Der Weg in den Abgrund – Seite 1

Mehr als anderthalb Jahre lang sah es so aus, als seien die Deutschen unbesiegbar. Die Wehrmacht überrannte 1939 Polen, 1940 eroberte sie Dänemark und Norwegen und binnen weniger Wochen Frankreich, 1941 besetzte sie Jugoslawien und Griechenland. Zum Verhängnis wurde den Deutschen erst der Angriff auf die Sowjetunion, den das Großdeutsche Reich am 22. Juni 1941 ohne Not und ohne Kriegserklärung eröffnete. Erst jetzt begann Hitlers Stern zu sinken. Erst in der Roten Armee traf die Wehrmacht auf einen am Ende überlegenen Gegner. Erst in der Unendlichkeit des sowjetischen Kriegsschauplatzes kam es zur militärischen Wende.

Allein die Zahlen – so scheint es wenigstens – sprechen dafür, dass es so kommen musste: Etwa 17 Millionen Männer dienten in den deutschen Streitkräften, von ihnen waren etwa zehn Millionen an der Ostfront eingesetzt. Die Sowjetunion hingegen konnte das Dreifache mobilisieren – mehr als 30 Millionen Soldaten. Zudem blieb die Sowjetunion nicht der einzige Staat, den sich das Großdeutsche Reich zum Feind machte. Am Ende waren es 51 Nationen! Angesichts der erdrückenden Übermacht dieser Allianz war die totale Niederlage Hitler-Deutschlands nur eine Frage der Zeit. Und musste Hitlers Politik nicht ohnehin an sich selbst scheitern – an ihrer Irrationalität und Intoleranz, an ihrer Aggressivität und Amoralität?

Dass das Programm dieses "Führers" nicht gelingen konnte, dass er am Ende dann alle, die ihm gefolgt waren, mit in den Untergang reißen musste, scheint nur folgerichtig – erst recht aus unserer Perspektive, die die Perspektive einer immer größeren zeitlichen wie mentalen Distanz ist. Aber musste es wirklich so kommen?

Moral und Erfolg bilden in der Geschichte nicht zwangsläufig eine Einheit. Gerade das 20. Jahrhundert kennt dafür mehr als ein Beispiel. Und unbeantwortet ist auch die Frage, warum der Nationalsozialismus jahrelang so erfolgreich war, warum eine solche Ideologie die bestehende Weltordnung ernsthaft infrage stellen und so viele Menschen begeistern und mobilisieren, so viele andere unterdrücken und vernichten konnte. Vor allem aber lässt sich die Geschichte nicht von ihrem Ende her denken. Ein solch teleologische Betrachtung übersieht die prinzipielle Offenheit historischer Prozesse, reduziert das, was in Wirklichkeit das Produkt ungezählter Begebenheiten, Einflüsse, Verzweigungen, Widerstände oder auch Sackgassen ist, auf einige wenige Ereignisse und Voraussetzungen. Das soll nicht heißen, die Geschichte besäße keine Strukturen. Aber: Sie erschließen sich erst aus der Rückschau. Solange das, was einmal vergangen sein wird, zur Gegenwart zählt, ist noch längst nicht entschieden, wohin die Reise geht. Die Geschichte ist offen. Und das galt auch für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und für die Auseinandersetzung zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und der stalinistischen Sowjetunion.

Die Behauptung, die deutschen Angreifer hätten durchaus eine Chance auf den Sieg gehabt, scheint daher nur vordergründig jeder Logik und Erfahrung zu widersprechen. Einer alten militärischen Faustregel zufolge sichert erst eine dreifache Übermacht den Erfolg eines Angriffs. Davon waren die deutschen Streitkräfte, die am frühen Morgen des 22. Juni 1941 die Grenzen zur Sowjetunion überschritten, tatsächlich weit entfernt. Etwa 3,3 Millionen deutsche trafen auf etwa 5,3 Millionen sowjetische Soldaten. Zwar hatte die Wehrmacht Verbündete, nicht nur die Finnen und Rumänen, sondern anfangs auch ein stetig wachsendes Heer aus verbündeten Truppen, einheimischen Kollaborateuren und kleineren Kontingenten europäischer Freiwilliger. Doch konnten auch diese Mitstreiter an der quantitativen Unterlegenheit der Invasoren nichts ändern.

