fährt Lüderitz fort. Sein Plan: "deutsche Waren unter deutschem Etikett" einzuführen und gegen Landesprodukte zu tauschen. Um die hohen Importzölle umgehen zu können, die er in einem von den Briten kontrollierten Hafen zahlen müsste, brauche er den Schutz des Reiches. Ferner, so habe er gehört, sollen die "im Namaqua-Lande liegenden Berge teilweise reich an Kupfer und Silber sein".

Das deutsche Kolonialreich wächst zu einem Imperium

1883 schließt sein Bevollmächtigter Heinrich Vogelsang mit dem Nama-Häuptling Josef Frederiks einen Vertrag, der Lüderitz die Bucht von Angra Pequena zuspricht, die heutige Lüderitzbucht. Im August folgt ein weiterer Vertrag. Insgesamt erwirbt der Bremer Kaufmann ein Gebiet von 580000 Quadratkilometern, auf dem rund 200000 Menschen leben – der erste Schritt auf dem Weg zu einem deutschen Kolonialimperium.

Schon Generationen vor Lüderitz hatten davon geträumt. So forderte der Philosoph Johann Gottlieb Fichte im frühen 19. Jahrhundert, die Deutschen sollten die "Weltregierung" übernehmen, bevor "Türken, Neger, nordamerikanische Stämme" sie an sich rissen. Unter dem Eindruck der Agrarkrisen der 1840er Jahre gründen sich dann die ersten Kolonialvereine. Manche sehen in zukünftigen Kolonien "die besten Armenbeschäftigungs- und Versorgungsanstalten für alle Staaten Europas".

Andere wünschen sich, dass sie nach englischem Vorbild Handel und Wirtschaft fördern. Daneben tritt die Sorge um das Schicksal deutscher Auswanderer: Kurzzeitig kommt die Idee auf, in Mittel- und Südamerika Land zu erwerben für die dort lebenden Emigranten. Sogar über eine Kolonie in Texas wird debattiert. Indes – solange Deutschland in Kleinstaaten zersplittert war, galt das Wort Heinrich Heines: "Franzosen und Russen gehört das Land. / Das Meer gehört den Briten. / Wir aber besitzen im Luftreich des Traums / die Herrschaft unbestritten."

Die Reichsgründung von 1871 schafft mit der nationalen Einheit dann die Grundlage, um die kolonialistischen Träume in die Tat umzusetzen. Die Koloniallobby wächst. Auch ist Bismarcks "kleindeutsche" Lösung – ohne Österreich – vielen nicht genug. Bitter beklagen zahlreiche Nationalisten die angebliche Diskrepanz zwischen Deutschlands realer Lage und seiner "Weltstellung". Von Großmachtgelüsten befeuert, kommt unter anderem die Idee auf, das Reich über seine Ostgrenzen hinaus auszudehnen, später erscheint vielen das sieche Osmanische Reich als attraktive Beute (um 1903 beginnt man mit dem Bau einer Bahnlinie, die bis nach Bagdad führen soll). Die Alternative, vor der viele nationalistische Agitatoren Deutschland sehen, lautet "Weltmacht oder Untergang".

Dem "Reichsgründer" und Kanzler Otto von Bismarck bleibt solche Rhetorik lange Zeit fremd. In seinen Augen ist das Reich "saturiert" und bedarf keiner Expansion, weder in Europa noch in Übersee. Die Koloniallobbyisten laufen Sturm. So versucht der rheinische Missionsinspektor Friedrich Fabri 1879 mit seiner Schrift Bedarf Deutschland der Kolonien? Bismarcks Saturiertheitsargument zu widerlegen, indem er auf das rasante Bevölkerungswachstum hinweist. Tatsächlich ist es in Deutschland größer als in allen anderen europäischen Staaten: Von 1871 bis 1900 steigt die Einwohnerzahl von 41 auf 56 Millionen; Fabri prognostiziert 1879 gar, es würden 65 bis 80 Millionen sein. "Die Organisation einer starken deutschen Auswanderung", schreibt er, "ist zu einer Lebensbedingung des Deutschen Reiches geworden."

