Die Freiheit muss warten, das Wetter ist zu schlecht. Erst hat es geschneit, jetzt sind die Straßen überschwemmt. Pennsylvanias Revolutionäre bleiben zu Haus. Nur eine kleine berittene Gesellschaft hat es an diesem 19. Februar 1778 eilig, aus dem Städtchen York aufzubrechen, und sie ist selbst unter den ungewöhnlichen Umständen dieser Zeit bemerkenswert: ein in die Jahre gekommener, beleibter deutscher Baron mit dem riesigen Stern eines deutschen Ritterordens auf der Brust, in seinem Schlepptau zwei französische Adjutanten und ein wolfsartiger Hund namens Azor mit schlechten Manieren und einem Appetit wie ein erwachsener Mann.

400 Meilen hat der Baron seit Boston hinter sich gebracht, zu Pferd auf vereisten Wegen durch ein Land, dessen Sprache er nicht versteht, und das war nur der letzte Abschnitt einer Reise, die in Paris begonnen hat. Doch er ist bester Dinge. Das Treffen mit den 20 ehrenwerten Herren, an dem seine ganze Zukunft hing, ist zu seiner vollsten Zufriedenheit verlaufen. Auch wenn sein Status noch nicht ganz geklärt ist – Baron Friedrich Wilhelm von Steuben ist endlich wieder Offizier.

Das 2.000-Einwohner-Städtchen York, umgeben von Pennsylvanias Farmen, ist die Hauptstadt der jungen amerikanischen Republik, auf der die Augen ganz Europas ruhen, seit sie am 4. Juli 1776 ihre Unabhängigkeit erklärt und die Gleichheit aller Menschen zu ihrem Leitprinzip erklärt hat. Die Herren, die, reichlich provisorisch, im ersten Stock von Yorks Gerichtsgebäude tagen, sind der Kongress der Vereinigten Staaten von Amerika, die Regierung.

"Wie Deutsche die USA prägten" ist das Thema der aktuellen ZEIT-Geschichte-Ausgabe. Klicken Sie auf das Bild, um zur Seite des Magazins zu gelangen

Mit mehreren Empfehlungsschreiben für George Washington in der Tasche macht sich Steuben nun auf, die letzten 90 Meilen nach Osten zurückzulegen, um sich beim Oberbefehlshaber der Kontinentalarmee vorzustellen. Nur ein paar Monate zuvor hätte der Weg aus der Hauptstadt noch von Süden heraufgeführt, von Philadelphia. Seit einem knappen halben Jahr aber ist Philadelphia von den Briten besetzt, und die Armee, die sie aus dem Land jagen soll, kauert vor den Toren der Stadt in ihrem Winterlager aus Blockhütten in Valley Forge. Es steht nicht gut um die Sache der Republik. Seit am 19. April 1775 der Krieg der Kolonien gegen das Mutterland begonnen hat, sind fast drei Jahre vergangen, und nicht nur New York befindet sich nach wie vor fest in britischer Hand, auch bei den Kämpfen um Philadelphia haben die Rebellen zwei Niederlagen eingesteckt.

Die Dokumente, die Steuben Washington überreicht, zeichnen ein goldenes Bild des Barons: Steuben sei Generalleutnant der preußischen Armee gewesen, zuvor Adjutant und Generalquartiermeister Friedrichs des Großen. Großzügig habe er Rang und Einkommen aufgegeben, um sich freiwillig und ohne Bezahlung der amerikanischen Sache zu widmen.

Das alles ist, wo nicht erfunden, maßlos übertrieben. Einflussreiche Freunde in Europa haben Steubens Lebenslauf überarbeitet, um ihm eine Chance in Amerika zu verschaffen. Steuben hat zwar einst in Preußen eine vielversprechende Karriere in der Armee begonnen und auch eine kurze Zeit am Hof verbracht, aber nie mehr als den Rang eines Hauptmanns bekleidet. Noch dazu ist das bereits fast 15 Jahre her. Nicht Besitztümer, sondern Schulden hat er zurückgelassen, und das mit der Bezahlung muss sich auch schnell regeln, sonst ist er aufgeschmissen.

Das Militär ist in seinem Leben zunächst alles, was er kennenlernt. Sein Vater ist verdienter Ingenieur in der Armee des preußischen Königs, die bald zu den professionellsten Streitkräften Europas gehören wird. Nach einer Kindheit in Garnisonen zwischen Sankt Petersburg und Breslau tritt Steuben 1746 selber in die Armee ein, da ist er noch keine 16. Im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) gelingt ihm ein schneller Aufstieg, der ihn immerhin als Quartiermeister-Leutnant bis in die königliche Suite Friedrichs des Großen führt. Doch am Ende des Krieges bekommt ein anderer das Kommando über das Regiment, auf das er spekuliert hat, und Steuben muss seine ehrgeizigen Ziele begraben. Womöglich hat er sich Feinde gemacht. 1763 reicht er seinen Abschied ein – und steht vor dem Nichts, denn im kriegsmüden Europa gibt es wenig Karrierechancen für einen Offizier. Steubens materielle Lage ist prekär. Er hat kein Vermögen, dafür aber einen Hang zu teurer Kleidung und eine Vorliebe für Gesellschaften. Der Ehrgeiz und die Schulden werden die Konstanten seines Lebens bleiben.