Die Wirklichkeit eines Krieges aber lässt sich nicht mit einem Abgleich von Zahlen erfassen. Sie ist ungleich komplexer, und es ist kein Zufall, dass Krieg oft als Chaos erlebt wird. Dass das Ergebnis nur schwer vorauszusagen ist, liegt in der Natur der Sache. Clausewitz definierte den Krieg als "das Gebiet der Ungewissheit", Friedrich der Große sprach von "Seiner Majestät, dem Zufall". Auch der Zweite Weltkrieg bietet genügend Beispiele dafür, dass der alliierte Sieg kein unumgänglicher, gleichsam natürlicher Vorgang war – erinnert sei nur an die Triumphe der Wehrmacht im Westen, auf dem Balkan und anfangs eben auch in der Sowjetunion.

Eigentlich sollte der Krieg in vier Monaten entschieden sein

Die deutschen Invasoren waren denn auch nicht so schwach, wie es zunächst scheinen mag. Ihre quantitative Unterlegenheit kompensierten sie durch ihre hohe Motivation, ihre Erfahrung, ihre solide Ausbildung, ihre exzellente Führung – zumindest im Taktischen und Operativen – und nicht zuletzt durch das Moment der Überraschung. Natürlich war ihr Gegner ungeheuer stark: 1941 verfügte die Rote Armee über 23.000 Panzer, 115.900 Geschütze und Granatwerfer sowie 13.300 einsatzbereite Flugzeuge. Doch handelte es sich um eine unerfahrene, zutiefst verunsicherte und zudem recht schwerfällige Streitmacht. Im Vergleich zur Wehrmacht war sie viel stärker das Produkt einer totalitären Diktatur, denn Stalin und seine Gefolgsleute schreckten auch vor der Terrorisierung ihrer eigenen Soldaten nicht zurück. Während der Jahre 1937 bis 1940 ließ die sowjetische Führung fast 600 ihrer höchsten Offiziere umbringen; im Ganzen wurden damals 100.000 Soldaten entlassen, verhaftet oder "liquidiert". 1941 fehlte nicht nur deren Sachverstand. Ihre Nachfolger besaßen oft auch nicht die Selbstständigkeit, vor allem aber nicht das Selbstvertrauen, das für eine erfolgreiche Führung nötig gewesen wäre.

Die deutschen Armeen und Panzergruppen nutzten diese Schwäche aus. Innerhalb weniger Wochen konnten sie Hunderte von Kilometern weit auf sowjetisches Territorium vordringen: Die Panzerspitzen der Heeresgruppe Mitte, des stärksten deutschen Großverbands, waren am 22. Juni noch etwa 1040 Kilometer von der sowjetischen Hauptstadt entfernt. Bis zum 15. Juli war diese Distanz bereits auf 350 Kilometer geschrumpft! Die Anfangsphase schien zu beweisen, dass der Blitzkrieg auch in den Weiten des sowjetischen Kriegsschauplatzes funktionierte. Eine sowjetische Armee nach der anderen wurde eingekesselt und zerschlagen. Bis Ende September 1941 gerieten 1,6 Millionen Rotarmisten in deutsche Kriegsgefangenschaft, bis Jahresende 3,3 Millionen.

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Vor dem Hintergrund dieser überwältigenden Anfangserfolge ist es durchaus nachvollziehbar, wenn selbst ein Fachmann wie der deutsche Generalstabschef Franz Halder Anfang Juli glaubte, dass "der Feldzug gegen Russland innerhalb [von] 14 Tagen gewonnen wurde". Auch in Großbritannien und den USA hatten hohe Militärs die sowjetischen Streitkräfte bereits abgeschrieben. "Ich vermute, man wird sie wie Vieh zusammentreiben", erwartete ein britischer General im Sommer 1941.