Nur: wohin? Indien ist in britischer Hand. Auch Lateinamerika ist "vergeben". Begehrlichkeiten weckt daher vor allem der noch kaum erkundete afrikanische Kontinent. Am 27. April 1884 stellt Bismarck denn auch das von Adolf Lüderitz erworbene Südwestafrika, das heutige Namibia, als erstes Überseegebiet unter den "Schutz des Deutschen Reiches". Das Wort "Kolonie" meidet er. Die deutschen "Schutzgebiete", wie sie nun offiziell heißen, sollen keine staatlichen Verwaltungskolonien werden; regieren sollen die Kaufleute selbst. So will der Reichskanzler den sich verschärfenden Wettlauf um die kolonialen Besitzungen in die sicheren Bahnen seiner europäischen Gleichgewichtspolitik lenken. Auf Dauer wird dies nicht gelingen.

Das deutsche Kolonialreich wächst rasch zu einem kleinen Imperium heran. 1885 gewährt Bismarck Togoland "Schutz" (seit 1905 Togo genannt, umfasst es das heutige Togo und den östlichen Teil Ghanas). Im selben Jahr werden Kamerun (das dem heutigen Kamerun entspricht samt einiger Gebiete Nigerias, des Tschads und anderer umliegender Staaten) und Ostafrika deutsch (bestehend aus den heutigen Staaten Tansania, Burundi und Ruanda). Zeitgleich greift das Kaiserreich nach Ozeanien aus: 1884/85 wird Neuguinea Kolonie. 1890 folgen Samoa, die Karolinen, die Marianen, Palau und weitere kleinere Pazifik-Eilande, 1906 kommen die Marshall-Inseln hinzu. Um die Jahrhundertwende wird ein Großteil der Südsee von deutschen Kolonialbeamten kontrolliert .

Parallel dazu hat 1898 das koloniale Engagement in China begonnen: Die Provinz Kiautschou ist von diesem Jahr an deutsches Pachtgebiet; in der Hafenstadt Tsingtao wird das gleichnamige Bier bis heute nach deutschem Reinheitsgebot gebraut. Kiautschou soll das Tor nach China öffnen. 1911 schließlich tritt Frankreich Neukamerun (ein Gebiet südlich und westlich der Kolonie Kamerun) an Deutschland ab – die letzte koloniale Erwerbung des Kaiserreichs.

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg stehen damit mehrere Millionen Afrikaner, Chinesen und pazifische Inselbewohner unter deutscher Herrschaft. Und wie andernorts Briten, Belgier, Franzosen und Amerikaner erproben nun auch die Deutschen in ihren Kolonien die in Europa diskutierten Ideen von Rasse und Raum. Allein die Kolonisierten werden nicht gefragt.

Probleme des Kolonialismus: Aus Geschäft wird Krieg

Darin liegt, wie der Historiker Wolfgang Reinhard es beschrieben hat, die Prämisse jeglichen kolonialen Handelns. Der koloniale Gedanke impliziere immer die Überlegenheit der Kolonialherren, legitimiert durch die moderne Naturwissenschaft, die im "Anderen", Exotischen und "Wilden" keine gleichwertige Variation der göttlichen Schöpfung mehr erkennt, sondern nur eine niedere Entwicklungsstufe. Man kann, so die sozialdarwinistische Lehre des 19. Jahrhunderts, vor der Geschichte auch versagen: Im kolonialen Verteilungskampf werde sich der Beste behaupten – zulasten der einheimischen Bevölkerung, die das Rennen ohnehin schon verloren habe.

Mit welcher Selbstverständlichkeit sich die koloniale Landnahme vollzieht, illustriert beispielhaft der Konquistadorenzug des alldeutsch inspirierten Carl Peters: Im Auftrag der Gesellschaft für deutsche Kolonisation schlägt er sich in den 1880er Jahren durch den Osten Afrikas und schließt binnen weniger Wochen eine Reihe windiger Verträge, in denen er Häuptlingen verschiedener Stämme Zehntausende Quadratkilometer Land abschwatzt.

