Das erste Licht des Tages dämmert herauf. Henry Hudson tritt aus seiner Kapitänskabine. Muskulöse, vernarbte Männerarme greifen von hinten nach ihm und überwältigen ihn. Die Meuterei auf der Discovery beginnt: Fast ein Dutzend von Hudsons Männern wagen es, gegen ihren Kapitän aufzubegehren. Ihre Furcht davor, dass er nun, wo das Schiff endlich vom Eis wieder freigegeben ist, immer noch nicht in die Heimat segeln, sondern weiter nach der Nordwestpassage suchen will, ist zu groß. Die Männer wollen endlich nach Hause. Die Eismassen haben das Schiff eingeschlossen, seit acht Monaten sitzt die 23-köpfige Mannschaft fest: kein Entkommen aus der Kälte, kein Ausweg, nur Eis und Himmel. Die Verpflegung ist knapp geworden, die Männer haben Hunger, sie sind zum Teil krank, leiden an Skorbut, sind unterkühlt. Sie streiten heftig, alte Feindschaften brechen auf, die Kälte hat ihre Moral zermürbt.

Während Eisschollen an der Discovery vorübertreiben, zwingen die Meuterer Hudson und seinen 16-jährigen Sohn John, den Schiffsjungen sowie sechs kränkliche Besatzungsmitglieder in ein kleines Beiboot. Der Schiffszimmermann Philip Staffe schließt sich den Ausgesetzten freiwillig an, die einen mit Getreide gefüllten Kessel und eine Muskete mit auf den Weg bekommen. Das Beiboot wird noch einige Wellenschläge hinter dem Schiff hergezogen, dann kappen die Meuterer das Seil. Die Discovery segelt davon, und das kleine Boot treibt zwischen den Eisschollen dahin. Die Männer werden nie wieder gesichtet.

Henry Hudson ist einer der großen Verlierer in der Geschichte der Entdecker. Die Reise mit der Discovery ist seine vierte Fahrt gewesen, vier Mal ist er gescheitert. Ziel aller vier Expeditionen war es, eine Nordpassage von Europa nach China zu finden, zunächst östlich vom Nordpol, dann westlich vom Packeis der Arktis. Eine Nordost- oder Nordwestpassage hätte die Route nach Ostasien erheblich verkürzt und den Handel mit kostbaren Gewürzen, Seide und anderen Schätzen lukrativer gemacht.

Das Zeitalter der Entdecker © ZEIT Geschichte

Nachdem die Spanier und Portugiesen 1494 im Vertrag von Tordesillas die Welt unter sich aufgeteilt haben, um ihre Handelsmonopole abzusichern, bleibt den im 17. Jahrhundert aufstrebenden Seemächten England, Niederlande und Frankreich gar nichts anderes übrig, als nach neuen Seewegen zu suchen. Und so bricht eine Reihe von Seefahrern auf, um entweder die Nordostpassage an Russland vorbei ins Beringmeer oder die Nordwestpassage durch das Insellabyrinth Nordkanadas zu finden.

Der einstige Freibeuter Martin Frobisher segelte im Auftrag englischer Kaufleute; in den Jahren 1576 bis 1578 drang er weit in die nordamerikanische Arktis vor. Drei Mal hat John Davis den nordwestlichen Weg gesucht, 1585 bis 1587 kämpfte er sich von Labrador aus bis zur Westküste Grönlands hoch, aber auch er schaffte nicht den Durchbruch, fand nicht den Eingang zur Passage. Nun setzt die Muscovy Company, ein Zusammenschluss englischer Handelsfirmen, ihre Hoffnung auf Henry Hudson.

Der 1565 in London geborene Seefahrer hat viel Expeditionserfahrung. Seine erste Fahrt 1607 führt ihn über die Shetlandinseln westlich an Island vorbei und an der Ostküste Grönlands entlang in Richtung Spitzbergen. Die an dieser Stelle von ihm beobachteten Wale veranlassen die Londoner zu Fangfahrten in der Region. Doch das Packeis zwingt Hudson zur Umkehr. Ein Jahr später bekommt er den Auftrag, entlang der russischen Küste eine Passage nach Asien finden. Er fährt die Küste Norwegens bis zum Nordkap hoch, navigiert gen Nordosten und versucht, die lang gestreckte Insel Nowaja Semlja zu umschiffen und in die Karasee zu gelangen. Wieder blockieren Eismassen den Weg.

Hudsons dritte Expedition wird von den Niederländern finanziert; ein Dutzend holländischer Handelsfirmen haben sich 1602 zur Verenigde Oost-Indische Compagnie zusammengeschlossen, um sich gegen die Spanier, Portugiesen und Engländer zu behaupten. Die Vereinigung ist mächtig und hat sogar die Vollmacht, Kriege zu führen. Eine nördliche Passage zu den Schätzen Asiens würde ihr gegenüber den Konkurrenten von der Iberischen Halbinsel einen großen Vorteil verschaffen. Also sticht Hudson 1609 für die Holländer in See.

Schon am Nordkap wird das Eis so dicht, dass die Mannschaft aufbegehrt. Als das Schiff die Barentssee erreicht, erinnert sich Hudson an eine Karte seines alten Freundes Kapitän John Smith: Auf ihr ist eine mögliche Asienroute eingezeichnet – mitten durch Nordamerika. Eigenmächtig, entgegen der Order seines Auftraggebers, ändert Hudson die Route, wagt den Weg über den Atlantik und steuert nach Neufundland. Und dann – zur Freude der Mannschaft – nicht nach Norden, sondern gen Süden.