Doch dann dauerte alles viel zu lange. Eigentlich sollte der Krieg gegen die Sowjetunion in vier Monaten entschieden sein – eine Vorgabe, deren Umsetzung für die Wehrmacht zu einem beispiellosen Härtetest wurde. Als Erstes bekamen das die einfachen Soldaten zu spüren. Obwohl sie sich 1941 bald müde siegten, gönnte man ihnen keine Pause. Die horrenden menschlichen wie materiellen Verluste wurden kaum ausgeglichen. Zudem blieb völlig unklar, was sie langfristig erwartete. Auch im Kernbereich des militärischen Managements, der operativen Führung, zeigten sich unter dem wahnwitzigen Zeitdruck große Defizite. So konnten sich Hitler und seine militärischen Berater nicht darauf einigen, welche Ziele die Wehrmacht erobern sollte. Während Hitler vor allem die sowjetischen Rohstoff- und Industriezentren okkupieren wollte und von den drei nahezu gleich starken Heeresgruppen die Flügel – also die Heeresgruppen Nord und Süd – favorisierte, plädierten die Militärs für einen Angriff in der Mitte, also auf Moskau. Nur von dort aus schien ihnen das sowjetische Riesenreich beherrschbar, nur dort, so die Erwartung, würde sich die Rote Armee zur Entscheidungsschlacht stellen.

Was aber, wenn der Krieg anders verlaufen würde als geplant? Wenn aus vier Monaten fünf und sechs würden und aus sechs Monaten ein Jahr, zwei Jahre oder sogar noch mehr?

Darüber hatte man sich keine Gedanken gemacht. Aber genau das trat ein. Wenn derselbe General Halder, der im Juli bereits den Sieg vor Augen hatte, bereits am 11. August 1941 einräumte, "dass der Koloss Russland [...] von uns unterschätzt worden ist", so wird darin auch die Ratlosigkeit einer Führung erkennbar, die schon damals nicht mehr so recht wusste, was sie tun sollte.

Noch verhängnisvoller war die politische Anlage des Krieges, denn das Deutsche Reich kämpfte nicht nur gegen die Sowjetunion und ihre Streitkräfte, sondern in letzter Konsequenz auch gegen fast alle ihre Völker. Trotzdem boten sich am Anfang durchaus politische Chancen: In den Westgebieten der UdSSR wurde die Wehrmacht oft freudig begrüßt, denn viele erhofften sich von den deutschen Truppen eine Befreiung vom Joch der Sowjetherrschaft. Auch waren anfangs längst nicht alle Rotarmisten bereit und willens zu kämpfen. Diese Chancen wollte die deutsche Führung aber nicht nutzen: Statt zu versuchen, die Bevölkerung für sich zu gewinnen, verschärfte sie 1941 ihre Besatzungspolitik noch, die primär auf Unterdrückung, Ausbeutung und Vernichtung zielte. Nicht einmal taktische Zugeständnisse schienen Hitler und seiner Entourage nötig. Dabei wusste schon Cäsar, dass drei Dinge unabdingbar sind, wenn man einen Krieg gewinnen will: Man muss die gegnerischen Streitkräfte besiegen, das Land erobern und die Bevölkerung gewinnen oder ihren Willen brechen.

Die Deutschen manövrierten sich stattdessen in eine gefährliche Zwangslage. Die Menschen für sich einzunehmen – das wollten sie zunächst nicht. Sie unterdrücken aber konnten sie nicht. Die 100.000 Mann, welche die deutsche Führung als Besatzungstruppe eingeplant hatte, waren den 55 bis 65 Millionen Sowjetbürgern, die unter deutsche Herrschaft gerieten, hoffnungslos unterlegen. Trotzdem – oder gerade deswegen – traten die deutschen Okkupanten oft wie Herrenmenschen auf. Dass sie sich damit die Okkupierten immer mehr zum Feind machten, war abzusehen – mit der Folge, dass das Land, das die Wehrmacht unter gewaltigen Verlusten erobert hatte, ihr schon bald wieder entglitt. In den rückwärtigen Besatzungsgebieten begann dies schon 1941. Zwar experimentierten Teile der Wehrmacht seit 1942 mit neuen, moderateren Varianten der Besatzungspolitik, doch wollte ihr oberster Kriegsherr davon nichts wissen. Erst als alles zu spät war, im Herbst 1944, war die deutsche Führung zu vorsichtigen politischen Konzessionen bereit.