Wie das vor sich ging, ist in seinen Gesammelten Werken nachzulesen: "Fahnen [wurden] gehißt, der Vertrag im deutschen Text von Dr. Jühlke verlesen, ich hielt eine kurze Ansprache, wodurch ich die Besitzergreifung als solche vornahm, die mit einem Hoch auf Se. Majestät den Deutschen Kaiser endete, und drei Salven [...] demonstrierten den Schwarzen [...], was sie im Fall einer Kontraktbrüchigkeit zu erwarten hätten. Man wird sich nicht leicht vorstellen, welchen Eindruck der ganze Vorgang auf die Neger zu machen pflegte. In das Hoch auf den Kaiser stimmten sie kreischend und singend und springend mit ein; bei den Salven wichen sie scheu zurück." Am 27. Februar 1885 hält Peters einen Schutzbrief des Deutschen Reichs in Händen.

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Die Schwierigkeiten fangen nun allerdings erst an. Das Gelände ist unwegsam. Schon bald stoßen die Kolonialherren auf Probleme, die sie ohne Hilfe aus dem Reich nicht lösen können. Bismarcks Idee eines Kaufmannsregimes scheitert denn auch in sämtlichen Kolonien. Nach und nach werden Gouverneure eingesetzt, die jeweils mehrere zivile oder militärische Stationsleute unter sich haben, welche die weiße Vorherrschaft "im Busch" durchsetzen sollen.

Die einheimische Bevölkerung erscheint dabei wahlweise als ein bloßes "natürliches Hindernis" oder als beliebig auszubeutendes Arbeitskräftereservoir. Sie wird versklavt, vertrieben, ihrer Lebensgrundlage beraubt. In Ostafrika herrscht Arbeitspflicht auf den Baumwollfeldern. Auch in Kamerun enteignen die deutschen Kolonialherren die Bevölkerung und ziehen sie zur Lohnarbeit heran. Aus "Wilden" werden besitzlose Proletarier – nicht immer ohne Widerstand: "Die Kamerunneger [sind] die frechsten und unverschämtesten Neger der ganzen Küste", notiert ein deutscher Besucher in sein Tagebuch und fährt fort: "Ich kann nur nicht begreifen, wie die Weißen sich hier haben die Neger so schlecht erziehen können."

Viele Kolonialbeamte gefallen sich in einer spätfeudalen Herrlichkeit, wie sie in Europa längst Geschichte ist. Und mancherorts führt dieses Verhalten zu blutiger Willkürherrschaf t. Mit Carl Peters steht dabei alsbald eine der Symbolfiguren der deutschen Koloniallobby im Mittelpunkt eines widerwärtigen Skandals: Er soll seine schwarze Geliebte gehängt haben, samt deren mutmaßlichem Liebhaber.

Es ist bei Weitem nicht der einzige Skandal in den "Schutzgebieten". Und es bleibt auch nicht bei Vergehen Einzelner. Systematisch manifestiert sich in der Südsee, in China und Deutsch-Südwest die latente Gewalt, die dem Kolonialismus stets inhärent war: Was mit Geschäftsplänen begann, mündet in Krieg. In China wird er gegen den Boxer-Geheimbund geführt, der Anschläge gegen die Kolonialherren verübt hatte: 1900 exekutieren die weißen Kolonialmächte eine gemeinsame "Strafaktion", an der sich auch deutsche Truppen beteiligen. In Ostafrika töten deutsche Soldaten zwischen 1905 und 1907 mehrere Zehntausend Aufständische. Auf den Karolinen wird 1911, nach der Niederschlagung der dortigen Widerstandsbewegung, erstmals ein ganzes Volk deportiert. Kein deutscher Kolonialkrieg aber wird sich so fest im kollektiven Gedächtnis verankern wie der gegen die Herero und Nama in Deutsch-Südwest.

1904: Die entscheidende Schlacht am Waterberg

Der Kriegsausbruch am 12. Januar 1904 kommt für die weißen Siedler wie aus heiterem Himmel: Bewaffnete Herero-Verbände überfallen an diesem und den folgenden Tagen mehrere deutsche Farmen; wohl 100 Deutsche, vereinzelt auch Kinder und Frauen, werden getötet. Die Vorgeschichte dieser gewaltsamen Erhebung aber reicht weit zurück – in die Zeiten von Adolf Lüderitz –, und sie beginnt mit einer Pleite.

