1907 wird damit zum Wendejahr der deutschen Kolonialgeschichte. Ein Kolonialstaatssekretariat wird eingerichtet unter der Leitung Wilhelm Dernburgs . In Deutsch-Südwest beginnt die gezielte "Inwertsetzung" der Kolonie. Das gesamte Land ist jetzt fest in deutscher Hand. Die verbliebenen "Wilden" sollen zu braven Untertanen herangezogen werden. Jeder Nama, jeder Herero muss ein Dienstbuch und einen Pass bei sich führen. Schon 1906 wurden "Mischehen" verboten.

Das "Schutzgebiet" Deutsch-Südwestafrika ist ein rassistischer Apartheidstaat. Er besteht bis 1915. Dann marschieren – der Erste Weltkrieg wird auch in Afrika ausgetragen – die Engländer in die Kolonie ein. 1918 schließlich geht mit dem Kaiserreich auch das deutsche Kolonialimperium endgültig unter. Es hat einige Unternehmer reich gemacht und den Staat ein wenig ärmer. Es hat Zehntausende Menschen das Leben gekostet und einigen wenigen einen kurzen Rausch von Macht und Größe beschert.

Ob auch die Ursprünge der NS-Herrschaft in den rassistischen Bürokratien der Kolonialverwaltungen zu suchen sind, diese Frage hat die Philosophin Hannah Arendt schon vor Jahrzehnten gestellt . Der Historiker Jürgen Zimmerer hat sie in den vergangenen Jahren neu aufgegriffen und mit Ja beantwortet: Das Lebensraum- und Rassedenken der Nationalsozialisten wurzle tief in den kolonialen Gewalterfahrungen. Der Kolonialismus habe eine Kultur der Ausbeutung und der Vernichtung hervorgebracht. Vom Massenmord bis hin zur gezielten Vernachlässigung in Konzentrationslagern ließen sich zahlreiche Parallelen finden, die das Verbrechen in Deutsch-Südwest als eine "koloniale Vorstufe des Holocaust" auswiesen: "Es gibt einen Weg, der Windhoek oder den Waterberg mit Auschwitz verbindet."

1871 - 1918: Das deutsche Kaiserreich © ZEIT Geschichte

Zumal das Abschlachten nach 1907 keineswegs schamhaft beschwiegen wurde. Es war, ganz im Gegenteil, eine beliebte Kulisse zahlreicher populärer Romane, darunter eines der erfolgreichsten Jugendbücher der ersten Jahrhunderthälfte: Gustav Frenssens Peter Moors Fahrt nach Südwest, das bis 1945 immer wieder neu aufgelegt wurde.

Nein, halten Kritiker den Thesen Zimmerers entgegen, Vernichtungskrieg und Holocaust aus der Kolonialgeschichte heraus zu erklären greife zu kurz. Ganze Bevölkerungsgruppen auszurotten sei schließlich keine genuin deutsche Idee gewesen, sondern weltweit schon vor 1904 in grausamer Ausführlichkeit erprobt worden. Da sind die von den Belgiern im Kongo verübten Gräuel, wie sie Joseph Conrad in seinem Roman Herz der Finsternis beschreibt . Da ist, von 1898 bis 1902, die gewaltsame Eroberung und Kolonialisierung der Philippinen durch die Amerikaner. Von 1830 an tobte der französische Eroberungskrieg in Algerien.

Auch damals forderten Generäle schon zur Vernichtung des Gegners auf. 1904, lautet das Fazit von Birthe Kundrus, Stephan Malinowski und anderen, war nicht der "Tabubruch", als den Zimmerer den Mord an Herero und Nama schildert. Zudem verübten die Staaten mit der längsten und blutigsten kolonialen Gewaltgeschichte – Frankreich und England – nach 1918 keine Massenverbrechen. Die Gräueltaten in den "Schutzgebieten" des Kaiserreichs eignen sich also kaum zur Erklärung, warum der beispiellose Terror der Jahre 1933 bis 1945 ausgerechnet von Deutschland ausging.

Aber zu sagen, dass ein Weg vom Waterberg nach Auschwitz führt, heißt schließlich nicht, dass es der einzige gewesen sein muss. Und dass es ein europäisches "Archiv" genozidaler Gewalterfahrungen gab, schließt nicht aus, dass die deutschen Kolonialverbrechen ihre Entsprechung und Fortsetzung in der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik fanden.

Gewiss lassen sich die Unterschiede zwischen den beiden Verbrechen nicht leugnen: 1904 waren es einige Tausend Täter, in den Jahren nach 1939 Millionen . Auch würde unangemessen verkürzen, wer im Mischlingsehenverbot von 1906 die Nürnberger Gesetze von 1935 vorweggenommen sehen möchte. Diese und weitere Differenzen vergegenwärtigt zu haben ist das Verdienst der Kritiker. Die Ähnlichkeiten lassen sich dadurch jedoch nicht wegargumentieren. Rasse und Raum, Nieder- und Höherentwicklung, Blutreinheit und Bereitschaft zum Massenmord – die Ingredienzien der NS-Weltanschauung sind um 1900 alle schon vorhanden.

Und so wie das Wort "Konzentrationslager" in von Bülows Telegramm vom Dezember 1904 wie ein Vorgriff auf kommende Schrecken wirkt, weckt mancher Soldatenbrief aus dem Zweiten Weltkrieg Erinnerungen an die Kolonialzeit. "So groß auch der Vormarsch ist [...], im ganzen ist Rußland doch eine große Enttäuschung für den einzelnen", schreibt ein junger Landser wenige Wochen nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 nach Hause: "Nichts von Kultur, nichts von Paradies" könne er in den eroberten Gebieten entdecken – "ein Tiefstand, ein Dreck, eine Menschheit, die uns zeigen, daß hier unsere große Kolonisationsaufgabe liegen wird."

Christian Staas, Jahrgang 1975, ist Chefredakteur von ZEIT Geschichte