Der Mann, der Deutschland mit seiner "Wunderwaffe" V2 den Sieg bringen sollte, erlebt das Kriegsende in angenehmer Ruhe. In Oberammergau genießt er, unter Aufsicht der SS, das Frühlingswetter im Kreise seiner Mitarbeiter aus der Heeresversuchsanstalt Peenemünde: "Wir saßen auf unserem Berg, und unten durch die Täler zogen die Alliierten." Längst ist Wernher von Braun bereit, zum Feind überzulaufen. Am 2. Mai 1945 – das Radio hat gerade Adolf Hitlers Tod vermeldet – schickt er seinen Bruder mit dem Fahrrad ins Tal zu den amerikanischen Truppen. "Mein Land hat zwei Weltkriege verloren", schreibt er. "Diesmal möchte ich auf der Seite der Sieger stehen."

Die Sieger werden ihm diesen Wunsch erfüllen. Der Feind von gestern wird zum Freund und Helfer, und so handelt die Geschichte Wernher von Brauns nicht nur vom Opportunismus eines Einzelnen, sondern auch von dem einer Großmacht: Nach 1945 holen sich die Amerikaner mehr als eintausend deutsche Wissenschaftler – Raketenbauer, Flugzeugingenieure, Luftfahrtmediziner – ins Land; eine Operation, die unter dem Codenamen Overcast ("Bewölkt") beginnt und als Projekt Paperclip ("Büroklammer") mehr als zwanzig Jahre lang fortgeführt wird.

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Bereits im Frühsommer des Jahres unterziehen Briten und Amerikaner die Raketenwissenschaftler aus Peenemünde in Garmisch-Partenkirchen einer mehrere Wochen dauernden Befragung. Wernher von Braun nutzt die Gelegenheit, um für sich zu werben. Eine "sorgfältig geplante Entwicklung der Raketenwissenschaft" werde "revolutionäre Auswirkungen im wissenschaftlichen wie im militärischen Bereich haben", prophezeit er den Alliierten. "Hyperschallflugzeuge", eine Raumstation, ein Weltraumspiegel, um Energie zu gewinnen und das Wetter auf der Erde zu manipulieren, ein bemannter Flug zum Mond – all das sei nicht nur denkbar, sondern machbar: mit ihm und seinem Wissenschaftlerteam.

Schon als Jugendlicher träumte der 1912 in Wirsitz (Posen) geborene Wernher von Braun vom Bau einer Mondrakete. Und in einer Science-Fiction-Geschichte, die er sich im Alter von 17 Jahren ausgedacht hat, taucht auch erstmals der die Erde kontrollierende Weltraumspiegel auf, den er 1945 den Amerikanern in Aussicht stellt. Lunetta heißt diese Erzählung, und sie spielt sämtliche Motive in Brauns Leben an: Da ist der absolute Glaube an das technisch Machbare, da ist das All als zu erobernder Raum, und da ist die Idee einer totalen Macht, die qua technischer Überlegenheit den Erdball beherrscht.

Fortschrittsgläubig in allen Technikfragen, zutiefst konservativ aber in seinen Ordnungsvorstellungen, ist Wernher von Braun der typische Vertreter einer reaktionären Modernität. Die Politik interessiert ihn stets nur so weit, wie sie seinen Zielen dient. Umgekehrt dient er sich den jeweils herrschenden Verhältnissen ohne Wenn und Aber an, wenn es darum geht, seinen Traum zu verwirklichen.

Seine Faszination für die eigene Sache ist dabei so groß, dass sie ihn geradezu umstrahlt. Schon in den zwanziger Jahren schlägt Wernher von Braun die Menschen dadurch in seinen Bann. Die Raketenforschung kommt damals gerade in Mode. Die Öffentlichkeit verfolgt spektakuläre Versuchsfahrten mit Raketenautos, und bald richten sich die Blicke auch auf den von Technikenthusiasten eingerichteten Berliner Flugplatz des "Vereins für Raumschifffahrt". Wernher von Braun zündet hier 1928 erste eigene Raketen und startet eine Marketingkampagne für die neue Technik.

1932 wird das Militär auf den begabten jungen Mann aufmerksam: Er soll im Auftrag der Reichswehr unter Umgehung der Versailler Bestimmungen raketengetriebene Waffen entwickeln. Nach 1933 bringen dann die Kriegspläne des "Dritten Reiches" seine Karriere voran. 1937 steigt er zum technischen Direktor der neu eingerichteten Versuchsstelle des Heereswaffenamtes (HWA) in Peenemünde an der Ostsee auf. Noch im selben Jahr tritt er in die NSDAP ein. Wernher von Braun ist damals 25 Jahre alt. 1940 wird er Mitglied der SS. Als Nationalsozialist im engeren Sinne tut er sich indes nie hervor. Er ist kein Mitdenker – sehr wohl aber ein Mittäter.