Ich gehöre zur Generation der roten Babyboomer, der ersten Generation, die in der Volksrepublik unter Mao aufwuchs. Zu unserer kollektiven Erinnerung gehört ein Lied. Es heißt Wir sind die Erben des Kommunismus. Wir waren die Roten Pioniere. Fröhlich hassten wir Kapitalismus und Imperialismus.

Wir waren die Roten Garden. Wir haben fürchterliche Verwüstungen auf dem Lande angerichtet. Wir haben gegen unsere Schulrektoren, gegen unsere Lehrer, gegen unsere Nachbarn, sogar gegen unsere eigenen Eltern gekämpft. Wir haben sie auf die Straße gezerrt, wir haben sie erniedrigt, wir haben sie in der Öffentlichkeit zur Schau gestellt, wir haben sie zu Tode geprügelt. Alles, um unseren großen Führer, den Vorsitzenden Mao, zu verteidigen. Wir wollten beweisen, dass wir Mao mehr liebten als unsere Familien. Dann starb Mao.

Wir waren auch die größten Verlierer. Eine anständige Bildung blieb uns versagt. Wir gehorchten. Als Mao sagte: Geht aufs Land, gingen wir aufs Land. Wir verloren unsere Wohnungen in der Stadt. Wir mussten die örtlichen Beamten bestechen, um in die Städte zurückkehren zu können, in denen wir aufgewachsen sind, wo wir zu Hause waren. So lernten wir das System kennen.

Wir waren Rebellen – einst. Wir bekämpften das System. Wir verfassten bändeweise klandestine Schriften darüber, wie eine neue Ordnung für China aussehen könnte. Aber das System gewann. Wie sagt man im Englischen: If you can’t beat them, join them. Wenn sie stärker sind als du, kämpfe nicht gegen sie – schließ dich ihnen an. Das haben wir getan. Jetzt denken wir uns Theorien aus, um das System zu verteidigen. Wir sagen zu unseren Kindern: Demokratie ist ein Märchen. Werdet erwachsen, seid vernünftig – und verdient Geld.

Wir sind Opportunisten. Als wir kapiert haben, dass China ein Land voller Möglichkeiten ist, ergriffen wir unsere Chance und machten Millionengewinne. Manche von uns sitzen im Gefängnis. Aber das ist okay. Wir glauben nicht an den Himmel. Wir glauben nicht an die Hölle. Wir alle werden sterben wie Mao. Aber was wir wollen, ist, wie Mao zu leben. Und wir wollen mit einem Paukenschlag verlöschen, nicht mit einem Winseln. Wir sind tapfer und gewieft. Und wir sind hungrig.

Wir sind Überlebende. Das Schicksal hat uns ein paar hart angeschnittene Bälle hingeknallt. Die kleinen Idealisten, die wir waren, wurden ins wirkliche Leben gestoßen. Wir haben es überlebt. Ungebildet und unvorbereitet, mussten wir uns dem Westen stellen, den wir zu hassen gelernt hatten. Der Westen war auf einmal mitten in unseren Heimatstädten. Wir vergaßen unsere jugendlichen Schwüre, Erben des Kommunismus zu sein. Stattdessen stürzten wir uns ins Getümmel, um große Industrieführer zu werden. Wir sind wie Pygmalion, der sich in sein eigenes Werk verliebt.

Und nun, schaut uns an. 

Wir sind die Macht. Wir haben jetzt die Hebel in der Hand. Wir sind das System. Jetzt sind wir dran, dieses Land zu führen. Wir sind die reichste Regierung der Welt. Wir sind das Reich der Mitte. Wieder! Wir haben die Macht, das System zu ändern. Wir haben aber auch die Macht, jeden zu zerschmettern, der das versucht. Wir haben die Macht, unseren Traum wahr zu machen. Allein – wir wissen nicht mehr, was unser Traum ist. Wir haben die Macht, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, nur ist es schwer, sich vorzustellen, was für eine Welt das sein könnte. Aber wir wissen, dass wir die Macht haben.

Nun, nach all den Jahren, ist es wirklich an uns.

Aus dem Englischen von Christian Staas