Allerdings war Friedrich flexibel genug, seine Strategie zu ändern. »Wenn diese Mode noch ein paar Jahre dauert, wird man, glaube ich, zu guter Letzt Detachements von 2.000 Mann mit 6.000 Kanonen in Marsch setzen«, schrieb er nach der verlorenen Schlacht von Kunersdorf. »So lächerlich das ist, man muss sich gegen seinen Willen diesem Verfahren anpassen, denn sonst gibt es keine Rettung.«

In der Schlacht von Kunersdorf zeigen sich die Schwächen der friderizianischen Kriegführung so deutlich wie nie zuvor. Der 12. August 1759, schreibt der Kölner Historiker und Friedrich-Biograf Johannes Kunisch , demonstriere wie kein anderer Tag »das ungestüm Drängende und zum Äußersten Entschlossene seiner Feldherrenkunst«. Bereits früher gemachte Fehler wurden ihm diesmal zum Verhängnis. »Schon bei der Eröffnung des Gefechts« habe sich der König »über alles hinweggesetzt, was nach den Prinzipien der damaligen Kriegslehre angeraten war«. Die Stärke der russischen Armee unterschätzte er grob. Weil für den Angriff der Infanterie nur ein verhältnismäßig schmaler Streifen zur Verfügung stand, konnten die preußischen Musketiere und Grenadiere außerdem nicht in breiter Linie vorrücken. Vor allem aber hatte der König die Topografie falsch beurteilt. Von seinem Aussichtspunkt aus hatte er den Eindruck, dass eine ebene Fläche vor ihm liegt. Er sah nicht die Teiche, die den Angriffsabschnitt einengten, nicht den Bach und die Moraste, die das Vorwärtskommen erschwerten, und auch nicht die Anhöhe am Kuhgrund.

Die siegreichen Gefechte Friedrichs waren dagegen Musterbeispiele militärischer Präzision gewesen – mit exakt aufeinander abgestimmten Bewegungen von Menschen, Pferden und Geschützen. Bei der Infanterie, die mit 75 Schritt pro Minute in geschlossener Linie dem Feind entgegentrat, kam es entscheidend auf die gleichförmige Verrichtung der Lade- und Schießvorgänge an. Keine Armee beherrschte das besser, keine schoss treffsicherer und – mit bis zu sechs Schuss pro Minute – schneller als die preußische.

Die Kriegswissenschaft des 18. Jahrhunderts, sagt der Historiker Jannis Wagner, »war eine Tochter von Mathematik und Geometrie. Sie operierte mit Geraden und Zirkellinien der Marschrichtungen, den Intervallen zwischen Laden und Feuern.« Friedrich selbst bezeichnete seine Armee als »vollkommene Maschine«. In dieser Maschine, so Jannis Wagner, waren die gemeinen Soldaten »der Grundstoff, aus dem die einzelnen militärischen Einheiten gebildet wurden«, die Offiziere dagegen »die Maschinisten, die das Funktionieren der Maschinerie gewährleisteten«.

Allerdings tat Friedrich wenig, um selbst hochrangige Offiziere auf ein selbstständiges Kommando vorzubereiten. Im Gegenteil: Während des Siebenjährigen Krieges brachte er Generale auf entfernten Kriegsschauplätzen durch von ihm übermittelte Befehle etliche Male in große Bedrängnis. Resultat des zwanghaften Bedürfnisses, jedes Bataillon seiner Armee selbst zu kontrollieren, war nach Ansicht von Christopher Duffy ein Heer, »dessen Infanterie man durch Prügel zum Kadavergehorsam erzogen hatte und dessen Generalen die Fähigkeit zum selbstständigen Führen verloren gegangen war«.

Die preußische Armee-Maschine beruhte auf Drill und Entindividualisierung. Nur unter Zwang ließen sich Tausenden von Soldaten, mit schwerem Gepäck beladen, wochenlange tägliche Marschleistungen von 20 Kilometern und mehr abverlangen. In der Schlacht war die Disziplin erst recht erste soldatische Tugend. »Gewiss geht es über das Menschliche weit hinaus«, gab ein preußischer Rittmeister 1757 nach der verlorenen Schlacht bei Kolin zu bedenken, »dass ein Soldat unbeweglich wie eine leblose Statue auf dem ihm angewiesenen Posten stehen muss, wenngleich Kugeln, Haubitzen und Kartätschen ihm um die Ohren fliegen.«

Das Prinzip der Subordination als »Seele der Armee« war unter Friedrich II. dabei längst in eine Disziplinierungsbesessenheit umgeschlagen. Der gemeine Soldat müsse »vor dem Officiere mehr Furcht als vor dem Feinde haben«, lautete sein Leitprinzip, da ansonsten niemand imstande sei, »ihn zum Angriff unter dem Getöse von 300 Kanonen zu führen, welche ihm entgegendonnern«. Stockschläge, Arrest, Haft, Fausthiebe oder Anketten an das Bettgestell waren an der Tagesordnung. Und natürlich das Spießrutenlaufen: Ein ums andere Mal wurde der in Ungnade Gefallene durch eine Gasse von 200 Mann getrieben, die mit eingeweichten Haselstecken auf ihn einhieben. Oft riss man dem Gefolterten am nächsten Tag erneut »die Kleider vom zerhackten Rücken« und haute wieder drauflos, »bis Fetzen geronnenen Bluts über die Hosen hinabhingen«. Korporale prügelten mit dem Stock auf jeden Soldaten ein, der nicht kräftig genug zuschlug. Auch während der Schlacht begradigte der Offiziersstock die Reihen.

Kaum jemand unterwarf sich freiwillig solcher Tortur. Der König hatte jedem Regiment daher eine Art permanentes Jagdrevier zugewiesen, einen Rekrutierungsbezirk, aus dem es die Wehrfähigen nach Bedarf abschöpfte. Besonders die Infanterie, schreibt Johannes Kunisch, sei »von gescheiterten Existenzen, Fahnenflüchtigen und einer großen Zahl zu den Waffen Gepresster in so beherrschendem Maße geprägt« gewesen, dass die friderizianische Armee »einen sozialen Körper von großer Labilität darstellte«.