Im Dezember 1941 war klar, wie sehr die Deutschen ihre Kräfte überspannt hatten

Neben diesen politischen Chancen hätten sich im Schlüsseljahr 1941 der deutschen Seite auch strategische Optionen eröffnet, die den Krieg in eine andere Richtung hätten lenken können. Immerhin diskutierte Ende Juni, Anfang Juli die japanische Führung ernsthaft darüber, die UdSSR von Osten her "in die Zange zu nehmen". Ihre bis zum 2. Juli 1941 getroffene Entscheidung, stattdessen in Richtung Südostasien – und später in Richtung Pazifik – anzugreifen, war eine weltpolitische Weichenstellung. Hier ging es nicht um den Einsatz militärisch drittklassiger Verbände eines schwachen Verbündeten, hier ging es um die potenzielle Hilfe einer wirklichen Großmacht, die ihre Schlagkraft bislang noch kaum ausgespielt hatte. Zu Recht hat daher Andreas Hillgruber, einer der bedeutendsten deutschen Militärhistoriker, diese kurze Phase als den "Zenit des Zweiten Weltkriegs" bezeichnet. Dieser lag nicht in Stalingrad 1942 oder an den Landungsstränden der Normandie 1944, er lässt sich schon viel früher datieren – auf den Hochsommer 1941.

Das soll nicht heißen, dies sei bereits die definitive Entscheidung gewesen. Aber die deutschen Chancen auf einen Sieg begannen von nun an zu schwinden. Zwar konnte die Wehrmacht noch 1941 bis kurz vor Leningrad, Moskau und Sewastopol vordringen und dabei ein gewaltiges Terrain okkupieren – das Baltikum, Weißrussland, fast die gesamte Ukraine und große Teile Russlands–, eine militärische Entscheidung aber konnte sie nicht erzwingen, ja noch nicht einmal ihre Offensive vor Winterbeginn abschließen. Der Blick auf die Karte trog.

Wie sehr die deutsche Seite ihre Kräfte überspannt hatte, zeigte sich spätestens am 5./6. Dezember 1941, als eine sowjetische Großoffensive die erschöpften deutschen Verbände traf. Beinahe hätte das bereits den Krieg entschieden. Dass die deutsche Front nicht schon damals zusammenbrach, lag am Unvermögen der sowjetischen Strategen, denen es nicht gelang, ihre Kräfte auf wenige entscheidende Ziele zu konzentrieren – aber auch an der Professionalität und Härte ihrer deutschen Gegner. Trotzdem mussten diese nun unter größten Verlusten bis zu 300 Kilometer weit nach Westen zurückweichen. Auch wenn die deutsche Propaganda noch von "Frontbegradigungen" sprach, war spätestens jetzt unübersehbar geworden, dass es zu einer Wende in diesem Krieg gekommen war, zu einem Entzauberungsschlag, von dem sich die Wehrmacht nie mehr ganz erholen sollte. Auch sie war besiegbar.

Von Frühjahr 1942 an, als die große Schlammperiode alle Operationen fürs Erste erstickte, herrschte an der Ostfront dann vorerst ein Patt. Doch die Zeit arbeitete gegen Deutschland, denn im Dezember 1941 hatte es auch den USA den Krieg erklärt. Trotzdem zog Hitler keine Konsequenzen. Anstatt das fehlgeschlagene "Unternehmen Barbarossa" zu beenden, anstatt die vorsichtigen Friedensangebote aufzugreifen, die 1943/44 durch die Führungsinstanzen beider Seiten irrlichterten, anstatt strategische Alternativen wenigstens zu konzipieren, kannte dieser "Führer" nur eine Parole: Angriff! Oder, wenn das nicht mehr ging: Halten! Halten um jeden Preis!

