Am 11. Oktober haben die Schiffe mit schwerer See zu kämpfen. Dennoch machen sie gute Fahrt. Wie gut, weiß die Mannschaft nicht, denn ihr Kapitän verheimlicht ihr schon seit einem vollen Monat, wie schnell sie vorankommen.

Die Leute murren. Kann man die Heimat überhaupt noch wieder erreichen? Dann bricht die frühe tropische Nacht herein. Unbeirrt segeln die Schiffe weiter, Kurs West, der Kapitän hat ein Ziel. Stöcke haben die Männer heute aufgefischt und einen Ast mit roten Früchten vorbeitreiben sehen. Zwei Stunden nach Mitternacht kracht ein Kanonenschuss – das Zeichen, dass Land gesichtet wurde. Die Segel werden eingeholt, die Seeleute erwarten den Sonnenaufgang. Das Publikum ist eingetroffen, aber die Bühne ist noch von der Nacht verhängt. Das »großartigste Ereignis seit der Erschaffung der Welt«, wie die Entdeckung Amerikas schon 60 Jahre später genannt werden wird, muss auf den Morgen verschoben werden.

Als es dämmert, wird das Ufer einer flachen, üppig grünen Insel sichtbar. Es ist Freitag, der 12. Oktober 1492. Später wird man sagen, es sei eine neue Zeit angebrochen und eine neue Welt entdeckt worden.

Auf dieser Route erreichte Kolumbus im Oktober 1492 die Neue Welt: Vom südspanischen Palos de la Frontera aus steuerte seine Flotte zunächst die Kanaren an und segelte dann vor dem Nordostwind aufs offene Meer hinaus. Auf der Rückreise passierten seine Schiffe nach einer ersten Erkundung der karibischen Inselwelt die Azoren, bevor sie wieder an Europas Küste landeten© Julika AltmannChristoph Kolumbus ist 41 Jahre alt, als er an jenem Oktobertag seinen Fuß an Land setzt. Hinter ihm liegen etwa 5700 Kilometer offener Ozean, mehr, als je ein anderer bekannter Seefahrer zu diesem Zeitpunkt überquert hat. Rund sieben Jahre Überzeugungsarbeit hat es ihn gekostet, die drei Schiffe zu bekommen, die jetzt im klaren Wasser vor dem Ufer an den Ankertauen ziehen.

Er hat hoch gepokert, hat seinen Auftraggebern Gold und Gewürze versprochen und sogar in Aussicht gestellt, mit seinen Gewinnen die Rückeroberung Jerusalems zu finanzieren. Nun meint er, es bewiesen zu haben: dass es möglich ist, den fernen Osten mit seinen Luxuswaren und Goldschätzen, vielleicht sogar Cathay, das sagenhafte Reich des Großkhans, oder die ihm vorgelagerte Insel Cipangu, die später Japan heißen wird und deren Reichtümer Marco Polo knapp 200 Jahre zuvor beschrieben hat, auf dem Westweg zu erreichen, über das Meer.

Das Zeitalter der Entdecker © ZEIT Geschichte

Dass sich in Kolumbus’ Lebensweg und Persönlichkeit geradezu prototypisch das Transitorische seiner Zeit abzubilden scheint, die gleichzeitig im Feudaldenken und Weltbild des Mittelalters verhaftet war und doch, zunehmend auf Erfahrungswissen und Empirie vertrauend, zu neuen Ufern aufbrach, hat die Nachwelt immer gespürt. Früh hat sie auch damit begonnen, Szenen seines Lebens ihren eigenen romantischen Bedürfnissen entsprechend umzudichten. Er selbst hat mit seinem Hang zur Selbstinszenierung und seinen Selbststilisierungen zum ungerecht behandelten Einzelkämpfer bei ihr mehr Erfolg gehabt als bei seinen Zeitgenossen.

»Aus dem Nichts« sei er emporgehoben worden und habe eine Tat vollbracht, die »zur höchsten Ehre der Christenheit gereichen werde und keine ihresgleichen finden möge«, fasst Kolumbus, Sohn eines Wollwebers, später sein Leben zusammen. Früh zieht es ihn zur Seefahrt, einem Gewerbe, das, wie er schreibt, »bei jenen, die ihm nachgehen, die Neigung [weckt], die Geheimnisse der Welt ergründen zu wollen«. Bescheidenheit ist seine Sache nicht, aber schließlich ist ebendiese Eigenschaft Teil seines Erfolgs.