"Kein Problem für die Truppe" – Seite 1

Februar 1945, der Zusammenbruch der deutschen Streitkräfte ist längst unabwendbar: "Wenn sie die russische Bevölkerung anständig behandelt hätten, wäre es anders gekommen", seufzt der Gefreite Gerhard Steinbach angesichts der nahenden Niederlage. Ähnlich sieht es der Leutnant Robert Stevenson, der ebenfalls an der Ostfront gekämpft hat: "Wenn wir nicht so viel Russen erschossen hätten in 1941, hätte sich das 10fache [an Rotarmisten] ergeben." Die beiden Wehrmachtsoldaten sind Kriegsgefangene im amerikanischen Vernehmungslager Fort Hunt bei Washington, und sie ahnen nicht, dass ihre Gespräche heimlich abgehört werden. Ihre Ansichten über die Ursachen der Niederlage treffen gleichwohl ins Schwarze: Den Krieg gegen die Sowjetunion verlor das "Dritte Reich" nicht nur infolge strategischer Fehler, der Unterschätzung des Gegners und der Überforderung der eigenen Kräfte, sondern auch wegen seiner beispiellosen Vernichtungspolitik.

Auf die verbrecherische Kriegführung legte sich die Wehrmacht bereits vor Beginn des Feldzugs fest. Hitler befahl schon im Frühjahr 1941, den geplanten "Vernichtungskampf" gegen den bolschewistischen Erzfeind mit "brutalster Gewalt" zu führen. Die Wehrmachtführung setzte Hitlers Weisungen um, indem sie ein Bündel von völkerrechtswidrigen "Führererlassen" ausarbeitete. Zu diesen Erlassen zählte neben Weisungen, die "rücksichtsloses Durchgreifen" gegen jeden Widerstand forderten und Verbrechen deutscher Soldaten gegen feindliche Zivilisten für straffrei erklärten, auch der sogenannte Kommissarbefehl.

Die "Richtlinien für die Behandlung politischer Kommissare" vom 6. Juni 1941 verpflichteten die deutschen Truppen dazu, alle Politoffiziere der Roten Armee im Fall der Gefangennahme zu exekutieren – ein Mordbefehl, der die systematische Tötung regulärer Kriegsgefangener verlangte. Denn die Kommissare waren Soldaten, hervorgehoben nur durch den Sowjetstern auf den Uniformärmeln. Seit Lenins Tagen überwachten sie als Repräsentanten der KPdSU in jeder Kompanie die Linientreue der Soldaten, nicht selten mit drakonischen Mitteln. Die Nationalsozialisten verteufelten die Kommissare als Inbegriff des "jüdischen Bolschewismus" und seiner Terrorherrschaft. Hitlers Erlass zielte somit auf die Vernichtung der "Träger der feindlichen Weltanschauung". Zudem war er dazu vorgesehen, den Blitzkrieg zu beschleunigen. Ohne ihre mutmaßlichen Korsettstangen, so das Kalkül, werde die Rote Armee rasch zusammenbrechen.

Wie bereitwillig die deutschen Soldaten den Kommissarbefehl befolgt haben, war lange Zeit stark umstritten. Veteranen und Apologeten beteuerten, dass die Truppen es einhellig abgelehnt hätten, ihn anzuwenden. Die Forschung ist zu anderen Ergebnissen gelangt – wobei sie erst vor Kurzem alle betreffenden Unterlagen, die Militärakten sämtlicher Armeen, Korps, Divisionen und Regimenter, die 1941/42 an der Ostfront kämpften, vollständig ausgewertet hat. Die Geschichte des Kommissarbefehls zeigt dabei exemplarisch, wie sich die Wehrmacht in die NS-Vernichtungspolitik einbeziehen ließ.

Schon vor dem Überfall auf die Sowjetunion am 22.Juni 1941 dachten die meisten Truppenführer nicht daran, sich den mörderischen Befehlen der NS-Führung zu widersetzen. Generaloberst Georg von Küchler etwa verkündete auf einer Besprechung mit den Kommandeuren seiner 18.Armee: "Die politischen Kommissare [...] sind Verbrecher." Entsprechend vorbehaltlos befürwortete er die Anweisung, sie im Fall einer Gefangennahme zu erschießen: "Wir wollen das Mittel jedenfalls anwenden. Es spart uns deutsches Blut, und wir kommen schnell vorwärts." Von beinahe 60 Prozent aller Kommandobehörden liegen eindeutige Belege darüber vor, dass sie die verbrecherischen "Führererlasse" mitsamt den Kommissarrichtlinien befehlsgemäß an ihre Truppen weitergaben: Dies ist ein hoher Prozentsatz angesichts der vielen Überlieferungslücken, der Konzentration der Akten auf die späteren Kriegsereignisse sowie der Tendenzen zur Aussparung solcher Vorgänge aus den Unterlagen. Tatsächlich gab es wohl kaum einen Stab, der sich Hitlers Befehlen verweigerte.