So muss der Kolonialpionier aus Bremen das gerade in Besitz genommene Land bereits 1885 wieder verkaufen. Die Kosten für die Erschließung des Territoriums haben Lüderitz’ finanzielle Möglichkeiten überstiegen, Bodenschätze fand er keine – erst rund 20 Jahre später wird ein deutscher Eisenbahnangestellter die ersten Diamanten aus dem Sand sieben.

Neuer Besitzer ist von 1885 an die Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika. Im selben Jahr trifft der erste vom Reich entsandte Gouverneur ein: Heinrich Göring, der Vater Hermann Görings. Gemeinsam mit nur zwei weiteren Beamten soll er ein Gebiet verwalten, größer als das Deutsche Reich. Die Aufgabe ist nicht zu bewältigen. In seiner Not versucht Göring, die Konflikte der Einheimischen zu instrumentalisieren. Dadurch hofft er die deutsche Macht auch ohne jede reale Machtgrundlage befestigen zu können. Eine Strategie, die seine Nachfolger fortsetzen werden – und die auf Gegenseitigkeit beruht: Auch die Nama- und Herero-Häuptlinge spannen die Gegenseite für ihre Zwecke ein.

Im Falle Görings haben die Deutschen das Nachsehen. 1888 müssen der Gouverneur und seine beiden Mitstreiter vor erzürnten Herero ins englische Walvis Bay fliehen. Eine recht peinliche Angelegenheit. Um das Gesicht vor der Weltöffentlichkeit nicht zu verlieren, schickt Bismarck Truppen zur Verstärkung in die ungeliebte Kolonie, allerdings gelingt es in den kommenden Jahren nicht, den Frieden militärisch herbeizuzwingen – bis 1893 Theodor Leutwein die Leitung des "Schutzgebiets" übernimmt. Geschickter als seine Vorgänger versteht er sich darauf, durch Absprachen mit Herero und Nama die Machtverhältnisse zugunsten der Deutschen zu wenden.

Dennoch braut sich die nächste Krise zusammen: 1897 sucht die Rinderpest das Land heim. Die Tiere – die Lebensgrundlage der Herero – verenden zu Tausenden. Zudem erhöht die immer aggressivere Siedlungspolitik der Deutschen die Spannungen zwischen Weißen und Afrikanern. Durch Landverkäufe und machtpolitische Händel, die Leutwein betrieben hat, um einen Nachfolgestreit innerhalb der Stammesführung auszunutzen, wächst bei den Herero der Unmut. Sie leiden Hunger, fühlen sich vom herrischen Auftreten vieler weißer Siedler gedemütigt. Im Januar 1904 eskaliert die Lage.

Was danach geschieht, gleicht dem Göring-Debakel von 1888: Leutwein ist überfordert. Die Generalität in Berlin sieht sich deshalb genötigt, die Sache an sich zu reißen. Mit Lothar von Trotha schickt sie einen, wie die Historikerin Birthe Kundrus schreibt , "rassistischen Hardliner" nach Südwestafrika, der schon vom Schiff aus anordnet, dass alle Herero-Rebellen auf der Stelle zu erschießen seien.

Zahlreiche weiße Siedler äußern unterdessen ihren Unmut über Leutweins angeblich viel zu unentschlossene Haltung und fordern, wie ein Missionar aus der Kolonie berichtet, dass man endlich "aufräumen, aufhängen, niederknallen" solle "bis auf den letzten Mann". Leutwein mahnt daraufhin, dass sich ein Volk von rund 70.000 Menschen "nicht so einfach vernichten" lasse. Der Gedanke steht im Raum. Generalleutnant von Trotha wird ihn in die Tat umsetzen – ein Mann, der weder Land noch Leute kennt, der mit der Meinung anreist, Afrikaner wichen "nur der Gewalt", einer Gewalt, die er nach eigenem Bekunden "mit krassem Terrorismus und selbst mit Grausamkeit" auszuüben gedenkt. "Ströme von Blut" sollen fließen.

