Der Kriegsausbruch am 12. Januar 1904 kommt für die weißen Siedler wie aus heiterem Himmel: Bewaffnete Herero-Verbände überfallen an diesem und den folgenden Tagen mehrere deutsche Farmen; wohl 100 Deutsche, vereinzelt auch Kinder und Frauen, werden getötet. Die Vorgeschichte dieser gewaltsamen Erhebung aber reicht weit zurück – in die Zeiten von Adolf Lüderitz –, und sie beginnt mit einer Pleite.

So muss der Kolonialpionier aus Bremen das gerade in Besitz genommene Land bereits 1885 wieder verkaufen. Die Kosten für die Erschließung des Territoriums haben Lüderitz’ finanzielle Möglichkeiten überstiegen, Bodenschätze fand er keine – erst rund 20 Jahre später wird ein deutscher Eisenbahnangestellter die ersten Diamanten aus dem Sand sieben.

Neuer Besitzer ist von 1885 an die Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika. Im selben Jahr trifft der erste vom Reich entsandte Gouverneur ein: Heinrich Göring, der Vater Hermann Görings. Gemeinsam mit nur zwei weiteren Beamten soll er ein Gebiet verwalten, größer als das Deutsche Reich. Die Aufgabe ist nicht zu bewältigen. In seiner Not versucht Göring, die Konflikte der Einheimischen zu instrumentalisieren. Dadurch hofft er die deutsche Macht auch ohne jede reale Machtgrundlage befestigen zu können. Eine Strategie, die seine Nachfolger fortsetzen werden – und die auf Gegenseitigkeit beruht: Auch die Nama- und Herero-Häuptlinge spannen die Gegenseite für ihre Zwecke ein.

Im Falle Görings haben die Deutschen das Nachsehen. 1888 müssen der Gouverneur und seine beiden Mitstreiter vor erzürnten Herero ins englische Walvis Bay fliehen. Eine recht peinliche Angelegenheit. Um das Gesicht vor der Weltöffentlichkeit nicht zu verlieren, schickt Bismarck Truppen zur Verstärkung in die ungeliebte Kolonie, allerdings gelingt es in den kommenden Jahren nicht, den Frieden militärisch herbeizuzwingen – bis 1893 Theodor Leutwein die Leitung des "Schutzgebiets" übernimmt. Geschickter als seine Vorgänger versteht er sich darauf, durch Absprachen mit Herero und Nama die Machtverhältnisse zugunsten der Deutschen zu wenden.

Dennoch braut sich die nächste Krise zusammen: 1897 sucht die Rinderpest das Land heim. Die Tiere – die Lebensgrundlage der Herero – verenden zu Tausenden. Zudem erhöht die immer aggressivere Siedlungspolitik der Deutschen die Spannungen zwischen Weißen und Afrikanern. Durch Landverkäufe und machtpolitische Händel, die Leutwein betrieben hat, um einen Nachfolgestreit innerhalb der Stammesführung auszunutzen, wächst bei den Herero der Unmut. Sie leiden Hunger, fühlen sich vom herrischen Auftreten vieler weißer Siedler gedemütigt. Im Januar 1904 eskaliert die Lage.

Was danach geschieht, gleicht dem Göring-Debakel von 1888: Leutwein ist überfordert. Die Generalität in Berlin sieht sich deshalb genötigt, die Sache an sich zu reißen. Mit Lothar von Trotha schickt sie einen, wie die Historikerin Birthe Kundrus schreibt , "rassistischen Hardliner" nach Südwestafrika, der schon vom Schiff aus anordnet, dass alle Herero-Rebellen auf der Stelle zu erschießen seien.

Zahlreiche weiße Siedler äußern unterdessen ihren Unmut über Leutweins angeblich viel zu unentschlossene Haltung und fordern, wie ein Missionar aus der Kolonie berichtet, dass man endlich "aufräumen, aufhängen, niederknallen" solle "bis auf den letzten Mann". Leutwein mahnt daraufhin, dass sich ein Volk von rund 70.000 Menschen "nicht so einfach vernichten" lasse. Der Gedanke steht im Raum. Generalleutnant von Trotha wird ihn in die Tat umsetzen – ein Mann, der weder Land noch Leute kennt, der mit der Meinung anreist, Afrikaner wichen "nur der Gewalt", einer Gewalt, die er nach eigenem Bekunden "mit krassem Terrorismus und selbst mit Grausamkeit" auszuüben gedenkt. "Ströme von Blut" sollen fließen.

Am 11. August 1904 kommt es am Waterberg, 250 Kilometer nördlich von Windhoek, zur Entscheidungsschlacht . Und es fließen tatsächlich Ströme von Blut. Die deutsche Schutztruppe siegt, doch gelingt es einem Teil der Herero, samt Frauen und Kindern und ihren Viehherden gen Osten zu flüchten, wo die Omaheke beginnt, ein karges Wüstengebiet. Der Vernichtungskrieg nimmt seinen Lauf. Am 2. Oktober ergeht von Trothas berüchtigter Aufruf an das Volk der Herero: "Die Hereros", heißt es darin, "sind nicht mehr deutsche Untertanen. Sie haben gemordet und gestohlen, haben verwundeten Soldaten Ohren und Nasen und andere Körperteile abgeschnitten."

Das Volk der Herero müsse daher das Land verlassen. "Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit und ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auf sie schießen." – "Das Schießen auf Weiber und Kinder" sei so zu verstehen, fügt er hinzu, "daß über sie hinweggeschossen wird, um sie zum Laufen zu zwingen." Der Tod in der Wüste ist ihnen gleichwohl gewiss. Zwei Monate später trifft von Bülows Telegramm ein. Trothas Vernichtungsbefehl ist inzwischen auf Weisung Berlins aufgehoben. Die "Reste des Hererovolkes" werden in Konzentrationslagern interniert.

Als am 27. Januar 1908, ein knappes Jahr nach dem offiziellen Kriegsende vom 31. März 1907, die letzten KZs geschlossen werden, sind rund 60.000 Herero tot, das entspricht 75 bis 80 Prozent der gesamten Volksgruppe. Die Nama, von Oktober an in die Kämpfe verwickelt, haben 10.000 Tote zu beklagen. Die Opferbilanz der Deutschen fällt mit 1400 Toten eher gering aus. 585 Millionen Reichsmark hat das massenmörderische Unternehmen gekostet. Die Debatte um weitere Kolonialkredite führt noch im selben Jahr zur Auflösung des Reichstags. Es gibt Neuwahlen, in denen mit der SPD und dem katholischem Zentrum die Kritiker der deutschen Kolonialpolitik eine herbe Niederlage erleiden.