Dabei boten sich den Kommandeuren durchaus Alternativen zum strikten Gehorsam. Dass auch Kritik an den Kommissarrichtlinien geübt wurde, war keine reine Erfindung der Nachkriegszeit – allerdings beschränkte sich diese auf wenige Einzelfälle. So empörte sich etwa General John Ansat, Kommandeur einer Infanteriedivision, dass seine Soldaten "keine Henkersknechte" seien, und änderte eigenmächtig die Bestimmungen des Mordbefehls. Er untersagte seinen Truppen, gefangene Kommissare zu exekutieren. Zugleich befahl er jedoch, die Politoffiziere zumindest auszusondern und zur Erschießung an "andere Stellen" wie die Feldgendarmerie oder die SS-Kommandos auszuliefern. Ein typischer Fall: Begrenzte Modifikationen wie die von John Ansat mündeten zumeist in arbeitsteilige Verfahren, welche es letztlich sogar erleichterten, die Vernichtungspläne in die Tat umzusetzen. Selbst die wenigen kritischen Kommandeure sorgten sich eben mehr um die eigenen Truppen als um die Opfer, die von der streng antikommunistischen Militärelite der Wehrmacht kaum Mitgefühl erwarten konnten. Skepsis gegenüber den Kommissarrichtlinien äußerten daher sogar überzeugte NS-Täter. Hardliner wie Generalfeldmarschall Walther von Reichenau etwa – unter dessen Kommando in der Sowjetunion Tausende Zivilisten ermordet wurden – befürchteten, dass die Truppen in einen "Erschießungstaumel" verfallen und ihre militärische Disziplin einbüßen könnten.

Zu offener Auflehnung kam es nirgends

Zu offener Auflehnung kam es nirgends. Die meisten Befehlshaber nutzten ihren Handlungsspielraum nicht einmal zu graduellen Korrekturen. An diesem Verzicht auf ihre Interventionsmöglichkeiten zeigte sich besonders deutlich, dass der Großteil der Frontgeneräle dem Kommissarbefehl keineswegs ablehnend gegenüberstand. Viele nahmen ihn bedenkenlos hin, nicht wenige bejahten ihn aus eigener Überzeugung. Manche Kommandeure weiteten das Mordprogramm sogar eigenmächtig aus. Von fast allen Verbänden, die an der Ostfront kämpften, ist eindeutig belegt, dass sie den Befehl umsetzten.

Dienstliche Erschießungsmeldungen liegen von allen 13 Armeen, sämtlichen 44 Armeekorps und über 80 Prozent der rund 150 deutschen Frontdivisionen vor. Unter Einbeziehung zusätzlicher Indizienfälle erhöht sich die Quote auf der Divisionsebene sogar auf mehr als 90 Prozent. Von vielen Verbänden blieben zwar nur wenige Vollzugsmeldungen erhalten. Fest steht jedoch, dass die dokumentierten Exekutionen keine Ausnahmen darstellten: Immer wieder zeigen parallel überlieferte Quellen wie Privatzeugnisse von Kriegsteilnehmern, dass es sich nicht um Einzelfälle, sondern um Beispiele für eine feste Praxis handelte.

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Tausende Dokumente von der Ostfront belegen zudem, dass die Umsetzung des Mordbefehls "kein Problem für die Truppe" war, wie ein Armeestab im August 1941 feststellte. Dieser Befund wird auch durch die kürzlich entdeckten Unterlagen aus dem amerikanischen Verhörlager Fort Hunt bestätigt, in dem der US-Militärnachrichtendienst während des Zweiten Weltkriegs rund dreitausend deutsche Kriegsgefangene internierte, um sie zu vernehmen und in ihren verwanzten Zellen zu belauschen. Wenn die Insassen überhaupt vom Kommissarbefehl sprachen, dann von seiner befehlsgemäßen Umsetzung.

Der Wehrmachtsoldat Florian Rachanski etwa sagte Mitte Juli 1943: "Wir haben immer die Kommissare erschossen in Russland. Das sind die Allergefährlichsten." Oberst Alfred Santmann, der eine Flak-Einheit befehligt hatte, erinnerte sich noch im Mai 1945 daran, wie die Truppen "jeden, den sie als Kommissar erkannten, erschossen" hatten. Ähnlich kompromisslos ging die Einheit des SS-Oberscharführers Fritz Swoboda aus Brünn vor, der mit der Waffen-SS-Division "Reich" gegen die Rote Armee kämpfte. Er und seine Kameraden exekutierten nicht nur ausgewiesene Kommissare, sondern "erschossen eben einfach jeden, der uns von einer politischen Formation in die Hände fiel". Die Aktenberge aus Fort Hunt – sie umfassen rund 100.000 Seiten – sind längst nicht vollständig erschlossen. Die bisher bekannten Fundstellen weisen jedoch eine unverkennbare Tendenz auf: Niemand nahm für sich und seine Einheit in Anspruch, den Kommissarbefehl verweigert zu haben.

