1883 schließt sein Bevollmächtigter Heinrich Vogelsang mit dem Nama-Häuptling Josef Frederiks einen Vertrag, der Lüderitz die Bucht von Angra Pequena zuspricht, die heutige Lüderitzbucht. Im August folgt ein weiterer Vertrag. Insgesamt erwirbt der Bremer Kaufmann ein Gebiet von 580000 Quadratkilometern, auf dem rund 200000 Menschen leben – der erste Schritt auf dem Weg zu einem deutschen Kolonialimperium.

Schon Generationen vor Lüderitz hatten davon geträumt. So forderte der Philosoph Johann Gottlieb Fichte im frühen 19. Jahrhundert, die Deutschen sollten die "Weltregierung" übernehmen, bevor "Türken, Neger, nordamerikanische Stämme" sie an sich rissen. Unter dem Eindruck der Agrarkrisen der 1840er Jahre gründen sich dann die ersten Kolonialvereine. Manche sehen in zukünftigen Kolonien "die besten Armenbeschäftigungs- und Versorgungsanstalten für alle Staaten Europas".

Andere wünschen sich, dass sie nach englischem Vorbild Handel und Wirtschaft fördern. Daneben tritt die Sorge um das Schicksal deutscher Auswanderer: Kurzzeitig kommt die Idee auf, in Mittel- und Südamerika Land zu erwerben für die dort lebenden Emigranten. Sogar über eine Kolonie in Texas wird debattiert. Indes – solange Deutschland in Kleinstaaten zersplittert war, galt das Wort Heinrich Heines: "Franzosen und Russen gehört das Land. / Das Meer gehört den Briten. / Wir aber besitzen im Luftreich des Traums / die Herrschaft unbestritten."

Die Reichsgründung von 1871 schafft mit der nationalen Einheit dann die Grundlage, um die kolonialistischen Träume in die Tat umzusetzen. Die Koloniallobby wächst. Auch ist Bismarcks "kleindeutsche" Lösung – ohne Österreich – vielen nicht genug. Bitter beklagen zahlreiche Nationalisten die angebliche Diskrepanz zwischen Deutschlands realer Lage und seiner "Weltstellung". Von Großmachtgelüsten befeuert, kommt unter anderem die Idee auf, das Reich über seine Ostgrenzen hinaus auszudehnen, später erscheint vielen das sieche Osmanische Reich als attraktive Beute (um 1903 beginnt man mit dem Bau einer Bahnlinie, die bis nach Bagdad führen soll). Die Alternative, vor der viele nationalistische Agitatoren Deutschland sehen, lautet "Weltmacht oder Untergang".

Dem "Reichsgründer" und Kanzler Otto von Bismarck bleibt solche Rhetorik lange Zeit fremd. In seinen Augen ist das Reich "saturiert" und bedarf keiner Expansion, weder in Europa noch in Übersee. Die Koloniallobbyisten laufen Sturm. So versucht der rheinische Missionsinspektor Friedrich Fabri 1879 mit seiner Schrift Bedarf Deutschland der Kolonien? Bismarcks Saturiertheitsargument zu widerlegen, indem er auf das rasante Bevölkerungswachstum hinweist. Tatsächlich ist es in Deutschland größer als in allen anderen europäischen Staaten: Von 1871 bis 1900 steigt die Einwohnerzahl von 41 auf 56 Millionen; Fabri prognostiziert 1879 gar, es würden 65 bis 80 Millionen sein. "Die Organisation einer starken deutschen Auswanderung", schreibt er, "ist zu einer Lebensbedingung des Deutschen Reiches geworden."

Nur: wohin? Indien ist in britischer Hand. Auch Lateinamerika ist "vergeben". Begehrlichkeiten weckt daher vor allem der noch kaum erkundete afrikanische Kontinent. Am 27. April 1884 stellt Bismarck denn auch das von Adolf Lüderitz erworbene Südwestafrika, das heutige Namibia, als erstes Überseegebiet unter den "Schutz des Deutschen Reiches". Das Wort "Kolonie" meidet er. Die deutschen "Schutzgebiete", wie sie nun offiziell heißen, sollen keine staatlichen Verwaltungskolonien werden; regieren sollen die Kaufleute selbst. So will der Reichskanzler den sich verschärfenden Wettlauf um die kolonialen Besitzungen in die sicheren Bahnen seiner europäischen Gleichgewichtspolitik lenken. Auf Dauer wird dies nicht gelingen.

Das deutsche Kolonialreich wächst rasch zu einem kleinen Imperium heran. 1885 gewährt Bismarck Togoland "Schutz" (seit 1905 Togo genannt, umfasst es das heutige Togo und den östlichen Teil Ghanas). Im selben Jahr werden Kamerun (das dem heutigen Kamerun entspricht samt einiger Gebiete Nigerias, des Tschads und anderer umliegender Staaten) und Ostafrika deutsch (bestehend aus den heutigen Staaten Tansania, Burundi und Ruanda). Zeitgleich greift das Kaiserreich nach Ozeanien aus: 1884/85 wird Neuguinea Kolonie. 1890 folgen Samoa, die Karolinen, die Marianen, Palau und weitere kleinere Pazifik-Eilande, 1906 kommen die Marshall-Inseln hinzu. Um die Jahrhundertwende wird ein Großteil der Südsee von deutschen Kolonialbeamten kontrolliert .

Parallel dazu hat 1898 das koloniale Engagement in China begonnen: Die Provinz Kiautschou ist von diesem Jahr an deutsches Pachtgebiet; in der Hafenstadt Tsingtao wird das gleichnamige Bier bis heute nach deutschem Reinheitsgebot gebraut. Kiautschou soll das Tor nach China öffnen. 1911 schließlich tritt Frankreich Neukamerun (ein Gebiet südlich und westlich der Kolonie Kamerun) an Deutschland ab – die letzte koloniale Erwerbung des Kaiserreichs.

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg stehen damit mehrere Millionen Afrikaner, Chinesen und pazifische Inselbewohner unter deutscher Herrschaft. Und wie andernorts Briten, Belgier, Franzosen und Amerikaner erproben nun auch die Deutschen in ihren Kolonien die in Europa diskutierten Ideen von Rasse und Raum. Allein die Kolonisierten werden nicht gefragt.