Auf den ersten Blick scheint es, als habe die Sowjetmacht die Militarisierung der Frauen sogar noch konsequenter betrieben als das »Dritte Reich«. Einige der von Alexijewitsch interviewten Frauen erinnern sich daran, dass sie sich einem Einsatz als Krankenschwestern verweigert hätten, weil ihnen die halbjährige Ausbildung zu lang erschien. Sie wollten helfen, sofort, konnten es kaum erwarten, mit der Waffe an die Front zu ziehen. Eine ehemalige Scharfschützin, Vera Danilowzewa, die unbedingt ihrem Freund in den Kampf folgen wollte, ließ sich schließlich überzeugen, dass eine Ausbildung nötig sei: »Na schön, aber nicht als Krankenschwester, ich will schießen!«

Dieses Bild von der zum Äußersten entschlossenen Rotarmistin findet sich in der NS-Propaganda zum Klischee verzerrt wieder – im Schreckbild der sowjetischen »Flintenweiber«. Dass die Rotarmistinnen als Kombattantinnen schossen und töteten, passte in das ideologische Bild, das sich der Nationalsozialismus von seinem »Weltanschauungsfeind« machte: Im Reich des »Bolschewismus« war das »natürliche« Geschlechterverhältnis außer Kraft gesetzt, hier kämpfte ein ganzes Volk, ganz gleich, ob Mann oder Frau. Der Oberbefehlshaber der 4. Armee, Günther von Kluge, verfügte gleich im Juni 1941, dass feindliche Frauen in Uniform zu erschießen seien. Der Befehl wurde später zurückgezogen – Rotarmistinnen waren nun gefangen zu nehmen–, zeigt aber dennoch, dass das Feindbild der »Flintenweiber« die deutschen Soldaten noch zusätzlich zum Kampf anspornen konnte, statt im Umgang mit den Frauen Milde walten zu lassen. Womöglich sollte dieser brutale Umgang mit den Rotarmistinnen, wie der Historiker Felix Römer vermutet, auch das in Unordnung geratene Geschlechterverhältnis wiederherstellen.

Die Erzählungen der deutschen und sowjetischen Frauen stehen also, bei allen Ähnlichkeiten, in äußerst unterschiedlichen Zusammenhängen.

In Deutschland sehen sich die jungen Frauen vor allem durch die erfolgreichen »Blitzkriege« dazu motiviert, »Hilfe zum Sieg« leisten zu wollen. Meist noch ledig und kinderlos, hoffen sie darauf, in die Westgebiete ziehen zu dürfen; viele träumen von einer Stelle in Paris. Zahlreichen jungen Frauen ermöglicht es der Kriegseinsatz auch, erstmals das Elternhaus zu verlassen und sich »draußen« zu bewähren. Blutige Lazarettarbeit haben angesichts der schnellen Siege die wenigsten vor Augen.

Tatsächlich gibt es 1940 zeitweise sogar einen Überschuss an Rotkreuzpersonal. Weil nicht so viele Verwundete zu versorgen sind wie befürchtet, überstellt das Deutsche Rote Kreuz Tausende Frauen dem Heer: Diese helfen, das sich ins Riesenhafte auswachsende Nazireich zu verwalten. Als Nachrichtenhelferinnen stellen sie an Fernsprecher und Fernschreiber die Verbindung zwischen Heimat, Front und besetztem Gebiet her. Als Stabshelferinnen (Sekretärinnen) organisieren sie den bürokratischen Apparat des Militärs .

Die meisten haben damals noch keinerlei Vorstellung von der Realität des Krieges; ihre Erwartungen sind durch die »Blitzkriege«, durch ein taumelhaftes Siegesgefühl geprägt. Und mit diesem Traumbild kommt auch Ingeborg Ochsenknecht 1941 in die Sowjetunion. Erst hier, wo sie in Lazaretten hinter oder gar direkt an der Front eingesetzt ist, lernt sie, was Krieg wirklich bedeutet.

Anders als sie sind Jewgenija Sapronowa oder Vera Danilowzewa von Anfang an mit einer drohenden Niederlage konfrontiert: Der Gegner erobert ihre Heimat bis Ende 1941 scheinbar mühelos. Die Menschen müssen ihre Haut retten, Haus und Herd schützen, es geht um alles oder nichts, um Leben und Tod. Und doch: Auch in der Sowjetunion haben die jungen Frauen keine realitätsgesättigten, sondern höchst romantische, propagandistisch geschönte Vorstellungen vom Krieg. Und auch hier sind sie durch die Jugendorganisationen militarisiert und mobilisiert, also kriegsbereit gemacht worden wie keine Frauengeneration vor ihnen. Das erklärt die Freiwilligkeit, mit der sie sich 1941 melden. Erst mit den Ernüchterungen, die der Krieg bringt, geht diese Bereitschaft allmählich zurück, sodass in den späteren Kriegsjahren immer mehr Frauen zwangsweise eingezogen werden müssen.

Der Alltag an und hinter der Front bringt die Frauen mit allen Aspekten des Krieges in Berührung: Zehntausende deutsche Krankenschwestern versorgen in der besetzten Sowjetunion die verwundeten Soldaten oder betreuen sie in Soldatenheimen. Tausende Telefonistinnen, Telegrafistinnen oder Sekretärinnen arbeiten in den Nachrichtenvermittlungseinheiten, militärischen Stäben und SS-Einsatzgruppen. Viele der Akten, aus denen heutige Historiker ihr Wissen über den Vernichtungskrieg und den Holocaust beziehen, wurden von Wehrmachthelferinnen geschrieben.

Die Frauen, die der Wehrmacht dienen, haben also durchaus die Möglichkeit, zu erfahren, was sich zuträgt, selbst wenn sie den größeren Kontext nicht kennen, in dem die Ereignisse stehen. In der Ukraine oder Weißrussland sehen sie häufig mit eigenen Augen, was geschieht – so wie die 1919 geborene Ilse Schmidt, die als Stabshelferin beim Kommandeur des Streifendienstes im ukrainischen Rowno eingesetzt ist. Im Spätsommer 1942 beobachtet sie eines Nachts, wie deutsche Polizisten in einem nahe gelegenen Wald Hunderte Juden erschießen.

Wie Ingeborg Ochsenknecht ist Ilse Schmidt voller Enthusiasmus in den Krieg gezogen. Ihre erste Station ist Paris, wo sie in einer vornehmen Villa residiert – von einheimischem Personal bedient und von deutschen Offizieren umschwärmt. 1941 arbeitet sie dann im besetzten Jugoslawien in einer Propagandaabteilung: An den Laternenmasten in Belgrads Straßen sieht sie gehenkte Partisanen. Doch erst der Mord an den Juden, dessen Zeugin sie ein Jahr später in der Sowjetunion wird, veranlasst sie dazu, den Krieg, den sie anfangs so naiv wie überschwänglich begrüßt hat, allmählich kritischer zu betrachten.

Mit Waffen werden die deutschen Frauen in den besetzten sowjetischen Gebieten höchstens ausnahmsweise ausgestattet – zur Selbstverteidigung. Erst gegen Ende des Krieges ändert sich das, als sie im Reich als Flakhelferinnen dienen und beim Abschuss der alliierten Bomberpiloten helfen. Im September 1944 erklärt das Oberkommando der Wehrmacht die Flakhelferinnen wie auch Nachrichtenhelferinnen, die »Kampfbefehle übermitteln«, zu Kombattantinnen – insgesamt eine halbe Million Frauen tun mittlerweile militärischen Dienst.