Am 11. August 1904 kommt es am Waterberg, 250 Kilometer nördlich von Windhoek, zur Entscheidungsschlacht . Und es fließen tatsächlich Ströme von Blut. Die deutsche Schutztruppe siegt, doch gelingt es einem Teil der Herero, samt Frauen und Kindern und ihren Viehherden gen Osten zu flüchten, wo die Omaheke beginnt, ein karges Wüstengebiet. Der Vernichtungskrieg nimmt seinen Lauf. Am 2. Oktober ergeht von Trothas berüchtigter Aufruf an das Volk der Herero: "Die Hereros", heißt es darin, "sind nicht mehr deutsche Untertanen. Sie haben gemordet und gestohlen, haben verwundeten Soldaten Ohren und Nasen und andere Körperteile abgeschnitten."

Das Volk der Herero müsse daher das Land verlassen. "Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit und ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auf sie schießen." – "Das Schießen auf Weiber und Kinder" sei so zu verstehen, fügt er hinzu, "daß über sie hinweggeschossen wird, um sie zum Laufen zu zwingen." Der Tod in der Wüste ist ihnen gleichwohl gewiss. Zwei Monate später trifft von Bülows Telegramm ein. Trothas Vernichtungsbefehl ist inzwischen auf Weisung Berlins aufgehoben. Die "Reste des Hererovolkes" werden in Konzentrationslagern interniert.

Als am 27. Januar 1908, ein knappes Jahr nach dem offiziellen Kriegsende vom 31. März 1907, die letzten KZs geschlossen werden, sind rund 60.000 Herero tot, das entspricht 75 bis 80 Prozent der gesamten Volksgruppe. Die Nama, von Oktober an in die Kämpfe verwickelt, haben 10.000 Tote zu beklagen. Die Opferbilanz der Deutschen fällt mit 1400 Toten eher gering aus. 585 Millionen Reichsmark hat das massenmörderische Unternehmen gekostet. Die Debatte um weitere Kolonialkredite führt noch im selben Jahr zur Auflösung des Reichstags. Es gibt Neuwahlen, in denen mit der SPD und dem katholischem Zentrum die Kritiker der deutschen Kolonialpolitik eine herbe Niederlage erleiden.

Kolonialzeit und Holocaust: Die Gemeinsamkeiten bestehen

1907 wird damit zum Wendejahr der deutschen Kolonialgeschichte. Ein Kolonialstaatssekretariat wird eingerichtet unter der Leitung Wilhelm Dernburgs . In Deutsch-Südwest beginnt die gezielte "Inwertsetzung" der Kolonie. Das gesamte Land ist jetzt fest in deutscher Hand. Die verbliebenen "Wilden" sollen zu braven Untertanen herangezogen werden. Jeder Nama, jeder Herero muss ein Dienstbuch und einen Pass bei sich führen. Schon 1906 wurden "Mischehen" verboten.

Das "Schutzgebiet" Deutsch-Südwestafrika ist ein rassistischer Apartheidstaat. Er besteht bis 1915. Dann marschieren – der Erste Weltkrieg wird auch in Afrika ausgetragen – die Engländer in die Kolonie ein. 1918 schließlich geht mit dem Kaiserreich auch das deutsche Kolonialimperium endgültig unter. Es hat einige Unternehmer reich gemacht und den Staat ein wenig ärmer. Es hat Zehntausende Menschen das Leben gekostet und einigen wenigen einen kurzen Rausch von Macht und Größe beschert.

Ob auch die Ursprünge der NS-Herrschaft in den rassistischen Bürokratien der Kolonialverwaltungen zu suchen sind, diese Frage hat die Philosophin Hannah Arendt schon vor Jahrzehnten gestellt . Der Historiker Jürgen Zimmerer hat sie in den vergangenen Jahren neu aufgegriffen und mit Ja beantwortet: Das Lebensraum- und Rassedenken der Nationalsozialisten wurzle tief in den kolonialen Gewalterfahrungen. Der Kolonialismus habe eine Kultur der Ausbeutung und der Vernichtung hervorgebracht. Vom Massenmord bis hin zur gezielten Vernachlässigung in Konzentrationslagern ließen sich zahlreiche Parallelen finden, die das Verbrechen in Deutsch-Südwest als eine "koloniale Vorstufe des Holocaust" auswiesen: "Es gibt einen Weg, der Windhoek oder den Waterberg mit Auschwitz verbindet."