Fast viertausend Exekutionen an sowjetischen Politoffizieren und Funktionären sind in den Unterlagen des Ostheeres aktenkundig geworden. Diese gesicherte Mindestsumme übertrifft alle früheren Schätzungen bei Weitem. Die tatsächliche Opferzahl muss aufgrund der Überlieferungslücken allerdings noch höher veranschlagt werden. Vermutlich waren es um die zehntausend Tote.

Das Mordprogramm erfasste damit nur etwa jeden zehnten sowjetischen Politoffizier. Dies lag jedoch nicht am fehlenden Eifer der Häscher – der meisten Kommissare wurden die deutschen Truppen gar nicht erst habhaft. Wie die Verbände aus allen Frontabschnitten berichteten, fielen die Politkommissare nur selten lebend in deutsche Hände. Viele entzogen sich dem Zugriff der Invasoren, kämpften selbst in aussichtsloser Situation bis zum Letzten oder begingen Selbstmord – zumal nachdem die Erschießungen bekannt geworden waren. Die Gefangennahme sowjetischer Kommissare blieb ein seltenes Ereignis, mit dem viele Soldaten gar nicht konfrontiert wurden. Hierin besteht der wahre Kern in den Beteuerungen der Veteranen, den Kommissarbefehl nie befolgt zu haben, denn viele Einheiten erhielten nie Gelegenheit dazu.

Die Kommissare, die dennoch in deutsche Gefangenschaft gerieten, entledigten sich in der Regel rechtzeitig ihrer Rangabzeichen und Personalpapiere, "sodass sie nicht mehr vom gemeinen Mann zu unterscheiden" waren, wie der Nachrichtenoffizier einer Panzerdivision im Juli 1941 beklagte. Manche kamen so noch einmal mit dem Leben davon, denn für "Suchaktionen" in den Gefangenenmassen blieben den überforderten deutschen Fronttruppen weder Zeit noch Kraft. Nicht wenige ereilte ihr Schicksal dann jedoch in den Gefangenenlagern, wo aufwendige Selektionen stattfanden. Abwehroffiziere und SS-Kommandos setzten Spitzel ein und förderten Denunziationen, um die getarnten Politoffiziere ausfindig zu machen.

Die Umsetzung der Kommissarrichtlinien hing somit weniger vom Willen der Befehlsempfänger als vielmehr von den Umständen ab: Je weiter vorn die Verbände kämpften, je öfter sie Angriffe vortrugen und Gefangene machten, desto höher fiel ihre Mordrate aus. Sobald die Verbände in die Defensive gerieten, gingen auch die Exekutionszahlen zurück. Diese Logik spiegelte den Automatismus der Truppen: Immer wenn sie in die Situation kamen, die Kommissarrichtlinien anwenden zu müssen, entschieden sie sich in aller Regel dafür. Wer seine Skrupel nicht überwinden konnte, schob die gefangenen Politoffiziere an andere Stellen ab, wohl wissend, was sie dort erwartete.

Der Konformismus der Truppen beruhte dabei auf dem Zusammenspiel von gewohntem Gehorsam, kameradschaftlicher Gruppendynamik, den Affekten aus der Gewaltspirale des Krieges und den verbreiteten dämonisierenden Feindbildern. So verkörperten die Kommissare in den Augen der Invasoren nicht nur den "jüdischen Bolschewismus", sondern auch den Schrecken der Ostfront: Hinter allen sowjetischen Völkerrechtsverletzungen vermutete man die Kommissare als "treibende Kraft", viele gaben den Politoffizieren sogar die Schuld an den beispiellosen deutschen Verlusten.

Auf der Grundlage solcher pauschalen Schuldzuweisungen gerieten die Kommissare zur Zielscheibe der wachsenden Frustration der Wehrmachtsoldaten. Und je mehr die Truppen die Kommissarerschießungen als legitime Vergeltungsaktionen auffassten, desto weiter schwand das Unrechtsbewusstsein.

Zugleich wuchs allerdings auch das Bewusstsein dafür, dass die deutsche Wehrmacht eine Gewaltspirale in Gang gesetzt hatte, die auf sie selbst zurückschlug. Die deutschen Mordtaten verstärkten nach ihrem raschen Bekanntwerden den heftigen Widerstand der Roten Armee noch, die Verlustraten des Ostheeres erreichten Rekordhöhen. Im Juni 1942 gab Hitler daher dem Drängen der Generäle nach, den Kommissarerlass aufzuheben – eine opportunistische Kehrtwende. Die deutsche Niederlage konnte sie nicht mehr verhindern.