Militärische Alternativen – eine beweglichere, defensive Kriegführung und einen systematischen Aufbau von Reserven – ließ dieses Konzept, das einzig und allein auf die Einverleibung von Raum zielte, nicht zu. Stattdessen verpulverte Hitler die deutschen Kräfte in immer neuen Offensiven: 1942 mit Ziel Stalingrad und Kaukasus, 1943 mit Ziel Kursk. Der Wehrmacht brachte dies nichts als Hunderttausende von Opfern ein. Die Folge war, dass die deutsche Offensivkraft von Jahr zu Jahr dahinschmolz: Im Sommer 1941 hatte die Wehrmacht noch auf voller Front mit drei Heeresgruppen angegriffen, ein Jahr später war es nur noch eine, 1943 waren noch zwei Armeen in der Offensive, im Sommer 1944 verlor das Ostheer das Gesetz des Handelns endgültig.

Das lag nun bei seinem Gegner, der bislang seine großen Angriffe meist im Winter gestartet hatte. Nicht so am 22. Juni 1944. Mit der "Operation Bagration", einer gigantischen Großoffensive, demonstrierte die Rote Armee auf den Tag genau drei Jahre nach Beginn des Krieges, wie sehr dieser für sie zu einem Lernprozess geworden war. In nur wenigen Tagen gelang es der sowjetischen Seite, den stärksten deutschen Großverband, die Heeresgruppe Mitte, vollkommen zu zerschlagen. Dies war der bis dahin größte sowjetische Sieg und die mit Abstand schwerste Niederlage der Wehrmacht, die zu Unrecht im Schatten von Stalingrad steht. Dort hatte die Wehrmacht 175.000 Tote und Gefangene beklagen müssen, 1944 waren es knapp 400.000.

Die deutsche Besatzungsherrschaft in der Sowjetunion war damit zu Ende. Aber der Krieg ging weiter. Denn der sowjetischen Führung gelang es nicht, die beispiellos günstige Lage auszunutzen. Bis ins Innere des Deutschen Reichs vorzustoßen, in das fast unverteidigte Berlin, wäre im Spätsommer 1944 durchaus möglich gewesen. Dass dies unterblieb, lag nicht allein an den Verlusten und Anstrengungen der zurückliegenden Monate, an überdehnten Versorgungs- und Verbindungslinien oder daran, dass der beginnende Einmarsch in Deutschland die Disziplin der Roten Armee zum Teil gelockert hatte. Viel folgenreicher war, dass die sowjetischen Militärs noch immer gewaltigen Respekt vor ihren deutschen Kontrahenten hatten. Dass diese nicht unbesiegbar waren, wussten sie schon lange. Aber sie hatten in den vorhergehenden Wintern immer wieder erlebt, über welch erstaunliche Regenerationskraft die Wehrmacht verfügte. Obwohl diese Kraft damals definitiv verbraucht war, sollte die Vorstellung von den unheimlichen militärischen Fähigkeiten der Deutschen noch einmal ihre Wirkung entfalten.

Anfangs gab es noch Hoffnungen auf die "Wende" oder ein "Remis"

Tatsächlich aber war der Krieg im Spätsommer 1944 entschieden. Eine politische Lösung kam für Hitler trotzdem noch nicht infrage. Seit 1939 und erst recht seit 1941 hatte er mit selbstmörderischer Konsequenz eine Brücke nach der anderen hinter sich abgebrochen, die Spielräume der deutschen Strategie konsequent verkleinert.

Wie falsch das alles war – bereits im Strategischen, vom Ideologischen einmal ganz abgesehen, hatte sich schon früh abgezeichnet, eigentlich schon im Herbst 1941, mit dem Auslaufen der deutschen Offensive vor Moskau. Doch erwies sich die deutsche Führung als unfähig, nicht selten auch als zu feige, um sich das einzugestehen.

Anfangs nährte sie sich noch von vagen Hoffnungen auf eine militärische oder politische "Wende" oder wenigstens auf ein "Remis", am Ende standen dann nur noch Resignation, Starrsinn oder Untergangsromantik. Unbeeindruckt von allen Niederlagen, verkündete Hitler noch im Dezember 1944, der Gegner könne "nie auf eine Kapitulation rechnen, niemals, niemals".

