ZEIT Geschichte: Frau Neiman, Sie sind Amerikanerin und leben seit vielen Jahren in Deutschland. Herr Sommer, Sie haben sich Ihr Leben lang für Amerika interessiert und begeistert. Was waren Ihre ersten Eindrücke? Wie haben Sie Amerika, wie haben Sie Deutschland erlebt?

Susan Neiman: Deutschland, das bedeutete für mich zunächst einmal Nazis. Ich wurde 1955 in Atlanta, Georgia, geboren. Und die Ansicht, dass alle Deutschen Nazis sind, war damals nicht nur unter Juden oder in Amerika verbreitet, sondern weltweit. Meine Großeltern waren Juden aus Osteuropa. Deutsche Vorfahren habe ich keine – anders als etwa 50 Millionen meiner Landsleute, deren Ahnen aus Deutschland stammen. Inzwischen aber habe ich selbst Wurzeln in Deutschland geschlagen. Ich lebe in Berlin nun schon länger als in jeder anderen Stadt zuvor. Mein ursprüngliches Bild "Deutschland gleich Nazis" hatte ich allerdings schon revidiert, bevor ich 1982 zum ersten Mal hierherkam. Vor allem eine Figur spielte dabei eine wichtige Rolle: Willy Brandt. Vor einigen Jahren, als ich eine Kiste durchsuchte, habe ich einen Brief vom Kanzleramt gefunden, aus dem Jahr 1974. Ich hatte damals – ein ungebildetes, provinzielles Mädchen – eine Art Beileidsbrief an Brandt geschrieben, dass es mir so leidtue, dass er aus dem Amt scheiden müsse. Für mich war er das Symbol eines anderen Deutschlands.

Theo Sommer: Meine ersten Amerika-Eindrücke fallen noch in die Nazizeit. Im Jahr der Pogromnacht 1938 – ich war gerade acht Jahre alt – bekam ich eine Postkarte von einem jüdischen Klassenkameraden, der noch rechtzeitig ausgewandert war, nach Cincinnati. Dieser Name, der Klang dieses Wortes, das hat sich mir tief eingeprägt. Zwanzig Jahre später bin ich dann zum ersten Mal mit dem Greyhound durch die USA gefahren und kam auch zur bus station von Cincinnati. Bis heute habe ich diesen für mich typisch amerikanischen Geruch in der Nase: Kaffee, Camel-Zigaretten und Donuts. Und natürlich habe ich, wie wohl jeder junge Deutsche, auch viel aus den Büchern von Karl May geschöpft...

Neiman: ...den kaum ein Amerikaner kennt!

Sommer: In Deutschland aber gab es zu meiner Zeit kaum einen Jugendlichen, der nicht mindestens einen der 65 Karl-May-Bände gelesen hat. Und dann kam, nach dem Krieg, die augenöffnende amerikanische Literatur nach Deutschland. Hemingway , Dos Passos, Steinbeck – all die Bücher, die unter den Nazis verboten und nicht greifbar gewesen waren. Ich habe das aufgesogen wie ein Schwamm, in einem kleinen Amerikahaus in Schwäbisch Gmünd. Und ich wollte raus aus Deutschland. Ich wäre überall hingegangen. Dass es dann tatsächlich Amerika wurde, kam eher zufällig: Ich war nach dem Abitur 1949 als Lokaljournalist in Gmünd tätig, bin mit dem Fahrrad durch Baden-Württemberg gefahren und habe für eine Artikelserie internationale Jugendlager besucht. Eines hat mir besonders gut gefallen, es wurde von Mitgliedern einer amerikanischen Kirchengemeinde geleitet, die mir einen Platz an einem kleinen College in Indiana vermittelten. Ich habe damals den ganzen Mittleren Westen bereist. Ich habe Traktor fahren gelernt und Mais ernten.

Neiman: Das ländliche Amerika.

Sommer: Ja, das rock-bottom America . Etwas später habe ich dann an der University of Chicago Geschichte studiert – zu einer Zeit, als es dort noch die berühmten großen Schlachthöfe gab. Da fuhren wir manchmal hin und aßen für 98 Cent ein Steak, so groß wie ein Klosettdeckel. Aber wenn der Wind falsch stand, dann zog diese Wolke, dieser süßliche Schlachthausgeruch, über den Campus. Ich habe also nicht nur das intellektuelle Amerika wahrgenommen. Dieses intellektuelle Amerika ist für mich allerdings immer der Bezugspunkt geblieben. Es wurde mir übrigens ganz maßgeblich durch jüdische Emigranten nahegebracht, durch den deutschamerikanischen Historiker Hans Rothfels etwa, bei dem ich später promoviert habe.

Neiman: Ich sehe da durchaus Ähnlichkeiten zu meiner Geschichte. Ich wollte zwar nicht unbedingt raus aus Amerika, aber ich wollte unbedingt nach Europa . Europa war für mich der Ursprungsort von Kultur schlechthin. Ich habe damals in Harvard bei dem amerikanischen Philosophen John Rawls und bei Stanley Cavell studiert, durch den ich die analytische Philosophie kennengelernt habe. Ich war dabei, eine Doktorarbeit über Kant zu schreiben, und da lag es nahe, ein Jahr in Deutschland zu verbringen. So bin ich 1982 nach West-Berlin gekommen – auch wenn Frankfurt für mein Fach naheliegender gewesen wäre – und habe mich sofort in diese Stadt verliebt. Wobei mich dort bald alles andere mehr interessiert hat als die Philosophie im engeren Sinne. In Harvard ging es darum, ob Philosophie nach Wittgenstein noch möglich ist; in Berlin ging es darum, ob Philosophie nach Auschwitz noch möglich ist. Das Thema Vergangenheitsaufarbeitung spielte für mich daher schnell eine wichtige Rolle, bis heute komme ich nicht davon los.