Im Jahre 1554 sei er im Urwald von Brasilien Zeuge eines grauenhaften Geschehens geworden, berichtet der deutsche Landsknecht und Kanonier Hans Staden. Ein gefangener Indianer vom Stamm der Cario sei erkrankt, die Tupinambá-Indianer hätten ihn daraufhin massakriert: "Sofort nehmen die Frauen den Toten, ziehen ihn über das Feuer, kratzen ihm die ganze Haut ab [...]. Wenn die Haut abgeputzt ist, nimmt ein Mann ihn und schneidet ihm die Beine über den Knien und die Arme am Leibe ab. [...] Danach trennen sie den Rücken mit dem Hintern vom Vorderteil ab. Das teilen sie unter sich.

Die Eingeweide behalten die Frauen. Sie sieden sie, und mit der Brühe machen sie einen dünnen Brei, Mingáu genannt, den sie und die Kinder schlürfen [...]. Das alles habe ich gesehen, und ich bin dabei gewesen." So schreibt Hans Staden in seinem Buch Wahrhafftige Historia und Beschreibung eyner Landtschafft der Wilden Nacketen, Grimmigen Menschenfresser-Leuthen, in der Newenwelt America gelegen von 1557.

Als Söldner verteidigte er von 1552 an in portugiesischen Diensten das besiedelte Land in Brasilien gegen Franzosen und feindliche Indianer. Bei einem Überfall der Tupinambá sei er in den Urwald verschleppt worden und neun Monate deren Gefangener geblieben. In ständiger Angst, selbst Opfer der Menschenfresserei zu werden, habe er das Treiben der Indianer beobachtet, bis er endlich von einem französischen Kapitän gerettet worden sei.

Das mit zahlreichen Holzschnitten illustrierte Buch des Konquistadors Hans Staden war der erste ausführliche Bericht über Brasilien, der in Deutschland erschien. Schilderungen kannibalischer Praktiken waren in der Reiseliteratur jedoch keine Neuheit. Schon immer bevölkerten Amazonen, Hundsköpfige, Einäugige und monströse menschenfressende Gestalten die Welt außerhalb der eigenen Zivilisation: In Homers Odyssee ist es der Zyklop Polyphem.

Der griechische Geschichtsschreiber Herodot weiß von Anthropophagen (Menschenfressern), die im Land der Skythen und Inder leben: "Wird einer von ihnen krank, Mann oder Weib, so versammeln sich die nächsten Freunde, schlachten ihn, wie sehr er sich auch sträuben und seine Krankheit verleugnen mag, und verzehren ihn." Marco Polo, der im späten Mittelalter Ostasien bereist, schildert den Umgang der Völker Ostasiens mit ihren Kranken: "[...]so schneiden sie den Leichnam in Stücke, richten ihn zum Mahl her und verzehren ihn in großem festlichem Kreis und lassen nicht einmal das Mark in den Knochen übrig."

Im Bordbuch von Christoph Kolumbus taucht am 23. November 1492 dann zum ersten Mal der Begriff "Kannibale" auf. Gefangen genommene Indianer hatten ihm gegenüber von den sogenannten "Canib oder Canima" gesprochen. Am 26. November schreibt Kolumbus: "Sobald sich die Armada anschickte, Bohío anzusteuern, ergriff die Indianer banges Entsetzen, aufgefressen zu werden.

Dazu beteuerten sie, dass die Canibaleute ein einziges Auge und ein Hundegesicht hätten." Er selbst habe allerdings nie einen Menschenfresser gesehen. Die zahlreichen Augenzeugenberichte anderer Amerikareisender schienen indes keinen Zweifel zuzulassen: Sei es der Italiener Amerigo Vespucci, der Franzose Jean de Léry oder der Deutsche Hans Staden – sie alle beteuerten, Zeuge kannibalischer Rituale geworden zu sein.

Das Zeitalter der Entdecker © ZEIT Geschichte

Aber ist ihren Berichten wirklich zu trauen? Bis heute untersuchen Archäologen Knochen, Schädel und Kotreste, um eine Antwort auf diese Frage zu finden. In vielen Gegenden der Welt weisen bestimmte Brand- und Schnittspuren an Knochen auf menschliches Einwirken hin. Mit biochemischen Methoden wurde in getrockneten Exkrementen der Eiweißstoff Myoglobin entdeckt, der nur von dem Verzehr von Menschenfleisch rühren kann. Auch zahlreiche Ethnologen halten die grausigen Schilderungen der Amerikafahrer für glaubwürdig, denn sie beschrieben immer wieder dieselben Details – von den verwendeten Tötungskeulen bis hin zu den Motiven: Rache, Hass, Geschmack des Fleisches oder Ruhm und Ehre.

Die Kritiker der Kannibalismusthese argumentieren genau umgekehrt: Gerade die Verwendung derselben Motive in den Berichten lasse vermuten, dass sie reine Fiktion seien. Die Verfasser bewegten sich innerhalb einer Erzähltradition. Die Schriften der Antike, des Mittelalters und die der ersten Amerikafahrer seien bekannt gewesen. Hans Staden und andere hätten die Erwartungen des Lesepublikums bedienen wollen. Der Kannibalismus sei nichts als ein Wandermythos, der in die Neue Welt gebracht worden sei. Bei den heutigen Eiweiß- und Knochenexperimenten handle es sich um bloße Effekthascherei. Zudem gebe es keine entsprechenden Gegenstände oder Schriftquellen von Indianern.

Tatsächlich kann bis heute weder bewiesen noch widerlegt werden, dass es Kannibalismus bei den Indianern der Neuen Welt gegeben hat. Eines jedoch ist sicher: In den Köpfen der damaligen Europäer war der Kannibalismus eine Tatsache. Die Neugierde einer immer größer werdenden Leserschaft hatte einen regelrechten Markt für sogenannte Americana-Literatur entstehen lassen. Flugblätter, Briefe, Schriften, Bildbände und ganze Kompendien wurden in allen Ländern Europas in großer Zahl gedruckt.