Selbst jetzt folgten ihm die meisten Deutschen noch. Wie oft das aus Überzeugung geschah, aus Gewohnheit, aus Zwang oder aus Furcht vor den "bolschewistischen Horden", aus einem Gefühl der Schuld, der nationalen oder der individuellen, oder aus Sorge um die eigene Heimat, das lässt sich nur schwer sagen. Dass sich die deutsche Gesellschaft unter dem Eindruck der dramatischen militärischen Entwicklung von Hitler und vom Nationalsozialismus allmählich entfremdete, steht außer Frage. Sicher ist aber auch, dass die immer terroristischer werdende Herrschaftssicherung des NS-Regimes diesen Mentalitätswandel nach außen kaum sichtbar werden ließ. So blieb auch dann, als dieser Krieg militärisch längst entschieden war, nur eine Aussicht, und zwar für beide Seiten: weitermachen wie bisher.

Der Rest war nur noch Vollzug. Ein Schlachten, das nochmals Hunderttausende von Menschenleben forderte, auf sowjetischer und nun noch mehr auf deutscher Seite. Und doch sollte dieser Krieg nicht müde werden und an Auszehrung sterben. Vielmehr mobilisierten beide Seiten im "Endkampf" um Deutschland noch einmal alle Kräfte. Erst als es buchstäblich nichts mehr zu kämpfen gab, als fast das gesamte deutsche Machtgebiet und seine Führungszentralen besetzt waren und sich Hitler am 30.April 1945 umgebracht hatte, erst dann liefen die Kämpfe aus.

Der verwegene wie verbrecherische Versuch des Deutschen Reichs, sich eine Position als Weltmacht zu erkämpfen, endete in seinem totalen Ruin. Für die Sowjetunion wurde wiederum genau das zur Voraussetzung ihres Aufstiegs zur Supermacht in einer bipolaren Welt. Doch war ihr Sieg teuer erkauft.

Die sowjetischen Menschenverluste im Zweiten Weltkrieg werden auf 27 Millionen geschätzt: Etwa elf Millionen Rotarmisten ließen im Kampf ihr Leben, ungefähr drei Millionen Kriegsgefangene starben in deutschen Lagern. Dazu kommen mehr als zwei Millionen ermordete sowjetische Juden und sechs bis zehn Millionen weitere Zivilisten – allein die Blockade Leningrads forderte etwa eine Million Menschenleben.

Die deutschen Opferzahlen sind niedriger als die sowjetischen – was nicht nur daran liegt, dass die demografische Basis kleiner war. Von den insgesamt mehr als fünf Millionen deutschen Kriegsgefallenen starben etwa drei Millionen an der Ostfront. In der Anfangszeit des Krieges überlebte zudem nur ein kleiner Anteil der deutschen Soldaten, die in sowjetische Kriegsgefangenschaft gerieten. Hinzu kommen die Opfer, die aufgrund der sowjetischen Besetzung, aufgrund von Flucht und Vertreibung, Deportation oder Verhaftung ums Leben kamen. Ihre genaue Zahl kennt niemand. Die Schätzungen bewegen sich zwischen einigen Hunderttausend und zwei Millionen Menschen.

War der Ausgangdieses Krieges unausweichlich? Während seiner ersten Wochen nicht unbedingt. Man sollte nicht vergessen, wie viel militärische und politische Entscheidungsgewalt gerade damals in den Händen der deutschen Führung lag. Dann aber begannen sich die deutschen Erfolgsaussichten zu verflüchtigen, lange bevor dies eine militärische "Wende" sichtbar werden ließ. Sicherlich war die lange Dauer dieses Krieges, war die Tatsache, dass er bis zum bitteren Ende durchgefochten wurde, Ausdruck einer Zwangslage, vor allem aber war es das Ergebnis einer bewussten Entscheidung. So entschlossen Hitler und die deutsche Führung – und ihnen folgend die deutsche Gesellschaft – diesen Krieg vom Zaun gebrochen hatten, so konsequent versäumten sie es, ihn zu beenden. Trotzdem war die militärische Entwicklung selbst in der zweiten Kriegshälfte nicht einfach programmiert. Es war ein hartes, grausiges, zähes und nicht zuletzt ungeheuer blutiges Ringen bis in die letzten Tage. Es war ein einziger Abgrund. Noch furchtbarer wären freilich die Abgründe gewesen, die sich bei einem deutschen Sieg aufgetan hätten.