1871 - 1918: Das deutsche Kaiserreich © ZEIT Geschichte

Zumal das Abschlachten nach 1907 keineswegs schamhaft beschwiegen wurde. Es war, ganz im Gegenteil, eine beliebte Kulisse zahlreicher populärer Romane, darunter eines der erfolgreichsten Jugendbücher der ersten Jahrhunderthälfte: Gustav Frenssens Peter Moors Fahrt nach Südwest, das bis 1945 immer wieder neu aufgelegt wurde.

Nein, halten Kritiker den Thesen Zimmerers entgegen, Vernichtungskrieg und Holocaust aus der Kolonialgeschichte heraus zu erklären greife zu kurz. Ganze Bevölkerungsgruppen auszurotten sei schließlich keine genuin deutsche Idee gewesen, sondern weltweit schon vor 1904 in grausamer Ausführlichkeit erprobt worden. Da sind die von den Belgiern im Kongo verübten Gräuel, wie sie Joseph Conrad in seinem Roman Herz der Finsternis beschreibt . Da ist, von 1898 bis 1902, die gewaltsame Eroberung und Kolonialisierung der Philippinen durch die Amerikaner. Von 1830 an tobte der französische Eroberungskrieg in Algerien.

Auch damals forderten Generäle schon zur Vernichtung des Gegners auf. 1904, lautet das Fazit von Birthe Kundrus, Stephan Malinowski und anderen, war nicht der "Tabubruch", als den Zimmerer den Mord an Herero und Nama schildert. Zudem verübten die Staaten mit der längsten und blutigsten kolonialen Gewaltgeschichte – Frankreich und England – nach 1918 keine Massenverbrechen. Die Gräueltaten in den "Schutzgebieten" des Kaiserreichs eignen sich also kaum zur Erklärung, warum der beispiellose Terror der Jahre 1933 bis 1945 ausgerechnet von Deutschland ausging.

Aber zu sagen, dass ein Weg vom Waterberg nach Auschwitz führt, heißt schließlich nicht, dass es der einzige gewesen sein muss. Und dass es ein europäisches "Archiv" genozidaler Gewalterfahrungen gab, schließt nicht aus, dass die deutschen Kolonialverbrechen ihre Entsprechung und Fortsetzung in der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik fanden.

Gewiss lassen sich die Unterschiede zwischen den beiden Verbrechen nicht leugnen: 1904 waren es einige Tausend Täter, in den Jahren nach 1939 Millionen . Auch würde unangemessen verkürzen, wer im Mischlingsehenverbot von 1906 die Nürnberger Gesetze von 1935 vorweggenommen sehen möchte. Diese und weitere Differenzen vergegenwärtigt zu haben ist das Verdienst der Kritiker. Die Ähnlichkeiten lassen sich dadurch jedoch nicht wegargumentieren. Rasse und Raum, Nieder- und Höherentwicklung, Blutreinheit und Bereitschaft zum Massenmord – die Ingredienzien der NS-Weltanschauung sind um 1900 alle schon vorhanden.

Und so wie das Wort "Konzentrationslager" in von Bülows Telegramm vom Dezember 1904 wie ein Vorgriff auf kommende Schrecken wirkt, weckt mancher Soldatenbrief aus dem Zweiten Weltkrieg Erinnerungen an die Kolonialzeit. "So groß auch der Vormarsch ist [...], im ganzen ist Rußland doch eine große Enttäuschung für den einzelnen", schreibt ein junger Landser wenige Wochen nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 nach Hause: "Nichts von Kultur, nichts von Paradies" könne er in den eroberten Gebieten entdecken – "ein Tiefstand, ein Dreck, eine Menschheit, die uns zeigen, daß hier unsere große Kolonisationsaufgabe liegen wird."

Christian Staas, Jahrgang 1975, ist Chefredakteur von ZEIT Geschichte